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Russlands Wende zum Westen

Die Kreml-Kirchen in Moskau. Touristen hat Russland einiges zu bieten, Unternehmern weniger. Keystone Archive

Russland orientiert sich seit jüngster Zeit aussenpolitisch stark am Westen. Für Schweizer Unternehmer bleibt der "Wilde Osten" jedoch ein heisses Pflaster.

Russland ist für westliche Unternehmerinnen und Unternehmer wenig attraktiv: Zu unwägbar scheinen Bürokratie, Rechtsunsicherheit und politischer Kurs des Landes. Zum Negativ-Image trägt auch der blutige und nicht enden wollende Tschetschenien-Krieg bei.

Mit Legalität allein kommt man nicht durch

Nur gerade um die hundert Schweizer – genaue Zahlen gibt es nicht – betreiben derzeit in Russland vor Ort Business. Einer dieser «Russland-Pioniere» ist der Zürcher Walter Denz, der seit 1992 in Sankt Petersburg eine Sprachschule betreibt und Touristen-Reisen durch Russland anbietet.

«Wir müssen teilweise in der Schatten-Wirtschaft agieren. Es ist nicht möglich, völlig legal zu arbeiten. Auch wenn wir als Sprachschule und Tourismus-Unternehmen etwas völlig Anständiges tun, kommen wir nicht darum herum, Mittel anzuwenden, die nicht unbedingt unseren ethischen Standards entsprechen», sagte Walter Denz am Dienstag am Rande eines Seminars des «Forums Ost-West» in Bern gegenüber swissinfo.

Das «Forum Ost-West» ist eine private Organisation, die es sich nach eigenen Angaben zum Ziel setzt, das gegenseitige Verständnis und die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Osteuropa zu fördern.

Koalition statt Konfrontation

Während viele westliche Unternehmer im Umgang mit Russland Berührungs-Ängste zeigen, hat sich das riesige Land seinerseits in jüngster Zeit stark auf den Westen zu bewegt: Seit den Terroranschlägen vom 11. September sucht Russland aussenpolitisch in einem bisher nie da gewesenen Ausmass die Kooperation mit dem Westen. Indem Russland als eines der ersten Länder der Welt der Anti-Terror-Koalition unter der Führung der USA beitrat, verabschiedete es sich von seiner bisherigen Politik, eine Weltmachtrolle spielen zu wollen.

Diese Wende beruht zum einen auf der Einsicht, dass das längst zum ökonomischen Zwerg geschrumpfte Russland seine Interessen in der Koalition mit dem Westen weit besser wahrnehmen kann als in der Konfrontation. Zum anderen vermag die russische Führung unter Präsident Wladimir Putin via Anti-Terror-Kampagne das mit dem Tschetschenien-Krieg einher gehende Image-Problem zu entsorgen: Der Krieg im Kaukasus als Bestandteil des internationalen Kampfes gegen den Terrorismus. Der offizielle Westen schweigt nun eher, obwohl die Drangsalierung der Zivilbevölkerung nicht nachgelassen hat.

Es sei falsch, sich wegen des Tschetschenien-Kriegs von Investitionen in Russland abhalten zu lassen, findet Ernst Mühlemann, der zwischen 1992 und 1999 als Mitglied des Europarates amtete, wo er als Hauptberichterstatter für die Aufnahme Russlands wirkte. «Der Krieg findet in einem ganz kleinen Gebiet im riesigen Russland statt. Grenzt man Russland wegen Tschetschenien aus, provoziert man lediglich Aggressivität. Da ist die Zusammenarbeit viel besser. Man muss in den Kreml hineinkommen, um Putin zu sagen, wie es geht.»

Die Zeit für vermehrte Schweizer Investitionen in Russland sei längst reif, erklärt Mühlemann: «Im grossen und ganzen sind die Fortschritte im Land seit Putin so gross, dass die Schweizer in das jetzige Regime mehr Vertrauen haben müssten.»

Verhärtung im Innern

Bei der Beurteilung der Verdienste der derzeitigen Kreml-Führung ist allerdings Vorsicht geboten, vollzog sich doch parallel zu Russlands Öffnung nach aussen eine markante Verhärtung nach innen. «Die jetzige russische Führung nutzt die Westwendung der Aussenpolitik aus, um im Innern die Schrauben anzuziehen – in Richtung autoritäres Präsidial-Regime», sagt Gerhard Simon, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Köln. «Demokratie und Parlamentarismus haben in letzter Zeit ebenso verloren wie die Medienfreiheit.»

Auch wenn die härtere innere Gangart kurzfristig zu mehr Stabilität führe und damit auch ausländische Investoren angelockt werden könnten, lasse diese Politik eine längerfristige Strategie vermissen, kritisiert Simon. Es sei nicht ersichtlich, wie sich Russland auf diese Weise in die Weltwirtschaft und Weltpolitik integrieren wolle. «Auf diesem Weg kann Russland weder ein Wirtschaftswunder erleben, noch kann es die enormen kreativen Kräfte mobilisieren, die in der Gesellschaft vorhanden sind.»

Gefragt ist Abenteuer-Lust

Bis auf weiteres wird es in Russland also wohl nicht möglich sein, unter ähnlichen Bedingungen wie im Westen Geschäfte zu treiben. Dies biete für Unternehmer aber auch Chancen, findet der Schweizer Sprachschul-Gründer Walter Denz. Voraussetzung sei eine gesunde Portion Abenteuer-Lust: «Für junge Leute, die einmal etwas wirklich anderes machen wollen, die initiativ sind und Risiken nicht scheuen, ist Russland ein unglaublich interessantes Gebiet, um sich verwirklichen zu können.»

Felix Münger

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