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A man rides the tram while reading a newspaper on his iPad.

Medienunternehmen müssen sich der Digitalisierung anpassen.

(Keystone)

Sinkende Werbeeinnahmen, weniger Leser und "Fake News" - die Liste der Probleme, mit der Medienhäuser in der Schweiz und weltweit zu kämpfen haben, ist lang. Die ETH Lausanne will nun neue Wege aus der Krise aufzeigen. Ingenieur Mounir Krichane leitet die vom Bund unterstützte "Initiative for Media Innovation".

"Für Medienunternehmen ist es schwieriger geworden, ihre Probleme alleine anzugehen", sagt Mounir Krichane. Der Direktor des Medienzentrums der ETH Lausanne (EPFL) schaut die Liste der Probleme durch, mit der die News-Branche in der Schweiz und weltweit zu kämpfen hat: Sie beginnt bei Facebook und endet mit Fake-News. 

Mounir Krichane ist diplomierter Ingenieur der ETH Lausanne und verfügt über mehrjährige Erfahrung in der Medienbranche. Der 40-Jährige arbeitete für den Westschweizer SRG-Ableger RTS, wo er Projekte in den Bereichen Online und Innovation leitete. Im März 2018 wurde er zum Direktor des Medienzentrums der ETH Lausanne ernannt, dem operativen Arm der «Initiative for Media Innovation». Die ETH Lausanne, SRG SSR, Ringier und ein Verbund der Universitäten Genf, Lausanne und Neuenburg haben gemeinsam die IMI gegründet. Das Ziel der Initiative ist es, Innovationen im Bereich der Medien und Informationstechnologie zu fördern Mit Unterstützung des Bundesamts für Kommunikation und einem jährlichen Fonds im Wert von 650 000 Franken wird die Initiative Projekte finanzieren, die Innovationen in den Medien und Informationstechnologien fördern. Die erste Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen wird im Herbst veröffentlicht.

(Photo: Alain Herzog)

Der Wandel gehe so rasant vonstatten, dass viele Verleger nicht Schritt halten könnten. Der Diplomingenieur will helfen. Er hat zwar keine Patentlösung parat, aber er sieht in den Herausforderungen zahlreiche Chancen. Wichtig sei vor allem eins: Bessere Zusammenarbeit zwischen Tech-Firmen, Journalisten und Wissenschaftlern.

Krichane leitet die Initiative for Media Innovation (IMI), welche Wissenschaftler und Medienleute zusammenbringt, damit sie durch innovative Projekte die grössten Herausforderungen meisten können. "Wir möchten, dass öffentliche und private Partner in der Schweiz und im Ausland zusammenkommen, um Lösungen zu finden", sagt er. 

Die Initiative mit Sitz in an der ETH Lausanne wird vom Bund unterstützt. Partner sind die SRG, zu der auch Swissinfo gehört, und eine kleine Anzahl von Top-Hochschulen des Landes, darunter die EPFL. Mit einem jährlichen Betrag von 650 000 Franken sollen verschiedene Projekte finanziert werden (vgl. Box). 

Alles online

Die erste Herausforderung auf der Liste der drastische Einbruch der Werbeeinahmen im Print. Die Frage sei, sagt Krichane gegenüber Swissinfo, wie Medienhäuser ihr Geschäftsmodell anpassen könnten, um im heiss umkämpften digitalen Markt zu bestehen. 

Rund 80 Prozent der Schweizer lesen News im Internet. Das zeigt die jüngste Umfrage des Reuters-Instituts. Die Leserschaft der Printmedien ist dagegen in den letzten drei Jahren um acht Prozent zurückgegangen. Viele Verleger fragen sich: Wie kann ich noch Geld verdienen, wenn ich weniger Zeitungen verkaufe?

"Für die zahlreichen Lokalzeitungen, die es in der Schweiz gibt, ist es schwierig geworden: Ihre Leserschaft ist eher klein, und sie haben Mühe, im internationalen Online-Markt konkurrenzfähig zu werden", sagt Krichane. 

Da soziale Netzwerke in den letzten Jahren zu wichtigen Akteuren bei der Verbreitung von News geworden sind, haben viele Verleger ihre Inhalte und Vertriebssysteme entsprechend angepasst. "Viele Medienhäuser sind bei der Veröffentlichung ihrer Inhalte auf Facebook und ähnliche Kanäle angewiesen. Doch dort verlieren sie die Kontrolle darüber, wie und was sie veröffentlichen und wie viel Geld sie damit verdienen."

Erschwert wurde die Situation dadurch, dass Facebook Anfang 2018 beschloss, Beiträge von Facebook-Freunden gegenüber den Inhalten von News-Anbietern im User-Feed zu priorisieren. Dies ist ein Rückschlag für all jene Verlage, die auf Facebook angewiesen sind, um möglichst viele Besucher auf ihre Seiten zu lenken.

Bedürfnis nach guten Infos wird bleiben

Die grössten Verlage der Schweiz reagieren mit verschiedene Strategien auf die wegbrechenden Werbeeinnahmen: Sie kaufen Regionalzeitungen auf, zentralisieren ihre Redaktionen und experimentieren mit neuen Einnahmequellen wie Online-Diensten und Online-Marktplätzen. 

Die Konzentration in der Branche und das Verschwinden von Traditionszeitungen macht vielen Menschen Sorge. Krichane sieht im Wandel aber auch eine Chance. Und er ist überzeugt, dass das das Bedürfnis für fundierten Journalismus auch in Zukunft bestehen wird. Jüngste Crowdfunding-Kampagnen durch Start-ups - etwa jene der neu gegründeten Online-Zeitung Die Republik - hätten dies gezeigt.

