The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Asyldestination Schweiz

Bosnische Flüchtlinge 1992 bei der Ankunft in Buchs SG. Keystone

Der leichte Anstieg der Asylgesuche in der Schweiz seit 1992 ist nicht auf die Besonderheiten der schweizerischen Asylpolitik zurückzuführen. Er ist vielmehr eine Folge der Zunahme von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, welche in der Schweiz Verwandte und Bekannte vorfanden. Dies zeigt eine im Auftrag des Bundesamtes für Flüchtlinge erstellte Studie.

Während der vergangenen zwei Jahrzehnte nahmen Flüchtlings-Migrationen weltweit zu. Im Zuge dieser neuartigen Entwicklung entflammten in den meisten europäischen Staaten stark polarisierte und emotional aufgeladene Debatten über die Ausgestaltung der Asylpolitik.

Auch in der Schweiz stösst die Einwanderung von Asylsuchenden nach wie vor auf Skepsis, Misstrauen und manchmal gar auf unverhüllte Ablehnung. Jörg Frieden, Vizedirektor des Bundesamtes für Flüchtlinge, kommentierte dieses Phänomen gegenüber swissinfo folgendermassen: «Es gibt viele Gründe für diese Reaktionen.

Zu den Hauptgründen gehört einerseits der – falsche – Eindruck, der Staat habe die Kontrolle über die Migrations-Bewegungen verloren. Andererseits gelangt in Anbetracht der Mittellosigkeit der Asylsuchenden manch einer zur Auffassung, diese würden bei der Verteilung von Gütern, die der Staat allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stellen muss, eine Konkurrenz darstellen.»

Notwendigkeit von wissenschaftlich erhärteten Daten

Dass die Asyldiskussion in der Vergangenheit oft mehr emotional als sachlich geführt wurde, hing nicht zuletzt auch damit zusammen, dass die Gesetzmässigkeiten von internationalen Flüchtlingsmigrationen bisher kaum wissenschaftlich erforscht worden waren.

Im Auftrag des Bundesamtes für Flüchtlinge unternahm deshalb das Schweizerische Forum für Migrationsstudien von der Universität Neuenburg eine umfassende Studie der individuellen und strukturellen Determinanten der europäischen «Asyllandschaft» während der neunziger Jahre. Das Werk mit dem Titel «Asyldestination Europa – eine Geographe der Asylbewegungen» wurde am Dienstag (22.05.) in Basel vorgestellt.

Unterschiedliche Verteilung der Asylgesuche in Europa

Die Studie zeigt auf, dass während der neunziger Jahre in Europa die meisten Asylgesuche auf sechs Länder (Deutschland, Grossbritannien, Belgien, Niederlande, Österreich und die Schweiz) konzentriert waren.

Die Verteilung auf diese sechs zentral- und nordeuropäischen Staaten war allerdings unterschiedlich: Ende 1999 nahmen Deutschland und Grossbritannien insgesamt rund 60% der ankommenden Asylsuchenden auf, Belgien, die Niederlande, Österreich und die Schweiz je ungefähr 10%.

Unterschiedliche Migrationsmuster

Aufgrund von Befragungen potentieller Migrierender in mehreren Herkunftsstaten und von Asylsuchenden in der Schweiz kommt die Studie zum Schluss, dass es «den typischen Asylmigrierenden» nicht gibt. Typisch sind vielmehr ganz unterschiedliche Migrationsmuster, die durch die Herkunft der einzelnen Menschen, die spezifischen Wanderungs-Modalitäten und die Aufnahme-Bedingungen im Asylland geprägt sind.

Die befragten Kosovo-Albaner etwa verfügten praktisch ausnahmslos über regelmässige Kontakte zu Verwandten, die sich zwecks Arbeit in verschiedenen europäischen Staaten niedergelassen hatten. Sie entschieden sich daher bereits vor dem Aufbruch für ein bestimmtes Reiseziel, über das sie einigermassen Bescheid wussten.

Ganz anders verhielt es sich hingegen etwa mit den befragen Flüchtlingen aus dem Irak: Sie konnten nicht auf die Unterstützung von Familienmitgliedern im Ausland rechnen, trafen die Wahl für ein bestimmtes Ziel vielfach erst unterwegs und nahmen – wie alle Flüchtlinge aus fernen Ländern – des öftern die Hilfe von Schlepperorganisationen in Anspruch.

Überdurchschnittliche Attraktivität der Asyldestination Schweiz?

Aus der Sicht der Asylsuchenden war die Schweiz nicht überdurchschnittlich attraktiv. Weit beliebter waren etwa Grossbritannien oder Deutschland. Die wichtigsten Vorzüge der Schweiz bestanden laut Aussage der befragten Flüchtlinge etwa im dort gewährten vorläufigen Schutz, der Garantie von Grundrechten und der Verbesserung des materiellen Lebensstandards gegenüber der Lage im Herkunftsland.

Besonders ausschlaggebend für die Wahl der Schweiz als Asylland waren bestehende Familienbeziehungen. Insbesondere Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, welche im Untersuchungszeitraum 56% aller Asylgesuche stellten, flohen deshalb in die Schweiz, weil sie dort über ein soziales Netz verfügten. In diesem Sinn hatte jene in den achtziger Jahren vorgenommene Rekrutierung von Arbeitskräfte die Fundamente für jene Migrationsdynamik geschaffen, welche zehn Jahre später die Gemüter erhitzen sollte.

Schweiz ist keine Insel

Laut Jörg Frieden vom Bundesamt für Flüchtlinge zeigt die Studie klar, dass die Schweiz in asylpolitischer Hinsicht keine Insel darstellt: «Eine autonome Politik ist nicht möglich.

Es braucht eine Annäherung an die europäische Asylpolitik. Dazu gehört auch, dass die Asylsuchenden besser auf Europa verteilt werden, auch auf Italien, Spanien, Griechenland und Portugal, die bis jetzt in erster Linie Transitländer sind.»

Nur auf diese Weise gelinge es, eine Asylpolitik zu gestalten, die den Schicksalen gerecht wird, welche hinter den einzelnen Flüchtlingen stecken: «Die oberste Verantwortung der Asylpolitik besteht darin, den einzelnen Menschen zu schützen. Das System muss so sein, dass alle Flüchtlinge, die bedroht sind, Anerkennung und Schutz finden.»

Felix Münger

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft