Weniger Gelder: Schweizer Nonprofit- Arzneimittelhersteller suchen Auswege
Immer mehr Pharmaunternehmen ziehen sich aus Partnerschaften zurück, deren Ziel die Entwicklung von günstigen Medikamenten vor allem für Menschen in Entwicklungsländern ist. Gemeinnützige Organisationen sind gezwungen, sich anders zu organisieren.
Eine Malariatherapie für Neugeborene, ein antivirales Medikament gegen chronische Hepatitis C und ein Antibiotikum zur Behandlung von Gonorrhö: Das sind drei Arzneimittel, die von drei gemeinnützigen Organisationen mit Sitz in Genf entwickelt wurden. In den kommenden Monaten werden sie in verschiedenen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf den Markt kommen.
Und das sind nur die Therapien, die in den letzten acht Monaten zugelassen wurden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die «Medicines for Malaria Venture» (MMV), die «Drugs for Neglected Diseases Initiative» (DNDi) und die «Global Antibiotic Research and Development Partnership» (GARDP) Dutzende von medizinischen Mitteln für Millionen von Patient:innen mit geringem Einkommen bereitgestellt. Patient:innen, die von gewinnorientierten Pharmaunternehmen vernachlässigt wurden.
Das Hepatitis-C-Medikament von DNDi zum Beispiel: Als es in Malaysia erstmals auf den Markt kam, kostete es weniger als 300 US-Dollar (240 Franken). Demgegenüber wurde ein patentiertes Medikament gegen dieselbe Krankheit für 11’000 US-Dollar verkauft. Dies war nur dank eines gemeinnützigen Modells möglich, das auf der Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie basiert.
2018 erreichten die Forschungs- und Entwicklungsausgaben (F&E) der Pharmaindustrie für vernachlässigte Krankheiten mit 824 Millionen US-Dollar ihren Höchststand.
Bis 2024 gingen sie jedoch laut dem Datenportal «G-Finder» der Forschungs- und Politikorganisation Impact Global Health um fast ein Viertel auf 623 Millionen US-Dollar zurück.
Angesichts des nachlassenden Interesses der Pharmaindustrie kündigten die drei NGOs im Juni an, eine Allianz zu bilden. Damit wollen sie ihre Ressourcen in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Interessenvertretung und Kommunikation bündeln, um die Entwicklung von Therapien für vernachlässigte Patient:innen voranzutreiben.
«Unser Modell funktioniert», sagt Peter Beyer, stellvertretender Geschäftsführer von GARDP. «Wir entwickeln Medikamente, die dringende Bedürfnisse im Public-Health-Bereich erfüllen und die es sonst nicht gäbe. Aber wenn wir uns bei den Geldgebern umschauen, stellen wir fest, dass die Welt zu einem egoistischeren Ort geworden ist.»
Weil sich die Industrie und die Regierungen in Ländern mit hohem Einkommen immer weniger für die Entwicklung von Medikamenten für Patient:innen in ärmeren Ländern engagieren, suchen diese NGOs nach anderen Wegen, um weiterhin Lösungen anzubieten.
Wie alles anfing
Das «Medicines for Malaria Venture» (MMV) wurde 1999 gegründet, um neue Medikamente gegen die Krankheit zu entwickeln. Im Jahr 2003 folgte die Initiative «Drugs for Neglected Diseases» (DNDi).
Sie konzentriert sich auf sogenannte «Armutskrankheiten», die sich in Gebieten ohne Zugang zu sauberem Wasser und grundlegender Sanitärversorgung ausbreiten können: zum Beispiel das Dengue-Fieber, die Chagas-Krankheit und Leishmaniose.
Aus ihr ging 2016 die «Global Antibiotic Research and Development Partnership» (GARDP) hervor, die sich mit dem Zusammenbruch der Antibiotikaforschung befasst.
Alle drei Organisationen haben ihren Sitz in Genf. Hier hat sich rund um den Hauptsitz der WHO ein globales Gesundheitsökosystem entwickelt.
Doch obwohl sie in der Entwicklung von Medikamenten tätig sind, verfügt keine dieser Organisationen über ein eigenes Labor. Stattdessen arbeiten sie mit Produktentwicklungspartnerschaften (PDPs): Partnerschaften mit Pharmaunternehmen, bei denen die Organisationen Zugang zu deren Fachwissen erhalten, etwa die Wirkstoffbibliotheken mit Molekülen zur Behandlung von Krankheitserregern oder die Produktionskapazitäten.
