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flucht.ch – Flucht in der Schweiz

Linda, Christine, Theophilous, Peter, Duli, Toure, Dvora, Maja, Kuljinder , Luon, Jagjit (v.r.n.l.). swissinfo.ch

Eine Gruppe von Jugendlichen flieht durch die Schweiz: In Zürich wurde ihr Visa-Antrag abgelehnt, jetzt bleibt die letzte Chance, direkt in Bern einen neuen Antrag zu stellen. Eine Flucht-Simulation am nationalen Flüchtlingstag, ohne Anspruch auf Wirklichkeit, begleitet von swissinfo.

Flucht.ch beginnt realistischer, als sich das die Organisatoren vorgestellt haben: Über drei Stunden lang irren Jugendliche vor dem Jungendkulturhaus Dynamo in Zürich durcheinander. Sie suchen ihre Gruppen-Kolleginnen, zuerst auf langen Listen, dann im Nieselregen. Doch teils tauchen diese einfach nicht auf. Es dauert nicht lange, bis das Helpdesk von Menschentrauben umlagert wird. Die beiden Helfenden bieten ein ungewollt wirklichkeitsnahes Bild kompetenzloser Bürokraten, die in richtigen Flüchtlingslagern damit beschäftigt sind, Menschenströme zu katalogisieren und in genehme Bahnen zu leiten. Dann kommt der Wind und weht die Listen vom Tisch.

Spiessrutenlauf soll sensiblisieren

Der Fluchtparcours entwickelte sich zu einem Spiessrutenlauf, gespickt mit abgelehnten Visa-Anträgen, gefälschten Passierscheinen, langen Warteschlangen, fiesen Mafia-Schleppern und menschenverachtenden Beamten. Alles gespielt natürlich, nichts so wie in echt, aber trotzdem oft beklemmend genug. Organisiert wurde der Parcours von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jungendverbände SAJV.

«Es soll keine Reality-Show werden», sagte Projektleiter Cornel Huber von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Stattdessen sollten junge Menschen auf die Themen Migration, Flüchtlinge und Asyl sensibilisiert werden und Kontakte zueinander knüpfen. Jede Gruppe die den Flucht-Parcours durchlief, bestand aus Schweizern und Asylbewerbenden.

Schicksale vermittelt

So kommt es, dass Anna, 21-jährige Lehrerin aus Bern, während einer Zugfahrt erzählt, warum ihr Gruppenkollege Saman aus dem Irak fliehen musste. Oder die 19-jährige Schülerin Linda aus Winterthur, dass alle jungen Männer im Norden Indiens zum Kriegsdienst eingezogen wurden und Singh darum flüchtete. Auch dabei ist Theophilous – kurz Theo – aus Nigeria. Er wurde vertrieben, aber er mag nicht darüber reden. Viel lieber begeistert er sich mit dem Jugendparlamentarier Peter, 22, für den brasilianischen Fussballstar Ronaldo.

Asylantrag als letzte Hürde

Es wird wieder ernst: Die Schlepper haben uns über die grüne Grenze geschleust, die Regierung hat ein Aufnahme-Zentrum improvisiert. Für die Flüchtlinge heisst das: hinten anstellen. Nach einer Stunde gibt es das begehrte Formular für den Asylantrag. Zusammen, auf dem Boden sitzend, versucht es die Gruppe auszufüllen. Haben wir einen Pass? Einen Laisser Passer? Woher kriegen wir ein Foto? Warum sind wir geflohen, was schreiben wir hier? Alles muss stimmen, wir wollen nicht nochmals anstehen.

«Oppositionspartei wird verfolgt, musste flüchten, blababla, hab ich heute schon alles gehört. Geben sie mir Beweise. Wir entscheiden hier, ob sie bleiben dürfen oder nicht», zerpflückt der Botschafts-Beamte unsern Antrag. Sein Verdikt: Kein Asyl, vorläufige Aufenthaltsbewilligung, jederzeitige Ausschaffung möglich. So endet der Flucht-Parcours für unsere Gruppe, wie auch für alle andern.

Zurück in die Realiät

Der Botschafts-Beamte heisst in Wirklichkeit Oliver, ist 26 und zivildienstleistend. «Ich habe mich immer sehr schlecht gefühlt, ich musste meine Person verändern», erzählt er nachher. «Ich war stets froh, als ich den Gruppen sagen konnte, dass der Parcours jetzt an meiner Station beendet ist.»

Dass die Flucht kein Horror-Trip werden konnte, wussten alle. Christine, Schülerin,18: «Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie es wäre zu flüchten. Es hat mich geprägt, was die Flüchtlinge erzählt haben, aber es wäre ganz anders. Ich weiss, ich kann heute Abend nach Hause.»

Kritik von Menschenrechts-Gruppen

Auch wenn den gespielten Flüchtlingen alles einfacher gemacht wurde, als die Realität auch nur ansatzweise ist – keine Psycho-Terror, keine Angst ums Leben, keine Unsicherheit um den Verbleib der Angehörigen – wollte niemand einen realistischeren Parcours. Während das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) den Anlass unterstützte, kritisierte die Menschenrechts-Gruppe augenauf die Aktion teilweise: «Flucht.ch stellt die Situation so dar, als ist alles in Ordnung, wenn man in der Schweiz angekommen ist. Das entspricht keineswegs der Realität», erklärt ein Aktivist.

An der Stelle wo flucht.ch aufhörte, beginnt in der Schweizer Realität ein langwieriges und unwürdiges Asylverfahren, an dessen Ende die Wenigsten aufgenommen würden, schreibt augenauf in einem Flugblatt. Weiter wird darauf verwiesen, dass im Schweizer Asylverfahren Tote in Kauf genommen werden: Khaled Abuzarifah 1999 und Samson Chukwu am 1. Mai 2001. Beide starben beim Ausschaffungs-Versuch im Polizeigewahrsam.

Philippe Kropf

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