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Schweizer Medien misstrauen Militärpropaganda

Die Medien werden in Irak schwierige Arbeitskonditionen vorfinden. Keystone

In den Medien-Redaktionen hatte man sich vor Beginn der US-Angriffe auf Irak intensiv überlegt, wie über den zweiten Golfkrieg in möglichst objektiver und zuverlässiger Weise berichtet werden kann.

Beim Golfkrieg von 1991 hatten auch die Schweizer Medien die Ereignisse allzu kritiklos begleitet.

Jeder Krieg bedeutet in erster Linie Tod, Leiden und Zerstörung. Er hinterlässt damit schreckliche Erinnerungen. Jetzt hat der zweite Golfkrieg begonnen.

Der erste Golfkrieg von 1991 hatte bei den Schweizer und anderen europäischen Medien wegen der damaligen Informationspolitik einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen.

Nie zuvor hatten Journalistinnen und Journalisten den Eindruck gewonnen, so eindeutig zum Instrument militärischer Propaganda geworden zu sein wie im Golfkrieg von 1991. Die Militärs betrieben die Selektion der Information noch gewissenhafter als jene der Bomben.

«Sämtliche Nachrichten wurden zuerst vom Pentagon, und dann von CNN kontrolliert und gefiltert. Das Schweizer Fernsehen und die anderen europäischen TV-Anstalten mussten sich damit begnügen, mit Studiogästen die amerikanischen Bilder zu kommentieren», bilanziert Peter Glotz, Professor für Kommunikation an der Universität St.Gallen.

12 Jahre nach dieser bitteren Erfahrung und bis kurz vor Ausbruch eines erneuten Kriegs am Golf betrieben die Schweizer Medien Selbstkritik und fragten sich, wie sich beim jetzt begonnenen zweiten Waffengang ein ähnliches Informations-Desaster vermeiden liesse.

Hysterie unmittelbarer Kommunikation

Der Golfkrieg 1991 war nur zwei Jahre nach dem Mauerfall von Berlin ausgebrochen.

Es war ein historischer Moment, in dem sich auch bei den Medien die Hoffnung auf eine neue Informationsfreiheit breit gemacht hatte. Das Ende des Kalten Krieges schien das Ende einer von den Machtblöcken gesteuerten Informations-Propaganda zu bedeuten.

Doch die «Operation Wüstensturm» wirbelte tatsächlich soviel Staub auf, dass eine unabhängige Sicht auf die Kriegsfront unmöglich war. «Die Amerikaner hatten aus dem Vietnamkrieg ihre Lehren gezogen: keine Bilder mit Toten und Verletzten, sondern nur Bilder von ’sauberen‘ Bomben, die ihre Ziele genau treffen», sagt Glotz.

«Neben dem Vietnamsyndrom gab es eine allgemeine Hysterie in Bezug auf eine unmittelbare Live-Berichterstattung durch die Medien. Dies war eine Folge des Aufkommens von Non-Stop-Nachrichtensendern wie CNN», analysiert Jean-Jacques Roth, Chefredaktor der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps».

Wichtige Erfahrungen

«Dieses Mal sind die Medien sicherlich besser vorbereitet, um die Gefahr der Manipulation zu vermeiden. Aber wahrscheinlich werden die USA dies in ihr neues Informationskonzept einplanen: Sie werden den Journalisten mehr Bewegungsfreiheit einräumen und doch alles kontrollieren», prophezeit Roth.

In eine solche «beschützte Unabhängigkeit» will sich die Redaktion des «Tages-Anzeiger» keinesfalls einbinden lassen. «Wir haben das Angebot abgelehnt, die US-Truppen bei der Invasion des Irak zu begleiten», sagt TA-Redaktor Peter Fürst. Man wolle sich nicht auf billige Weise zum Propaganda-Instrument degradieren lassen.

Der Redaktor der Zürcher Tageszeitung hatte beim Konflikt auf dem Balkan selber viel Erfahrung mit Kriegsberichterstattung gesammelt. «Dieser Konflikt hat wenigstens dazu beigetragen, dass die Journalisten zwischen Realität und gesteuerten Informationen der beteiligen Parteien sowie der Agenturen und TV-Sender zu unterscheiden gelernt haben.»