Und weil sich die NGOs auf vernachlässigte oder aufgegebene Forschungsbereiche beschränken, sind die Pharmaunternehmen bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Als DNDi im Jahr 2005 begann, sich mit der Schlafkrankheit zu befassen – einer in Subsahara-Afrika weit verbreiteten parasitären Erkrankung, die durch Stiche der Tsetsefliege verursacht wird –, durchsuchte die Organisation in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) die Wirkstoffbibliothek von Sanofi.
Dabei entdeckten Forscher:innen der DNDi Fexinidazol, einen Wirkstoff, der erstmals 1978 von einem Unternehmen entdeckt worden war, das später mit Sanofi fusionierte. Sie führten erfolgreiche klinische Studien durch, Sanofi erlangte daraufhin die Zulassung für das Medikament in den Endemiegebieten, stellte es her und spendete es ab 2018 an die WHO, welche die Verteilung sicherstellte.
Der Zeitrahmen für die Arzneimittelentwicklung entspricht in etwa jenem der grossen Pharmaunternehmen: acht bis zehn Jahre bis zur Markteinführung eines Medikaments.
Dies, obwohl PDPs in der Regel mit bereits existierenden Wirkstoffen arbeiten – die jedoch wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Aussichten von den Herstellern nicht weiter erforscht worden waren.
Die Pharmaindustrie nimmt den Hinterausgang
Traditionell gehen Pharmaunternehmen solche Partnerschaften wegen ihres Ansehens und sozialer Unternehmensverantwortung (CSR) ein. In der Europäischen Union und der Schweiz sind grosse Unternehmen verpflichtet, CSR-Berichte vorzulegen.
Einige CSR-Massnahmen können relevant dafür sein, wie Unternehmen im «Access to Medicine Index» bewertet werden. Der Benchmark verfolgt, wie die 20 grössten Pharmakonzerne den Zugang zu Medikamenten, Impfstoffen und Diagnostika in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen verbessern. Für viele institutionelle Anleger ist eine hohe Platzierung ein wichtiger Leistungsindikator.
Der Index verschafft den Unternehmen zwar einen PR-Schub. Gleichzeitig ermögliche er es aber auch, das System auszunutzen – weil das Engagement in den Bereichen Innovation und Forschung und Entwicklung nicht ausreichend gewichtet werde, sagt Laurent Fraisse, F&E-Leiter bei DNDi.
So können Unternehmen CSR-Punkte sammeln, indem sie bereits vorhandene Medikamente spenden, ohne in die anfänglichen, aber kostspieligen Forschungs- und Laborarbeiten zur Entwicklung neuer Medikamente zu investieren.
«Es ist grossartig, Produkte zu spenden oder den Zugang zu ihnen zu ermöglichen», sagte Fraisse. «Aber über zukünftige Bedürfnisse nachzudenken und dafür vorzusorgen, ist besser und sollte höher bewertet werden. Innovation ohne die Pharmaindustrie ist möglich, aber wir würden es lieber mit ihr zusammen machen.»
Da sich die Pharmariesen eher auf die Vermarktung als auf die Forschung konzentrieren, sind gemeinnützige Organisationen, die an PDPs beteiligt sind, für die Forschung und Entwicklung in der Frühphase zunehmend auf akademische Labors und teure Dienstleister angewiesen.
Die Kapazitäten der Universitäten liegen jedoch weit unter jenen multinationaler Konzerne – und gemeinnützige Organisationen kostet es deutlich mehr, eigene Alternativen zum Fachwissen der Industrie aufzubauen.
Die «Access to Medicine Foundation» weist darauf hin, dass der von ihr erstellte Index Unternehmen in den Bereichen Zugangssteuerung, Produktbereitstellung sowie Forschung und Entwicklung bewertet.
Dazu gehören auch die Zugangsplanung, die Produktentwicklung und der Aufbau von F&E-Kapazitäten. Sie betont, dass Produktspenden die F&E-Aktivitäten nicht ersetzen können.
Dies hat sich im Lauf des letzten Jahrzehnts zu einem immer ernsteren Problem entwickelt. Mehrere grosse Pharmaunternehmen haben angekündigt, die Forschung und Entwicklung im Bereich Infektionskrankheiten – darunter Malaria und Antibiotikaresistenzen – aufgrund geringer wirtschaftlicher Erträge einzustellen.
Der Exodus hat die Partnerschaften stark dezimiert. Während DNDi im Jahr 2015 noch 15 Partner aus der Pharmabranche vorweisen konnte, sind es mittlerweile nur noch fünf.
