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Sherlock Holmes und das Geheimnis seines endlosen Nachlebens

Männer in Kleidung der Art von Sherlock Holmes
Sherlock Holmes und Dr. Watson bei einer Veranstaltung an den Reichenbachfällen im Mai 2026. Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved

Es ist ein strahlender Maimorgen in den Schweizer Alpen. Gelegentliche Wölkchen setzen sich vom klaren, blauen Himmel ab. Die Sonne scheint, doch die Luft ist kühl. Ideales Wetter, wie wir uns einig sind, für einen Mord.

Der Mord, an dem wir teilnehmen sollen, wird gewaltsam sein, aber kein spontaner Wutausbruch. Im Gegenteil: Er ist seit Langem geplant. Seit Monaten erhalten wir Anweisungen für unser Treffen, in denen wir aufgefordert werden, Decknamen anzunehmen und uns zu verkleiden.

Später werde ich herausfinden, dass sowohl die Schweizer als auch die britische Regierung daran beteiligt waren. Wie weit nach oben geht diese Verschwörung?

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FT

Eine Antwort findet sich auf 823 Meter über Meer – die Höhe des schmalen Pfads, auf dem ich jetzt neben einem Wasserfall warte. Über uns stürzt das Wasser durch ein Loch im Fels und fällt Hunderte Meter in ein Becken in der Tiefe. Ein Ausrutscher wäre tödlich.

Vor uns stehen zwei Männer. Einer ist für die Oper gekleidet – oder zumindest für das 19. Jahrhundert – mit Frack, Zylinder und schwarzem Umhang. Der andere trägt ein Tweed-Cape und eine Deerstalker-Mütze. Mit einem Schrei stürmt der Mann mit dem Zylinder vor und die beiden ringen miteinander. Jeder versucht, den anderen über den Rand zu stossen.

Gerade als es scheint, dass der Mann mit der Deerstalker-Mütze gewinnt, halten sie inne, richten ihre Kleidung und beginnen von vorn, damit die TV-Nachrichtenteams einen besseren Winkel bekommen.

Wir, die Sherlock Holmes Society of London, befinden uns auf unserer einmal pro Jahrzehnt stattfindenden Pilgerreise zu den Reichenbachfällen.

Hier soll unser Held im Jahr 1891 in den Tod gestürzt sein, in den Armen seines Erzfeindes, Professor James Moriarty, dem «Napoleon des Verbrechens», wie man glaubte.

Anlässlich dieses Ereignisses haben wir – fast 60 Personen – die Schweiz drei Tage lang in viktorianischen Kostümen bereist.

Ein Teil von mir ist sich bewusst, dass all das sehr albern ist. Während ich unter meinem eigenen Zylinder und Gehrock schwitze, sage ich mir nämlich, dass ich kein besonders grosser Sherlock-Holmes-Fan bin.

Ich bin hier, erkläre ich den Leuten immer wieder, weil mich der enorme kulturelle Fussabdruck interessiert, den Sir Arthur Conan Doyles Schöpfung hinterlassen hat. «Ich höre überall von Sherlock», bemerkt der Bruder des Detektivs, Mycroft, und sagt damit die Zukunft besser voraus, als man hätte ahnen können. Dies geschieht in der Geschichte «The Adventure of the Greek Interpreter» aus dem Jahr 1893.

Holmes steht regelmässig ganz oben auf den Listen der am häufigsten auf der Leinwand dargestellten fiktiven Figuren – gleichauf mit dem Weihnachtsmann und Dracula. Selbst wer keine der Geschichten je gelesen hat, weiss, wer er ist.

Und man wird ihn noch häufiger sehen, denn Conan Doyles Werke sind mittlerweile gemeinfrei und die Figur somit für alle zugänglich.

Derzeit kann man «Watson» sehen, eine moderne Serie, die Holmes‘ Assistenten bei seiner Rückkehr in die Medizin begleitet, sowie «Young Sherlock», eine Guy-Ritchie-Interpretation, die man am besten als «sehr Guy Ritchie» beschreibt. Nächstes Jahr werden wir Rafe Spall in «The Death of Sherlock Holmes» erleben.

Und das ist nur das Fernsehen. Adrian Braddy, der Herausgeber des Sherlock Holmes Magazine, sagt, dass die Zeitschrift jährlich mehr als 80 Rezensionen neuer Ableger-Bücher veröffentlicht. Und das «Regent’s Park Open Air Theatre in London», gleich um die Ecke von der Baker Street, hat gerade ein neues Stück herausgebracht: «Sherlock Holmes».

