Mord-Beschuldigter liegt bei Prozess in Zürich im Pflegebett
Unübliche Szenen am Dienstag vor dem Bezirksgericht Zürich: Der 53-jährige Ungar, der sich wegen Mordes an einem Barmann verantworten musste, lag während des Prozesses im Pflegebett. Er ist in palliativer Behandlung.
(Keystone-SDA) «Ich habe Schmerzen wie jeden Tag», sagte der frühere Elektriker zu Beginn der Verhandlung. Aber er fühle sich fähig, den Prozess durchzustehen. Auf einer Liege neben dem Bett lagen die Medikamente, die er im Laufe der Verhandlung brauchen würde, darunter Morphin. Mehrere Sanitäter und Polizisten überwachten den 53-Jährigen.
Der Beschuldigte leidet an Krebs und ist aktuell im Pflegezentrum Bauma ZH untergebracht, einer Einrichtung für gesundheitlich eingeschränkte Häftlinge. Dort erhält er nur noch palliative Behandlung, weil er sich nach einer bereits durchgeführten Chemotherapie einer Immuntherapie verweigert. Er ist hingegen der festen Überzeugung, dass die Ärzte sterben lassen wollen.
«Der Täter kommt immer zurück»
Der Staatsanwalt wirft ihm vor, am 30. August 2023 den Barmann der Kontaktbar «Lugano Bar» im Langstrassenquartier erstochen zu haben. Ein Zeuge habe die Tötungshandlung als regelrechtes Abschlachten bezeichnet und sie mit der Duschszene im Thriller «Psycho» verglichen. «Das Opfer ist qualvoll verblutet.»
Überwachungskameras zeigten den Beschuldigten, wie er sich nach der Tat von der Kontaktbar entfernte. Er setzte sich ins Ausland ab, kehrte aber bald nach Zürich zurück. Etwas mehr als zwei Monate nach der Tat konnte die Polizei den Ungarn weniger als hundert Meter vom Tatort entfernt verhaften. «Der Täter kommt immer zum Tatort zurück», sagte der Staatsanwalt dazu.
Das Messer mit dem der Barkeeper erstochen wurde, lag auf dem Nachttisch des Beschuldigten in Ungarn. Die Polizei fand auch die Kleider, die auf den Kamerabilder zu sehen waren. Für den Beschuldigten sind das keine Beweise. Er habe die Hose vom Discounter. Die hätten viele andere Leute ja auch. Die Kamerabilder könnten zudem nicht stimmen. Der Abstand von Nase zu Kinn sei falsch.
Seine Ausführungen am Dienstag waren über weite Strecken wirr, so dass bei Anwesenden Zweifel aufkamen, ob er wirklich prozessfähig ist. Er erzählte von gestohlenen Bitcoin-Konten und einer Erfindung, die er der Ehefrau von Rennfahrer Michael Schuhmacher verkauft haben will. Er sei zudem Erfinder des LED-Lichts.
Therapie dürfte nichts bringen
Das Gutachten, das wegen des Mord-Verfahrens erstellt wurde, bezeichnet den Mann als «unberechenbar und gewaltbereit». Er leide an einer paranoiden Schizophrenie. Zudem habe er eine Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und paranoiden Anteilen.
Die Staatsanwaltschaft fordert wegen Mordes eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren und eine Verwahrung. Zudem soll er für 15 Jahre des Landes verwiesen werden. Eine Therapie hält der Staatsanwalt für nicht zielführend. Der Beschuldigte sei aggressiv, habe keine Krankheitseinsicht und weigere sich, anti-psychotische Medikamente einzunehmen. Die Behandelbarkeit sei «sehr gering».
Sein Anwalt forderte einen vollen Freispruch sowie eine Entschädigung für die unrechtmässig erlittene Haft. Sein Mandant könne nicht einwandfrei als Täter identifiziert werden. Für eine Verurteilung würden die Beweise nicht ausreichen.
Komme das Gericht dennoch zu einem Schuldspruch, sei eine stationäre Massnahme angemessen. Der Landesverweis solle zudem nur 10 statt wie vom Staatsanwalt gefordert 15 Jahre betragen.
Auf der Suche nach «Debora»
Motiv für die Tat war gemäss Anklage, dass der 53-Jährige der festen Überzeugung war, dass ihn der Barmann der «Lugano Bar» bei der Suche nach einer Frau namens «Debora» und einem gemeinsamen Kind behindere.
Ob die Frau überhaupt existiert, ist unklar. Ein Gutachten attestierte ihm bereits im Jahr 2016 «wahnhafte Beziehungsideen». Er stellt sich also Beziehungen vor, die nicht existieren. Bei der Befragung am Dienstag stritt er ab, eine «Debora» gesucht zu haben. Allerdings wurde in seiner Wohnung ein Kartonschild gefunden, auf dem «Debora komm, ich helfe» stand.
Wann das Bezirksgericht das Urteil eröffnet, ist noch unklar.