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Zuerst Leinwand, dann Wirklichkeit

Roger Walch mit einem Requisit aus seinem an der Expo prämierten Dokumentarfilm: einem Samurai-Schwert. (Bild: Walch) Roger Walch, Auslandschweizer in Japan

Der filmbegeisterte Roger Walch sah sich schon als Jugendlicher in St. Gallen gern japanische Filmklassiker von Altmeister Kurosawa an.

Jetzt lebt er seit Jahren in Kyoto, produziert dort Filme und Videos, fotografiert und spielt Jazz auf dem Klavier. Den Japanern gefällts, und ihm selbst machts grossen Spass.

Letzten September gewann Roger Walchs Dokumentarfilm an der Expo 2005 in Aichi in Konkurrenz mit 21 anderen Länderbeiträgen den ‚Friendship Prize‘. Bereits im Januar dieses Jahres war sein Kurzfilm ‚Yuwaku 2‘ im Rahmen eines vom Fernsehen Osaka veranstalteten Wettbewerbs ausgezeichnet worden.

Diese Anerkennung für das filmische und künstlerische Schaffen eines Schweizers von japanischer Seite ist viel wert, denn in der alten Kulturnation Japan herrscht heute in allen Bereichen der Kunst ein harter Wettbewerb.

Wie gelingt es einem Ostschweizer, in Japan Fuss zu fassen, sich dort zu integrieren und gleichzeitig seine Fähigkeiten ans japanische Publikum zu bringen?

swissinfo: Was hat Sie denn, als Sie noch in der Schweiz lebten, zuerst fasziniert: Die gestalterischen Instrumente, mit denen Sie heute arbeiten, oder Japan als Land?

Roger Walch: Beides. Über Film und Kino begann ich, mich für die japanische Kultur zu interessieren. Mein Flair für Japan begann mit der Begegnung mit Akira Kurosawas Werken.

Übrigens ist die japanische Schwesterstadt der Schweiz, Shinshiro, wo ich den Expo-Film realisierte, Schauplatz einer berühmten Schlacht, die Kurosawa in ‚Kagemusha‘ dargestellt hat.

swissinfo: Was fasziniert einen jungen Schweizer an Japan?

R. W.: Zum Beispiel die Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne. Ich finde es faszinierend, dass die Firmen in diesem hochmodernen Industrieland immer noch Shinto-Götter verehren und um gute Geschäfte beten.

Der Reichtum der Kultur hält mich in Bann, die lange Geschichte, aber auch die raffinierte Ästhetik und das gute Design.

swissinfo: Wie beeinflusst das alles Ihr Schaffen?

R. W.: Die traditionelle Ästhetik beeinflusst meine Filme. Mir gefallen auch die traditionellen Schrein- und Tempelfeste. Farbenfroh und urtümlich, werden sie gefeiert wie noch vor Hunderten von Jahren.

Auch ist Japan ein Schlaraffenland für Esser. Wenige wissen, dass Japaner leidenschaftliche Esser sind. Nirgends sonst fand ich eine so reichhaltige und dennoch günstige Küche. Sushi und Sashimi sind nur zwei kleine Aspekte der Palette.

swissinfo: Wie reift der Entschluss zur Auswanderung? Sie sind ja eine Zeit lang ‚zwischen den Kulturen hin- und hergependelt‘.

R. W.: Nach einem ersten Japan-Aufenhalt 1990 bis 1991 war meine Entscheidung schon gefallen. 1994 hängte ich nochmals ein halbes Jahr dran, was meinen Entschluss bestätigte.

Ich studierte von 1986 bis 1997 mit Unterbrüchen Japanologie in Zürich. Nach einer so langen Auseinandersetzung mit der japanischen Kultur kommt automatisch der Wunsch, einige Jahre in Japan zu verbringen.

swissinfo: Wie wurden Sie von den nicht als sehr ausländerfreundlich bekannten Japanern zu Beginn akzeptiert? Wie lange dauert die ‚Assimilierung‘?

R. W.: Einer der Schlüssel liegt in der Sprache. Die Japaner wären eigentlich sehr neugierig auf den Westen. Nur sind sie oft zu schüchtern und fürchten die Peinlichkeit ihrer ungenügenden Englisch-Kenntnisse.

Meine Assimilierung ging sehr hemdsärmlig vor sich. Als Bar- und Beizengänger wurde ich zum Stammgast in Künstlerlokalen. Nur so lernte ich Leute kennen und den lokalen Dialekt von Kyoto meistern.

Zuerst waren die Einheimischen sehr höflich. Mit der Zeit wurden sie lockerer und nahmen mich als Duz-Freund auf. So fand ich Leute, die mich bei der Filmerei unterstützten.

swissinfo: Wie steht es mit der geschäftlichen Integration, den Business Relations?

R. W.: Viele meiner Projekte realisiere ich mit gleich Gesinnten, künstlerisch Begabten, die ich zumeist in meinem alternativen Stammlokal ‚Honyara-do‘ oder an Filmfestivals kennen gelernt habe.

Meine Brötchen verdiene ich als Lehrbeauftragter an japanischen Universitäten, was mir gerade genug zum Leben einbringt.

swissinfo: Und was können Sie als japanischer Schweizer den Japanern bieten?

R. W.: Als Regisseur von Kurzfilmen befasse ich mich hier immer mit japanischen Themen. Diese interpretiere ich aber von meinem westlichen Standpunkt aus.

Auch als Kameramann oder Fotograf bringe ich meine westliche Sichtweise mit. Das macht es für die Japaner interessant. Es nimmt sie wunder, wie ein Ausländer ihre Traditionen sieht und vermittelt.

Ich habe auch in verschiedenen japanischen Musikformationen Klavier gespielt. Zur Zeit bin ich mit einem klassischen Bambusflöten-Spieler unterwegs. Wir kombinieren westliche, in meinem Fall Jazz-Musik mit japanischen Klängen, was gut ankommt.

swissinfo, Alexander Künzle

Seit dem endgültigen Umzug von Roger Walch nach Japan Anfang 1998 sind bereits vier Kurzfilme und ein Dokumentarfilm entstanden.

Dazu kommt 2004 ein in St. Gallen verlegtes Fotobuch über Kyoto, und zwei CDs.

Walchs Projekte und Werke sind in Ausstellungen in Kyoto, Tokio und Hiroshima zu sehen, die Filme werden an Festivals im In- und Ausland gezeigt.

Sein neuestes Projekt für einen nächsten Film ist ein etwas besonderer Samuraifilm, in eine Geister-Story verflochten, zwischen der Gegenwart und dem 16. Jahrhundert.

Roger Walch, 1965 in St. Gallen geboren, besuchte ab 1984 die Jazz-Schule in St. Gallen.
Ab 1986 studierte er Japanologie, Ethnologie und Soziologie an der Universität Zürich.
1995 wurde er Chefredaktor des Ostschweizer Kulturmagazins ‚Saiten‘, studierte Film in der Schweiz und Tokio.
1998 wanderte er endgültig nach Japan aus und erhielte Lehraufträge. Seither produziert er dort Filme, Videos, Fotografien und Musik.
In Japan lebten 2004 insgesamt 1291 Schweizer Staatsangehörige.

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