All das noch, bevor wir zum realen Fussabdruck der Figur kommen. Die Wände der U-Bahn-Station Baker Street sind nicht nur mit seinem unverwechselbaren Profil gekachelt. Die Statue von Holmes vor der Station ist eine von mindestens fünf auf der ganzen Welt. Im vergangenen Monat habe ich drei ihm gewidmete Museen besucht. Letztes Jahr erhielt er ein Lego-Set.

Was mich an Holmes jedoch am meisten interessiert, ist eine weitere Facette seines seltsamen Lebens: Die Leute schreiben ihm Briefe. Der erste dokumentierte Brief an den Detektiv traf im Jahr 1890 ein.

Ein Tabakhändler aus Philadelphia bat darin um ein Exemplar von Holmes‘ Aufsatz über Tabak-Aschen (der Detektiv behauptete, 140 Sorten unterscheiden zu können).

Lange Zeit schrieben die Leute ihm über Conan Doyle. Obwohl dieser seiner Figur die Adresse 221B Baker Street gegeben hatte, reichten die Hausnummern in der Strasse nicht so weit.

Anfang der 1930er-Jahre passierten dann zwei Dinge gleichzeitig. Erstens erklärte der Stadtrat alle Strassenabschnitte, die mit der Baker Street in einer Linie lagen, zu einem einzigen Durchgang und fügte am nördlichen Ende Nummern über 200 hinzu.

Zweitens baute die Abbey Road Building Society ihr neues Hauptgebäude von 219 bis 229 Baker Street – ein Block, der die 221B effektiv einschloss. 1935 traf dort der erste Brief ein.

Die Bank beschloss, Briefe an Holmes zu beantworten, und traf eine leichtherzige Entscheidung mit langanhaltenden Folgen. Ein Sekretär schrieb den Absendern, dass Herr Holmes, wie in den Büchern dargelegt, nach Sussex in den Ruhestand gegangen sei.

Die Briefe begannen hereinzuströmen, und das hielt jahrzehntelang an. Es gab Einladungen zu Vorträgen, Bitten um Autogramme und natürlich Ersuchen um Hilfe bei der Aufklärung von Verbrechen.

So ist es bis heute, obwohl die Briefe, seit die Abbey Road Building Society Teil von Santander wurde, an das Sherlock-Holmes-Museum weiter oben in der Strasse gehen.

An dieser Stelle sollte ich mein Eigeninteresse offenlegen. In meiner bevorstehenden Romanserie geht es um einen zeitgenössischen Schriftsekretär von Holmes, der beschliesst, eines der Verbrechen aus den Briefen mit den Werkzeugen seines Helden aufzuklären – nur um festzustellen, dass dies nicht ganz so einfach ist wie in den Büchern.

Bei meinen Recherchen habe ich schnell gelernt, dass die Abbey nicht die Einzigen waren, die mit Holmes gespielt haben. In den 1930er-Jahren erfand eine Gruppe angesehener Autoren das, was als «The Game» bekannt geworden ist.

Die Prämisse ist einfach: Man stellt sich vor, Holmes sei eine reale Person, und versucht, die Fakten seines Lebens aus den Geschichten zusammenzufügen.

Das Spiel begann als Versuch einer satirischen Theologie. Ronald Knox, ein katholischer Priester und Kriminalschriftsteller, wollte damit Bibelgelehrte verspotten, die behaupteten, dass Widersprüche in den Evangelien bewiesen, diese seien von verschiedenen Autoren geschrieben worden.

Knox veröffentlichte einen eigenen Aufsatz über die Widersprüche in den Holmes-Geschichten. Conan Doyle schrieb mit enormer Geschwindigkeit und überprüfte die Details seiner eigenen früheren Werke nicht sorgfältig genug. So ist Watson an verschiedenen Stellen ledig, verheiratet oder verwitwet. Er hat eine Kriegswunde, die sich im Lauf der Jahre in Charakter und Lage verändert.

Knox argumentierte, all das beweise, dass die Holmes-Geschichten unmöglich von derselben Person geschrieben worden sein könnten, und schlug vor, es habe tatsächlich zwei Autoren gegeben.

Unabhängig davon, was Knox beabsichtigt hatte, fand seine Idee Anklang. In Grossbritannien wurde die Sherlock Holmes Society gegründet, um diese Themen zu diskutieren.