Die «Neue Zürcher Zeitung» legt auf die Prüfung der Quellen besonders grossen Wert. «Unsere Korrespondenten im Nahen Osten sind aufgefordert worden, die Informationen besonders sorgfältig zu prüfen», erklärt NZZ-Redaktor und Nahost-Spezialist Jürg Bischoff.

Wenig Quellen für Gegeninformation

Einmal mehr wird es aber ein Problem sein, verlässliche Gegeninformation zu den US-amerikanischen Quellen aufzutreiben. «Auf irakischer Seite ist die Manipulation ja noch fataler», gibt Jean-Jacques Roth zu bedenken. Im Übrigen wisse man auch heute noch nicht genau, was vor 12 Jahren geschehen sei.

Weder die kriegskritischen Positionen einiger europäischer Staaten noch die Existenz neuer (US-kritischer) TV-Sender wie Al-Dschazira dürften das Problem der Gegeninformation lösen.

Roth: «Diese Elemente tragen womöglich zu einer grösseren Meinungsvielfalt bei, aber kaum zu einer grösseren Informationsvielfalt.»

Mangels besserer Alternativen wollen die Schweizer Medien in ihrer Berichterstattung die Herkunft der Quellen jeweils klar benennen. «Le Temps» will beispielsweise die Leser auch über den Wert und die Verlässlichkeit der gegebenen Information informieren.

TV und Radio in der ersten Reihe

Diese journalistischen Regeln sind für die öffentlichen Schweizer Fernsehsender von SRG SSR idée suisse noch wichtiger. Diese Ansicht vertritt André Crettand, Nachrichtenchef bei beim Westschweizer Fernsehen TSR. «Wir haben beschlossen, bei den Berichten die Informationsquellen systematisch anzugeben und aktiv bei den arabischen Fernsehstationen nach Bildern zu suchen.»

Ins gleiche Horn stösst Maurizio Canetta, Nachrichtenchef beim Schweizer Fernsehen italienischer Sprache (TSI): «Wir müssen die Karten offen auf den Tisch legen und klar erklären, wo die Informationen her kommen und für wie glaubwürdig wir sie halten.»

Nachrichtenmann Lars Knuchel von Schweizer Radio DRS: «Die Nachrichten-Redaktion kann auf zwei Korrespondenten zurückgreifen. Eine Person befindet sich in Bagdad, eine weitere in Nordirak.»

Die Ausland-Redaktion von DRS richtete zudem ein «Irak-Büro» ein. Dieses sammelt unter anderem Informationen, verwertet diese und prüft die Quellen. Das «Irak-Büro» wird durch externe Experten und Fachleute unterstützt.

Im Vergleich zu 1991 verfügen die Schweizer Fernseh- und Radiosender kaum über mehr Mittel, um den Giganten aus den USA etwas entgegen zu setzten. Gleichwohl hat sich im Bewusstsein und in der Strategie etwas verändert. Im Vergleich zu damals zählt nicht nur die Geschwindigkeit der Information, sondern auch deren Verlässlichkeit.

swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragen aus dem Italienischen von Gerhard Lob)

1990: Irakische Truppen besetzen Kuwait
1991: Auf der Grundlage einer UNO-Resolution greifen alliierte Truppen unter Führung der USA Irak an
2003: USA und GB beschliessen – ohne UNO-Mandat – eine militärische Invasion Iraks
20. März 2003: Um 3.30 Uhr MEZ fallen die ersten Bomben auf Bagdad

Die Berichterstattung 1991 über den Golfkrieg wurde von den grossen US-TV-Netzwerken, insbesondere CNN, dominiert.

Journalisten konnten damals nicht unabhängig über die Kriegsereignisse berichten, sondern waren von Informationen des Pentagons (US-Verteidigungsministeriums) abhängig

Im Jahr 2003, kurz vor Ausbruch des Krieges, fragen sich die Schweizer Medien, wie sie die Manipulation durch die Propagandamaschine des Militärs vermeiden können.

Zeitungen, Radio und Fernsehen wollen ihre Quellen klar angeben und versuchen, verlässliche Gegeninformationen zu finden.

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