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Singende Bundespräsidentin sorgt für Misstöne

Micheline Calmy-Rey bei einer Zeremonie in Indonesien: Eine der üblicheren präsidialen Funktionen. Keystone

Die Ankündigung, dass Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in einer Sendung des Westschweizer Fernsehens ein Lied singen wird, hat zum Teil harsche Kritik ausgelöst.

Beobachter weisen zwar auf die sich ändernde Rolle der Medien im traditionell bedächtigen politischen System der Schweiz hin, setzen jedoch auch Fragezeichen hinter gewisse Formen der Mediatisierung.

Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, die diesjährige Bundespräsidentin, wird bei dem geplanten Auftritt das Chanson «Les Trois Cloches» (Die drei Glocken) des grossen Waadtländer Chansonniers Jean Villard-Gilles singen, ein Lied aus dem Repertoire von Edith Piaf.

Dieses Chanson wurde 1997 von der australischen Sängerin Tina Arena wieder aufgenommen und weltweit zu einem Hit.

Die Aufnahme ist bereits erfolgt, ausgestrahlt wird diese Folge der Sendung «Les Coups de Coeurs» am Westschweizer Fernsehen am 19. Mai.

«Es ist kein einfaches Chanson, doch sie singt gut und kapiert rasch», wurde Alain Morisod, der Präsentator der Samstagabend-Show, in der Zeitung Le Matin zitiert.

Die Nachricht vom Auftritt Calmy-Reys wurde nicht überall goutiert. Vor allem in der deutschsprachigen Schweiz wurde Kritik laut.

Falsche Töne?

«Die Bundesräte sollten nicht für die Medien singen», erklärte Urs Altermatt, Geschichtsprofessor an der Universität Freiburg, in einem Interview mit der Mittelland-Zeitung. Das berge die Gefahr, dass Politik in «Infotainment» und in eine Art «Sauglattimus» absinke.

Ein Kommentator kritisierte, dass Regierungsmitglieder, die Unterhaltungs-Medien nutzten, um für Aufmerksamkeit zu sorgen, nichts als «inhaltslose Selbstdarstellung» betrieben.

Die Bundespräsidentin wies unterdessen die Kritik an ihrem Auftritt zurück: Der Kontakt mit der Bevölkerung könne auch über populäre Medien wie Radio und Fernsehen erfolgen. «Und das ist der Grund, wieso ich das tue», erklärte sie.

Idee im Trend

Der Zürcher Medienwissenschafter Mirko Marr erklärt seinerseits, dass Calmy-Rey mit dem Auftritt in einer Fernsehshow eine Chance habe, Leute zu erreichen, die sich sonst nicht für Politik interessierten.

Die Idee liege im Trend. «Wir beobachten, dass Politiker auf der ganzen Welt sich immer mehr Unterhaltungsmedien zunutze machen, um Aufmerksamkeit zu erreichen», sagt Marr gegenüber swissinfo.

Die Strategie sei aber nicht ohne Risiken, denn den Politikern drohe die Gefahr, dass ihre politischen Anliegen trivialisiert würden.

«Moritz Leuenblogger»

Doch nicht nur Calmy-Reys Abstecher in die Welt des Chansons sorgte jüngst für Schlagzeilen. Kommunikationsminister Moritz Leuenberger wendet sich seit kurzem in einem Blog, einem Internet-Tagebuch, an die Bevölkerung.

Mit viel Erfolg offenbar: In den ersten zehn Tagen, nachdem die Website aufgeschaltet wurde, gab es rund 900 Beiträge.

Marr erklärte, der Blog könne zu Leuenbergers Image-Förderung als Kommunikationsminister beitragen. Noch offen sei vorerst, ob der Blog sich zu einer Plattform für neue Themen und politische Diskussionen mausern werde.

Kritik normal

Dass aus den Medien Kritik laut werde, wenn Politiker neue Kanäle nutzten, sei normal, sagt Marr weiter. Vor allem wenn es um einen Blog gehe, der es ermögliche, an den traditionellen Medien vorbei zu kommunizieren.

Ironischerweise, so Marr, hänge der Erfolg oder Misserfolg eines Blogs häufig von klassischen Medienberichten ab. «Oft stimuliert eine negative Berichterstattung erst recht das Interesse.»

Leuenberger ist bei weitem nicht der erste Politiker, der einen Blog betreibt. Die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Rodham Clinton hat genau so einen wie die französische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal oder deren Konkurrent Nicolas Sarkozy.

Dem Vernehmen nach schlagen sich auch Micheline Calmy-Rey und Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard mit dem Gedanken herum, ihre eigenen Blogs einzurichten.

Unterschiedliche Beziehungen

Mirko Marr weist im übrigen darauf hin, dass die Politiker in der Schweiz meistens noch ein anderes Verhältnis zu den Medien hätten als anderswo. Normalerweise mache man hier um persönliche, medial inszenierte Auftritte auch heute eher noch einen Bogen.

Marr weist darauf hin, dass politische Werbespots am Fernsehen nicht erlaubt sind. Und unter dem auf Konsens ausgerichteten System sei die Politik zudem weniger auf einzelne Personen oder auf harte Opposition ausgerichtet.

Bundesräte nutzen Medien

Das bedeutet aber nicht, dass zum Beispiel Regierungsmitglieder die Medien gar nicht zu ihren eigenen Zwecken nutzen oder dies zumindest versuchen.

So hat Innenminister Pascal Couchepin seit Dezember 2006 eine Kolumne im Boulevard-Blatt Blick, in der er über Herkunft und Bedeutung alter Redewendungen schreibt. Er wolle mit der Bevölkerung kommunizieren, erläuterte der Minister sein Vorgehen.

Und Justizminister Christoph Blocher ist eigentlich nie abgeneigt, in Magazin-Artikeln seine riesige Sammlung der Schweizer Maler Albrecht Anker und Ferdinand Hodler zeigen zu können. Zudem wird er nächstens als Gast in einer Comedy-Serie am Fernsehen auftreten.

Und auch der oft spröde wirkende Finanzminister Hans-Rudolf Merz überraschte: Noch als Parlamentarier hatte Merz mehrere Erzählungen geschrieben. Eine, in der es um «Bauern, Sex und Steuern» geht, wurde nach seiner Wahl in die Regierung vom Blick abgedruckt.

swissinfo, Isobel Leybold-Johnson
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

Der frühere japanische Regierungschef Junichiro Koizumi sieht sich gerne als Elvis-Imitator.

Der heutige britische Premierminister Tony Blair war während seiner Studienzeit in Oxford Gitarrist und Sänger einer Rockband namens Ugly Rumours.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton ist ein talentierter Saxophon-Spieler. Während seiner Präsidenten-Wahlkampagne trat er einmal mit seinem Sax in einer populären TV-Show auf.

Italiens früherer Regierungschef Silvio Berlusconi ist immer wieder mal als Sänger aufgetreten und produziert CDs, deren Songs er teilweise selber schreibt. Während seiner Studienzeit war der heutige Milliardär Sänger auf Kreuzfahrschiffen.

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