«Die Sache hat sich unter einer erlesenen Gruppe von Scherzkeksen hier und in Amerika zu einem Hobby entwickelt», schrieb die Krimiautorin Dorothy L. Sayers, eine Enthusiastin.

«Die Regel des Spiels lautet, dass es so ernsthaft gespielt werden muss wie ein County-Cricket-Match in Lord’s: Der kleinste Anflug von Übertreibung oder Burleske ruiniert die Atmosphäre.»

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«Ein furchterregender Ort»

In diesem Geist bereisen wir die Schweiz. Alle von uns wurden angewiesen, eine Figur aus den Büchern (auch als «The Canon» bekannt) auszuwählen, die dargestellt werden soll. Wir sollen diese Verkleidung durchgehend tragen.

Als ich davon erfuhr, zögerte ich. Doch dann sage ich mir, dass dies eine fantastische Gelegenheit sein wird, Recherchen für die Buchreihe zu betreiben. Mein Held soll ein Sherlock-Besessener sein.

Nachdem ich zum zweiten Mal gefragt wurde, wen ich spielen werde, merke ich, dass es sich nicht länger aufschieben lässt. Ein Blick in die Bücher verrät mir, dass Colonel Valentine Walter, ein Bösewicht in «The Bruce-Partington Plans», als «sehr grosser, gutaussehender, hellbärtiger Mann von 50 Jahren» beschrieben wird. Drei dieser Eigenschaften, denke ich, kann ich ohne weiteres darstellen.

Wir treffen uns in Lausanne, und wie Holmes reise auch ich mit dem Zug in die Schweiz. Er versucht, die Verfolgung durch den bösartigen Moriarty abzuschütteln. Mein Koffer ist grösser als gewöhnlich für eine fünftägige Reise, aber normalerweise packe ich keinen Gehrock ein.

In meinem Hotelzimmer ziehe ich das Kostüm an und betrachte das Ergebnis im Spiegel. Einerseits finde ich, dass ich ziemlich schick aussehe. Andererseits befürchte ich, dass das alles lächerlich ist. Ich habe drei Premierminister interviewt und bin einmal mit einem Chinook nach Kabul geflogen. Ich bestehe darauf, ernst genommen zu werden.

Zumindest ist es nicht schwer, meine Gruppe in der Hotellobby zu finden. Die Frauen tragen riesige Kleider und die Männer sind für Ascot herausgeputzt – bis auf einen, der wie ein Cambridge-Universitätsrugbyspieler gekleidet ist.

Sie haben es sicherlich erraten: Diese Figur stammt aus «The Missing Three-Quarter». Wie ich es heutzutage bei jeder Gruppe tue, in der ich zu den Jüngsten gehöre, erwärme ich mich sofort für sie.

Dennoch lehne ich mich an einen Pfeiler, um Abstand zu halten, und sage mir, dass ich nicht wirklich einer von ihnen bin. Dann erhasche ich einen Blick auf mein Spiegelbild und stelle fest, dass es schwieriger ist, ironische Distanz zu bewahren, wenn man einen Zylinder trägt.

Eine Frau eilt auf mich zu: «Wir sind überglücklich! Welche Figur spielen Sie?» Ich bin von ihrer Begeisterung so überrascht, dass ich mich nicht mehr an meine Antwort erinnern kann.

«Wenn man sich einmal eine Rolle angeeignet hat, behält man sie in der Regel», sagt mir der Mann, der Moriarty spielt. Er ist bewundernswert unheimlich, obwohl ich später erfahre, dass er im echten Leben Anwalt ist.

Moriarty ist fast so berühmt wie Holmes, tritt aber nur in zwei Geschichten direkt auf. Conan Doyle erfand ihn für «The Final Problem» – ein Superschurke, der dem Superdetektiv ebenbürtig ist.

Nachdem er 1893 zwei Holmes-Romane und zwei Kurzgeschichten-Sammlungen geschrieben hatte, war der Autor seiner Figur überdrüssig. Er meinte, die Geschichten würden seine historischen Romane überschatten, die er als seine grossen Werke betrachtete.

Als Conan Doyle die Schweiz bereiste und die Reichenbachfälle besuchte, suchte er nach einem Weg, Holmes zu töten. Er beschrieb den Ort als «furchterregend», an dem das Wasser «in einen ungeheuren Abgrund stürzt» – der ideale Ort, um Holmes in einem letzten heroischen Opfer sterben zu lassen, während er mit seinem Erzfeind ringt.

