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Was ist die Rolle der Wissenschaft in der Schweizer Demokratie und global?

Proteste gegen die Politik der US-Regierung gegenüber der Wissenschaft 2025
Forschende von Universitäten und von den National Institutes of Health protestierten im Februar 2025 in Washington D.C. gegen massive Budgetkürzungen. John McDonnell / Keystone

Die Wissenschaft geniesst in der Schweiz mehr Vertrauen als Polizei, Regierung und Parlament. Doch was ist überhaupt die Rolle von Wissenschaft in einer Demokratie – und wie unterscheidet sie sich von jener in Diktaturen?

Viele Jahre war es die Polizei, der die Schweizer Bevölkerung am meisten vertraute. Dies zeigt die ETH Zürich-Studie «Sicherheit»Externer Link, die jährlich publiziert wird. Heute steht eine andere Institution an der Spitze: die Wissenschaft.

Eine gute Nachricht, findet die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der Universität Harvard. Es zeige, dass die Schweizer Öffentlichkeit «hochwertige Informationen» mehr schätze als ihr US-Pendant.

Die «Sicherheit»-Studie untersucht das Vertrauen in die Wissenschaft seit 2018 Externer Linkund begründete damals die Einführung der Kategorie mit Tendenzen «besonders in den USA».

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Das Problem von «Follow the Science»

In Ländern wie der Schweiz hatte unter anderem die Corona-Pandemie die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft zur politischen Streitfrage gemacht.

Die Rhetorik zu Beginn der Pandemie liess ihre «persönlichen Antennen» anschlagen, sagt die Politikwissenschaftlerin Eri Bertsou. Sie forscht an der Universität St. Gallen unter anderem zu Technokratie – zur Vorstellung, dass politische Entscheidungen stärker auf Expertenwissen beruhen sollten.

Im Frühling 2020 hatte der damalige britische Premier Boris Johnson Regierungsentscheide mit dem Slogan «Follow the Science» gerechtfertigt. «Da dachte ich schon: Gosh, gut ist das nicht», sagt Bertsou. Es war der bestimmte Artikel und nicht die gewählte Politik, auf die sie reagierte. «‹The Science›, als gäbe es eine einzige, wissenschaftliche Antwort, der man folgen könnte. Die gab es damals nicht.» Daten kamen laufend hinzu, Annahmen wurden angepasst. «Entsprechend veränderten sich wissenschaftliche Einschätzungen und Modelle im Verlauf der Pandemie», sagt Bertsou. Als dann Regierungen ihre Pandemiepolitik änderten, habe man die Wissenschaft dafür verantwortlich gemacht. «Gerade, weil die Regierungen zuvor behaupteten, ihr zu folgen.»

Die Vorstellung, dass die Wissenschaft eindeutige Antworten auf politisch komplexe Fragen liefern könne, klingt verlockend. Doch die Rolle der Wissenschaft sei es, ihre Erkenntnisse als Grundlage für die demokratische Diskussion einzubringen, so Bertsou: «Die Entscheidung muss bei jenen liegen, die mit den Folgen leben müssen.»

Boris Johnson
Der damalige britische Premierminister Boris Johnson in richtete sich zu Beginn der Pandemie täglich an die Öffentlichkeit. Hier am Sonntag, 22. März 2020. Ian Vogler / Keystone

Der Slogan «Follow the Science» habe aber vermittelt, dass politische Entscheide direkt aus Wissenschaftserkenntnissen abgeleitet werden können. «Damit verwischte die Grenze zwischen wissenschaftlicher Beratung und politischer Verantwortung», erklärt Bertsou.

Sie stellt vielerorts eine starke Polarisierung der Haltungen in der Bevölkerung gegenüber der Wissenschaft fest. Diese seien «kontextspezifisch». So seien in Osteuropa nach Ende des Kalten Kriegs vor allem politische Linke wissenschaftsskeptisch gewesen. Heute hätten sich die Haltungen eher jenen in Westeuropa angeglichen. Dort und in den USA sind eher Rechte skeptisch. Dies gilt auch für die Schweiz: Die Studie «Sicherheit» zeigt ein geringeres Vertrauen «je politisch rechter».

Dass die Schweizer Bevölkerung insgesamt der Wissenschaft am stärksten vertraut, überrascht Bertsou nicht. «Meine Vermutung ist, dass in einer Welt mit vielen Unsicherheiten ein zusätzliches Bedürfnis besteht, sich an etwas zu orientieren.» Daten aus einer Studie in 68 LändernExterner Link, an der Bertsou beteiligt war, zeigen: Viele Menschen wollen, dass sich Wissenschaftler:innen politisch stärker einbringen.

Vertrauen gilt oft als schwindendes Gut. Angesichts des sinkenden Vertrauens in die Institutionen vieler Länder zeigten sich manche in den letzten Jahren besorgt.

