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Wenn der Papiertiger Feuer fängt

Physische Präsenz auf der Bühne: "Cool" aus China. Richy Wong/Theater Spektakel

Politisches Engagement am Theater Spektakel Zürich: Von der rasanten Bühnen-Performance bis zur deklamierten Anklageschrift reicht das Spektrum der Darstellung.

Das Paper Tiger Theater aus China und GarajIstanbul aus der Türkei zeigen künstlerisch unterschiedliche Zugänge zum Thema Gewalt.

Draussen prasselt der Augustregen aufs Zeltdach und drinnen spielt das Beijing Paper Tiger Theater «Cool». Zusammengekauert auf einem Stuhl sitzt ein drahtiger junger Mann. Plötzlich schnellt seine rechte Hand mit einer Pistole vor, fährt nach rechts, wo das Summen eines Insekts zu hören ist, nach links, auch kurz Richtung Publikum.

Bereits die erste Szene der multimedialen Performance lässt einen frösteln. Weitere folgen. Etwa die Box-Szene, bei der sich vier Schauspieler mit einem Seil zum Boxring verbinden. Die beiden Boxer im Ring umtänzeln sich, schlagen in die Luft, stossen martialische Schreie aus und bringen sich gegenseitig mit Worten zur Stecke.

Kein Blut, kein Krachen von Schlägen, keine lauten Schüsse, keine naturalistische Darstellung von Gewalt ist in diesem Stück zu sehen, das explizit Gewalt und Folter als Extremform menschlichen Verhaltens auf die Bühne bringt.

In starken, choreografisch streng inszenierten Bildern, elegant und brutal, ironisch, tragisch und absurd zugleich, ist «Cool» eine rasante Performance von einer physischen Präsenz, die an die Schmerzgrenze geht.

Zwischen cool und brutal

Die chinesische Performance-Gruppe mit dem poetischen Namen Paper Tiger zeigt, wie man auf höchstem künstlerischen Niveau gesellschaftliche Verhältnisse auf der Bühne verhandeln kann, ohne papieren zu werden.

Die so genannte engagierte Kunst, die im Westeuropa der sechziger und siebziger Jahre Hochkonjunktur hatte, aber allzu häufig in plakativer Anklage erstarrte, hat hier zu einer vielschichtigen und sinnlich ansprechenden Ausdrucksform gefunden.

Auf sprachlichem Niveau spielt «Cool» mit dem Spannungsfeld der Wortbedeutung. Was im Englischen kühl, ruhig und schamlos bedeutet und in der Umgangssprache positiv gewertet wird, heisst auf Chinesisch grausam, brutal, tief und endgültig.

«Sprich mit keinem Fremden!»

Nicht jede Produktion unter dem Stichwort «Dichtung oder Wahrheit?» am Theater Spektakel hat die künstlerische Umsetzung eines gesellschaftlichen oder politischen Themas so bravourös gemeistert wie die der Chinesen.

Die unabhängige türkische Theatertruppe GarajIstanbul, die bereits zum vierten Mal am Spektakel gastiert, hat mit «Zerstör das Spiel!» die Gewalt an Frauen in der Türkei, besonders die Ehrenmorde, als Ein-Frau-Monolog auf die Bühne gestellt.

«Sprich mit keinem Fremden!»: Die Warnung der Mutter im Ohr, folgt das Mädchen nach der Schule dem Ruf ihres Cousins in eine Garage. Dort wird es von ihm und seinem Freund vergewaltigt. Das Mädchen erstarrt vor Schreck, Angst und Panik. «Warum hat er mir das angetan? Er ist doch mein Cousin, der Sohn meines Onkels, er ist kein Fremder.»

Analytisch und anklagend

Die Schauspielerin, Tänzerin und Choreografin Övül Avkiran mischt auf der Bühne Erinnerungsfetzen von sexuellem Missbrauch und deren traumatische Wirkung einerseits mit analytischen und anklagenden Passagen über Gewalt an Frauen innerhalb der Familie andrerseits.

Das Thema ist brennend und wird zunehmend auch in Schweizer Medien behandelt, analysiert und verurteilt, denn durch die Immigration halten Ehrenmorde Einzug in westliche Demokratien.

Allerdings müsste sich eine künstlerische Umsetzung von der rein darstellerischen und anklagenden Ebene lösen und mit ästhetischen Mitteln eine Geschichte auf die Bühne stellen, die unmittelbar aus sich heraus wirkt. Zuviel Gewicht liegt hier auf dem aufklärerischen Anspruch, als dass das Spiel für sich überzeugen könnte.

Theater, das auf gesellschaftliche Missstände hinweisen oder Minderheiten ins Zentrum rücken will, gehört seit jeher zum Programm des Zürcher Theater Spektakels. Dieses Jahr loteten zudem Produktionen aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, den USA und Korea das breite Spektrum der Darstellungsformen im zeitgenössischen, engagierten Theater aus.

swissinfo, Susanne Schanda, Zürich

Das Zürcher Theater Spektakel dauert noch bis am 2. September 2007.
Insgesamt 40 Produktionen aus aller Welt stehen auf dem Programm.
Das Festival kostet dieses Jahr 3 Mio. Franken. Davon muss 1 Mio. erwirtschaftet werden, den Rest teilen sich private Sponsoren und öffentliche Hand.

Das Zürcher Theater Spektakel findet seit 1980 jeden Sommer auf der Landiwiese am Zürichsee statt.

Die letzten sechs Jahre hat die deutsche Theaterfrau Maria Magdalena Schwaegermann als künstlerische Leiterin für das Programm verantwortlich gezeichnet.

Ab 2008 wird Sandro Lunin, bisher Leiter des Schlachthaus Theaters in Bern, das Theater Spektakel programmieren.

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