Männer, die an einem Wasserfall die Figuren Sherlock Holmes und Moriarty spielen
Holmes und Moriarty liefern sich an den Reichenbachfällen einen Kampf. Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved

Heutzutage sind die Wassermassen weniger überwältigend, da der grösste Teil davon in ein Wasserkraftwerk umgeleitet wird. Es wird gemunkelt, dass überhaupt nur Wasser vorhanden ist, weil die lokalen Behörden dazu gebracht wurden, es sozusagen für unseren Besuch wieder umzuleiten.

Ausserdem begleitet uns ein Beobachter der britischen Botschaft – für den Fall, dass jemand die Sache allzu wörtlich nimmt und Holmes und Moriarty in den Abgrund folgt.

Inzwischen bin ich das Verkleiden gewohnt. Am zweiten Tag der Reise nehme ich mir sogar die Zeit, ins Hotel zurückzukehren, um mich für den Abend umzuziehen, denn wie Moriarty mir mitteilt, ist ein weisser Frack angesagt.

Die Teilnehmenden der Reise sind überwiegend männlich, aber nicht ausschliesslich. Heather Owen spielt Mrs. Turner – ein Redaktionsfehler: Conan Doyle hatte beim Schreiben von «A Scandal in Bohemia» vergessen, dass Holmes‘ Vermieterin Mrs. Hudson hiess.

Owen ist seit Langem Mitglied der Gesellschaft. «Es ist ein Spiel, das wir gemeinsam spielen», sagt sie. Für sie liegt der Reiz darin, das Leben im späten viktorianischen Zeitalter zu erkunden. «Es ist das Bild einer Epoche.»

Andere Frauen geben zu, dass sie auf Bitten ihrer Männer mitgekommen sind. Joan Blanksteen, die eigens aus Amerika angereist ist, deutet auf ihr viktorianisches Outfit. «Wenn wir uns je scheiden lassen, kann ich dem Richter zeigen, was ich ertragen musste», sagt sie.

Ihr Mann Charles gibt eine detaillierte Erklärung der Arten von Luftgewehren, die seiner Figur, Colonel Sebastian Moran, zur Verfügung gestanden haben könnten, der in «The Empty House» versucht, Holmes zu töten. Er hält «The Canon» seit seiner Kindheit auf seinem Nachttisch.

Das war die Geschichte, die 1903 erschien und in der Conan Doyle dem öffentlichen Druck nachgab und Holmes zurückbrachte. Es war eine Niederlage für den Autor und ein Eingeständnis, dass dies die Bücher waren, welche die Menschen wirklich von ihm wollten.

Aber vielleicht hatte er es immer so geplant: Bemerkenswert ist, dass Holmes‘ Leiche in «The Final Problem» nie gefunden wurde, was der Figur einen Weg zurück offenliess.

Der erste Superheld

Die Reaktion auf Holmes‘ Tod war aussergewöhnlich. So wurde berichtet, dass die Menschen in London schwarzen Trauerflor trugen. Conan Doyle erhielt beleidigende Briefe.

Wenn man denkt, dass parasoziale Beziehungen, bei denen Teenager das Gefühl haben, Taylor Swift oder Harry Styles wirklich zu kennen, ein modernes Phänomen seien, sollte man es sich noch einmal überlegen.

Die blosse Existenz der Gesellschaft, die 1951 nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründet wurde, nachdem die ursprüngliche aufgelöst worden war, zeugt davon. Die meisten Literaturgesellschaften sind Autorinnen und Autoren gewidmet, nicht fiktiven Figuren.

Ein Mann, der Sherlock Holmes spielt
Philip Porter als Sherlock Holmes und Julie Porter als Irene Adler. Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved

Ich frage alle, mit denen ich spreche, warum Holmes so anziehend ist. «Ich liebe, wie fehlerhaft er ist», sagt Laura Sparks, die extra aus Kanada angereist ist. Für andere ist er der erste Superheld, dessen Kräfte Beobachtung und Deduktion sind.

Holmes war ein Mann seiner Zeit. Die Geschichten sind von einem spätviktorianischen Optimismus in Bezug auf Technologie und die Zukunft durchdrungen. Der wissenschaftliche Ansatz des Detektivs entsprach dem Glauben, dass die Welt erkannt, verstanden und beherrscht werden könne.

