Wanja leidet in Basel
Das Schauspielhaus Basel hat "Onkel Wanja" inszeniert: Hier wird nicht vornehm gelitten, sondern egoistisch gekämpft.
Mit einem nüchternen Blick hat der Erfolgs-Regisseur Stefan Pucher, nach «Der Kirschgarten» 1999, sein zweites Tschechov-Stück in Basel auf die Bretter gebracht.
31 Neuproduktionen stehen in dieser Saison auf dem Basler Spielplan. Eine davon ist «Onkel Wanja» von Anton Tschechov, dessen Uraufführung 1899 in Moskau stattfand. Fürs Schauspielhaus Basel hat Stefan Pucher – Jahrgang 1965, in Giessen geboren, tätig gewesen in Basel, Frankfurt, Hamburg und Zürich – Regie geführt.
Den Bühnenraum, der spielerisch Russland-Clichés zitiert und im Schlussakt vor den Basler Bahnhof führt, gestalteten Simeon Meier und die Videokünstlerin Heta Multanen. Die durchweg heutigen Kostüme stammen von Ursula Leuenberger.
Vergeudetes Leben
Das Stück erzählt von einer Lebenskrise: Ivan Petrowitsch Woinizki, Onkel Wanja, hat 25 Jahre lang das Landgut seines Schwagers, des Professors Serebrjakow, bewirtschaftet und dabei mit seiner Mutter, seiner Nichte Sonja (der Tochter des Professors), und dem alten Telegin in kargen Verhältnissen gelebt.
Die Verehrung für den gelehrten Schwager war ihnen Antrieb genug. Nach seiner Emeritierung zieht Serebrjakow mit seiner zweiten Frau – der bildschönen, viel jüngeren Elena – auf sein Gut und Wanja erkennt, dass er sein Leben einem eitlen, selbstsüchtigen Versager geopfert hat.
Die Verzweiflung über seine vertane Existenz und die vergebliche Liebe zu Elena lähmen ihn. Als der Professor seine Absicht verkündet, das Gut zu verkaufen, dreht Wanja durch und schiesst auf ihn.
Mit der Abreise der Serebrjakows endet das Stück. Vom Verkauf ist nicht mehr die Rede. Das alte Leben wird seinen gewohnten Gang gehen. Die Liebe zu Elena hält auch den Arzt Astrow auf dem Gut fest. Sonja liebt ihn leidenschaftlich, doch er weist sie ab.
Nüchterner Blick
Puchers Blick auf diese Figuren ist kühl und mitleidlos. Dazu passt die nüchterne, harte Übersetzung von Thomas Brasch, die Pucher stark gestrafft hat. Er erzählt die Geschichte in mehrfacher Brechung. Immer wieder treten die Figuren aus dem Handlungszusammenhang heraus und wenden sich direkt ans Publikum.
Wenn Serebrjakow unvermittelt von seinen Erfolgen an allen Bühnen Berlins schwadroniert, verschwimmt auch die Grenze zwischen der Figur und ihrem Darsteller, dem Berliner Gast Dieter Montag.
Melancholische Songs von Simon and Garfunkel oder Bob Marley unterbrechen die Handlung. Jürg Kienberger als Telegin begleitet seine Kollegen mit der Claviola, einer Form von Akkordeon, und setzt auch sonst musikalische Akzente.
Bilder der Stagnation
Den Schuss auf den Professor hat Pucher gestrichen, wie er überhaupt die Aktionen reduziert hat. Die Figuren sitzen meist bewegungslos herum; wer abgehen müsste, bleibt; wer auftreten müsste, ist schon da: Die innere Stagnation überträgt sich auf das Bühnengeschehen.
Doch die Regie zeigt auch die Komik der Figuren, spielt die Pointen in den Dialogen aus und setzt gelegentlich kräftige, ironische Zeichen. Beim ersten Auftritt Elenas reisst es die verliebten Männer förmlich aus den Stühlen; wenn Astrow die Bühne verlässt, trippelt ihm die verliebte Sonja nach wie ein aufgeregtes Hühnchen.
Starke Frauen
Ein ausgezeichnetes Ensemble trägt die Aufführung. Klaus Brömmelmeier als Wanja spielt keinen tragischen Helden, sondern einen fahrigen, etwas blassen Unzufriedenen. Mit Sebastian Rudolph ist Astrow ungewohnt jung besetzt; ein hübscher, eleganter Mann, dessen gepflegte Fassade die innere Leere nur unzureichend verhüllt.
Stärker sind die Frauen, Susanne-Marie Wrages kühle, selbstbewusste Elena und vor allem Bettina Stucky als Sonja. Wie sie sich im Gespräch an den geliebten Arzt anschmiegt, wie naiv glücklich sie nachher ist, wie sie beim gemeinsamen Besäufnis mit Elena verschämt diese Liebe gesteht – das ist komisch und packt trotzdem.
swissinfo und Alfred Ziltener (sda)
2005/2006 stehen in Basel 31 Neuproduktionen auf dem Spielplan, darunter 10 Uraufführungen und 2 Schweizer Erstaufführungen.
Insgesamt werden 9 Opernweke, 5 Ballettproduktionen und 23 Schauspielstücke gezeigt werden.
Das Theater Basel ist das grösste Dreispartenhaus der Schweiz, das heisst, es umfasst Oper, Schauspiel und Balett.
Die Schauspiel-Sparte wurde 1999 zur besten Bühne im deutsch-sprachigen Raum gekürt.
Das Theater-Ensemble umfasst 26 Schauspielerinnen und Schauspieler.
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