"In der Schweiz und im Ausland sehen wir Medien, die nach neuen Wegen suchen, um mit ihrem Publikum zu interagieren. Sie bauen ihre eigene Community auf, eine lokale zwar, aber auch eine starke." Eine wichtige Aufgabe der IMI werde deshalb sein, zu verstehen, wie Verleger eine treuere Leserschaft anziehen könnten, und wie sie diese dazu bringen könnten, für Online-Abonnements zu zahlen.

Aber Krichane warnt davor, diesen Trend falsch anzugehen. Das ist eine weitere Herausforderung auf seiner Liste: Wie können Verlage Daten über ihre Leser effektiv und dennoch verantwortungsbewusst nutzen? Denn es gäbe keine klare Trennlinie zwischen personalisiertem News-Dienst und Datenklau.

"Neue Medien können ihren Lesern mehr bieten als traditionelle und sich stärker mit ihnen verbinden, aber sie müssen es so machen, dass sie nur die Informationen verwenden, die sie vom Benutzer benötigen", sagt er. "Sie dürfen sie nicht dazu drängen, persönliche Informationen herauszugeben."

Denn Loyalität baut auf Vertrauen, und obwohl das Vertrauen in die Schweizer Medien relativ hoch bleibt (bei 52 Prozent im Jahr 2018, verglichen mit durchschnittlich 44 Prozent in fast 40 Ländern, die für den Reuters-Bericht befragt wurden), sorgen sich viele Leser um Verlust von journalistischer Qualität und um Desinformation. Die Reuters-Umfrage zeigt, dass die Hälfte der befragten Schweizer Angst vor schlechtem Journalismus und "Fake News" hat. 

Ist das Vertrauen noch vorhanden?

Das Problem von Falschinformationen und fabrizierten Meldungen stehe weit oben auf der Prioritätenliste der IMI, sagt Krichane. Deshalb würden Forscher in einem ersten Schritt eine Typologie sogenannter "Fake News" in der Schweiz entwickeln, mit dem Ziel, besser zu verstehen, wie sich solche Meldungen in den sozialen Medien verbreiten.

"Obwohl es schwierig ist zu wissen, in welchem Umfang gewöhnliche Benutzer falschen Informationen ausgesetzt sind, könnte es den Behörden und Medienindustrie gleichermassen helfen, sich mit dem Umfang des Problems vertraut zu machen und Massnahmen zu ergreifen."

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Die Initiative möchte auch technologische Innovationen auf diesem Gebiet erforschen: "Es könnten beispielsweise Algorithmen zur Messung des Wahrheitsgehalts von Nachrichten oder dem Grad der Objektivität entwickelt werden.“

Auf die Frage, ob die Menschen noch Vertrauen in eine Technologie hätten, welche die schnelle Verbreitung von Fake News überhaupt ermöglicht habe, sagt Krichane, dass die Gesellschaft keine Wahl habe. "Es gibt keinen Weg zurück zu einer Zeit ohne diese Technologie", sagt er und fügt hinzu, dass es entscheidend sei, dass die grossen Technologie-Firmen und die traditionellen Medienhäuser ihre Zusammenarbeit verstärkten.

2017 schloss der Facebook-Konzern Partnerschaften mit professionellen Fakten-Prüfern, um die Verbreitung von Falschinformationen auf seiner Plattform zu bekämpfen. Der Messaging-Dienst WhatsApp folgte kürzlich dem Beispiel des Social-Media-Giganten und verkündete, dass es ebenfalls mit Fakten-Prüfern zusammenarbeite. Zudem vergibt er Zuschüsse an Forscher, die dem Unternehmen helfen können, sein Problem mit Fehlinformationen zu verstehen. 

Es bleibe abzuwarten, ob diese Selbstregulierung nachhaltig das Problem der "Fake News" eindämmen könne, sagt Krichane.

Er hofft, hierfür mit seiner Initiative einen Beitrag zu leisten. Die IMI baut Brücken zwischen Journalisten und Wissenschaftlern, zuerst in der Schweiz und danach im Ausland. Bei seiner vorherigen Arbeit im digitalen Labor des Senders RTS habe er viele Journalisten kennengelernt, die "bereit waren, mit neuen Formaten zu experimentieren", sagt er.

"Das sind die Schlüsselpersonen, die wir brauchen,", sagt er. „So kann eine Gemeinschaft von Journalisten und Forschern entstehen - quasi ein Innovations-Ökosystem.“

Mehr Geld für digitale Nachrichten

In Zukunft sollen nicht mehr nur Radio und Fernsehen Gelder vom Bund erhalten. Der Bundesrat hat Anfang Sommer einen Entwurf für ein neues Mediengesetz in die Vernehmlassung geschickt. Die klassischen Eckpfeiler, Radio und Fernsehen, verschwinden aus dem Zentrum der staatlichen Steuerung. Künftig soll es generell um die «elektronischen Medien» gehen. Der Entwurf für das die neue Ordnung ist in die Vernehmlassung gegangen: Bis Mitte Oktober können Parteien und Verbände dazu Stellung nehmen. Finanzielle Unterstützung wäre auch für Bildungs- und Bildungseinrichtungen verfügbar, einschliesslich derjenigen, die auf digitale Medien ausgerichtet sind. Das Gesetz befasst sich jedoch nicht mit Fake News. Die Regierung erklärte, dass es keine Notwendigkeit für Vorschriften zu diesem Thema sehe und stattdessen die Entwicklungen weiter beobachten würde.

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(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)

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