Und dann ist da noch das Erzählen selbst. «The Hound of the Baskervilles», in nur sieben Wochen geschrieben und veröffentlicht, ist ein Musterbeispiel für mitreissendes Thriller-Schreiben mit einer Drei-Akt-Struktur, die in einem modernen Hollywood-Studio hätte entworfen sein können.

Die Geschichte ist kein «Whodunit» – wir erfahren den Namen des Bösewichts zwei Drittel des Wegs hindurch –, sondern ein «Howdunit»: Was ist das geheimnisvolle Wesen, das über die Moore streift?

Bonnie MacBird, eine ehemalige Hollywood-Drehbuchautorin, die sechs Bestseller-Holmes-Abenteuer geschrieben hat, sagt, dass «Conan Doyles Stil seltsamerweise fast filmisch ist. Anders als seine Zeitgenossen verwendet er ausgiebig Dialoge, seine Beschreibungen sind jedoch prägnant und einprägsam. Er setzt die Szene schnell und stürzt sich mit dem gesamten Erzählschwung eines Films in die Handlung».

Vor allem lieben die Fans aber Holmes‘ Beziehung zu Watson. Dies ist eine der grossen literarischen Buddy-Geschichten: ein ungleiches Paar, das nicht voneinander lassen kann. Ehefrauen – vielleicht bis zu fünf – kommen und gehen namenlos aus Watsons Leben, aber Sherlock bleibt eine Konstante.

«Holmes ist so vollständig ausgearbeitet, dass es wirklich ein Vergnügen ist, in die Figur hineinzuschreiben», sagt Joel Horwood, der das Stück für das «Regent’s Park Theatre» verfasst hat.

«Es ist, als dürfte man mit Conan Doyles Spielzeug spielen. Das Schwierigste ist, dass er dem Publikum so vollständig und zu Recht gehört. Mit Holmes hatte Conan Doyle eine so geliebte Figur erschaffen, dass er sie nicht einmal selbst umbringen konnte.»

Schon zu Conan Doyles Lebzeiten war die Figur ausser seiner Kontrolle geraten. Man denke nur an diese Silhouette: Ihre unverwechselbaren Teile sind Erfindungen anderer Menschen.

So war es Sidney Paget, ein Illustrator des Strand Magazine, der Holmes die Deerstalker-Mütze gab, und der Schauspieler William Gillette, der Holmes auf die Bühne brachte und ihm die geschwungene Pfeife in den Mund steckte.

Für Sherlockianer sind Verfilmungen ein zweischneidiges Schwert. Die BBC-Modernisierung mit Benedict Cumberbatch wurde teilweise mit den Fans im Sinn geschrieben und enthält Leckerbissen für sie. In der ersten Folge gibt es eine Handlung um Watsons wandernde Wunde.

Die Meinungen über «Young Sherlock» bei Gesellschaftstreffen könnte man höflich als «gemischt» bezeichnen. Bearbeiterinnen und Bearbeiter können jedoch behaupten, sie hätten die Erlaubnis des Autors. Als Gillette Conan Doyle fragte, ob er Holmes in dem Stück heiraten lassen dürfe, antwortete dieser: «Sie dürfen ihn verheiraten, ermorden oder mit ihm machen, was Sie wollen.»

Während wir diese Fragen bis tief in die Nacht in der Hotelbar diskutieren, wird mir klar, dass meine Behauptung, ein unvoreingenommener Beobachter zu sein, eine Selbsttäuschung ist.

Es gibt einen Grund, warum meine Frau mir vor 20 Jahren die Granada-TV-Serie «Sherlock Holmes» auf DVD geschenkt hat, warum die Holmes-Bücher das Erste sind, was ich auf ein neues Handy lade, und warum es ein Foto von mir gibt, wie ich meinem Sohn am Tag seiner Geburt «A Scandal in Bohemia» vorlese.

Und wir sind viele. Während wir an den Reichenbachfällen stehen und zusehen, wie Holmes und Moriarty für die Kameras ringen, biegt eine junge Chinesin um die Ecke, die eine Deerstalker-Mütze trägt. Als Studentin an der Universität Manchester hatte sie sich genau dieses Wochenende ausgesucht, um ihre eigene, private Pilgerreise zu dem Ort anzutreten, an dem ihr Held starb.

Als sie ihn leibhaftig vor sich sah, verschlug es ihr die Sprache. Mehr als ein Jahrhundert, nachdem sein Schöpfer versucht hatte, ihn umzubringen, hat Sherlock Holmes noch immer diese Wirkung auf die Menschen.

Copyright The Financial Times Limited 2026

Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub

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