Ähnlich geschah es mit dem Gonorrhö-Medikament von GARDP: Ursprünglich von Astrazeneca entwickelt, wurde später an dessen Spinoff-Unternehmen Entasis übertragen. Die Abteilung bei Astrazeneca, in der der Wirkstoff entwickelt worden war, wurde geschlossen.
Astrazeneca hat auf eine Anfrage von Swissinfo nach einer Stellungnahme nicht reagiert.
Nicht alle Unternehmen ziehen sich zurück. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat in Zusammenarbeit mit MMV «Coartem Baby» entwickelt, das weltweit erste Malariamedikament für Neugeborene und Kleinkinder. Das Medikament wurde im vergangenen April von der WHO vorqualifiziert.
«Es ist wirklich grossartig, dass einige Partner wie Novartis sich dem Trend widersetzen und weiterhin in die Bekämpfung von Infektionskrankheiten investieren», sagt Emma Hannay, Chief Strategy Officer bei MMV. «Aber insgesamt beobachten wir einen Rückgang.»
Damit, sagt sie, verliere man nicht nur Ressourcen, sondern auch das Fachwissen, das aus diesen Partnerschaften stammt. «Ein Grossteil des weltweiten Fachwissens über Armutskrankheiten ist in Pharmaunternehmen gebündelt, und wir laufen Gefahr, einen Grossteil dieser Ressourcen zu verlieren.»
Rückgang der Entwicklungshilfe
Obwohl der Zugang zu pharmazeutischem Fachwissen eine unschätzbare Ressource darstellt, sind die drei PDPs zudem auf philanthropische Stiftungen wie den Wellcome Trust sowie auf Entwicklungshilfegelder von Ländern wie der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Japan und dem Vereinigten Königreich angewiesen.
Doch zahlreiche Staaten kamen unter Druck, ihre internationale Entwicklungshilfe zu kürzen. Grund dafür sind unter anderem die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie, die instabile geopolitische Lage und ein zunehmender Trend, dass sich Staaten, angeführt vom Austritt der USA aus der WHO unter Präsident Donald Trump, aus der globalen Zusammenarbeit zurückziehen.
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Zwar unterstützen und engagieren sich die Geldgeber nach wie vor für die Arbeit der PDPs. Doch die von ihnen bereitgestellten Mittel gehen zurück. «Es stehen einfach weniger Mittel für die gleiche Anzahl von Organisationen zur Verfügung», sagt Beyer von GARDP.
Und bei jenen Mitteln, die noch zur Verfügung stehen, haben sich die Kontrollen verschärft. «Es reicht heute nicht mehr aus, zu sagen: ‹Wir werden einer vernachlässigten Bevölkerungsgruppe in einem bestimmten Teil der Welt helfen.› Die Abgeordneten verlangen mehr – sie wollen wissen, wie das Geld der eigenen Bevölkerung zugutekommt», sagt Beyer.
Zwar arbeiten GARDP und DNDi bereits seit 2016 zusammen, doch die schrumpfende Finanzierung und der zunehmende Rückzug der Pharmaindustrie haben sie dazu veranlasst, eine formelle Dreierallianz mit MMV zu gründen.
GARDP und DNDi nutzen bereits gemeinsame Verfahren zur Kontrolle der physikalischen und chemischen Eigenschaften von Arzneimitteln sowie ihrer Qualität und Konsistenz bei der Herstellung – dieses Knowhow lag traditionell bei den Partnern aus der Industrie.
Jetzt haben DNDi und MMV zudem eine gemeinsame Plattform für Zulassungsfragen ins Leben gerufen, die Fachwissen und Ressourcen bündeln soll, um die Produktzulassung zu vereinfachen und den Zugang für Patient:innen zu beschleunigen.
Zumindest die unmittelbare Zukunft dieser PDPs ist trotz der Herausforderungen nicht gefährdet. Ihre Arbeit wird durch mehrjährige Zuschüsse staatlicher Geldgeber und philanthropischer Stiftungen gestützt. Damit ist ihre Finanzierung für die nächsten fünf Jahre gesichert.
«Wir haben keine Angst davor, unterzugehen oder nicht zu überleben», sagt Beyer. «Wir arbeiten kosteneffizient und erzielen konkrete Ergebnisse. Das heisst aber nicht, dass wir nicht noch effektiver werden können, und wir sind auch sehr offen für eine Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.»
Editiert von Virginie Mangin/Nerys Avery/gw, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/raf
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