Auch das Vertrauen in die Politik und Behörden ist in der Schweiz vergleichsweise hoch. Lesen Sie hier unseren neusten Beitrag darüber:

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Doch Bertsou sagt, Vertrauen verschwindet nicht – es verlagert sich, wie beim Energieerhaltungssatz: «Vertrauen ist relativ, Sie müssen es wohin richten.» Wer das Vertrauen in die Politik verliere, setze es womöglich in eine populistische Figur – oder eben in die Wissenschaft. Wird die Politik als korrupt wahrgenommen, hoffen manche auf Expert:innen, die sie als ausserhalb des Systems wahrnehmen.

Technokratie – oder der Ruf «Follow the Science» – kann an das Versprechen anknüpfen, es gebe eine objektiv richtige, wissenschaftlich begründbare Politik.

Wenn Wissenschaft dem autoritären Staat dient

In Diktaturen gebe es keine kritische Spannung zwischen Wissenschaft und Regierung, sagt der Politikwissenschaftler Ralph Weber, der an der Universität Basel zu China forscht: «Im Gegenteil: In China soll die Wissenschaft der Partei helfen, ihre Herrschaft auszuüben.» Es sei kein Zufall, dass autoritäre Regierungen oft ein technokratisches Wissenschaftsverständnis hätten: Die Vorstellung einer besten Lösung sei eng verbunden mit autokratischem Regieren.

Dies könne zwar manchmal effizient sein. Gleichzeitig ist gerade die Offenheit der Diskussion eine Stärke der Wissenschaft in Demokratien. «Wir können darüber streiten, was eigentlich das Problem ist. Das überspringen autoritäre Staaten. Die Regime entscheiden von oben herab: Das Problem ist gesetzt», sagt Weber.

Durch die Forschung und die Beratung «verschiedenster Wissenschaftsakteure» sei Weber oft mit der Frage konfrontiert, mit wem man wie kooperieren kann. Denn die moderne Wissenschaft ist international vernetzt – und die Tatsache, dass Wissenschaft in autoritären Staaten eine andere Funktion und ein anderes Selbstverständnis hat, birgt Herausforderungen für demokratische Länder wie die Schweiz.

Einerseits gehe es darum, «im globalen Wettbewerb um Wissen und Innovation weiterhin an der Spitze mitzuspielen», sagt Weber. Andererseits müsse man verhindern, dass man dabei langfristig Beihilfe leiste, die Demokratie weiter zu schwächen.

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Für Weber heisst das: Offenheit bewahren, ohne naiv zu sein. Dafür müsse man «in eine maximal informierte Wissenschaftskooperation» investieren. Austausch, Forschung und Kooperation ermöglichen, aber: «Wenn jemand mit China Hydraulik erforscht, soll die Person abschätzen können, was das Fehlen einer Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung für das Projektvorhaben bedeutet.» Niemand solle im Nachhinein komplett überrascht sein, dass eigene Erkenntnisse zum Bau von Langstreckenraketen beigetragen haben.

Wenn Weber von Herausforderungen in der Kooperation erzählt, denkt er längst nicht mehr nur an autoritäre Staaten wie China – sondern global an Demokratien, die «viele innere autoritäre Herausforderungen haben», etwa Indien oder die USA. Der Anteil von Demokratien ist in den letzten Jahrzehnten weltweit zurückgegangen.

Wie viele andere beschäftigt Weber derzeit die Lage in den USA: «Wir erleben eindrücklich, wie sich ein traditionell starker Wissenschaftspartner verändert.»

Wann hört eine Demokratie auf eine Demokratie zu sein? Lesen Sie hier unseren Artikel zum Thema:

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Herausforderungen für die Universitäten – von Youtube bis Trump

Das hohe Vertrauen der Schweizer:innen in die Wissenschaft überrascht Weber.

Er beobachtet «nicht zuletzt infolge der Digitalisierung» eher, dass die Skepsis gegenüber der Wissenschaft zugenommen hat. Während er zu seiner Studienzeit noch Hemmungen gehabt hätte, seinem Professor zu widersprechen, seien die Leute heute dank digitaler Kanäle schneller in der Lage, gesellschaftliche Autoritäten zu hinterfragen. «Damit einher geht aber eine Durchlässigkeit von Meinung zu Wissen. Im worst case suche ich im Youtube-Spektrum etwas, was meine Meinung verstärkt, und erkläre dann das zum Wissen.»

Das bringe die Universitäten in Zugzwang. «Sie müssen ihren Wert für die Gesellschaft aufzeigen und eine gute Flughöhe finden, um zu vermitteln, wie wissenschaftliches Wissen entsteht», sagt Weber. Etwa, dass Geistes- und Sozialwissenschaften oft eine andere Art Wissen schaffen als ein Laborbeweis, oder was der Unterschied ist zwischen objektivem Wissen und einer fundierten Interpretation.

Eine Forscherin hält einen Schlauch im Wasser
Forschende des EAWAG Dübendorf stehen in Tschamut Ende Mai 2026 mit Wathosen im alpinen Gewässer, um alpine Insekten aus einer schwimmenden Falle zu sammeln. Dies dient der Untersuchung, ob und wie viele PFAS – nicht abbaubare Ewigkeitschemikalien – die Insekten enthalten. Keystone / Gaetan Bally

Besser vermitteln, was die Wissenschaft für die Allgemeinheit leistet – das fordert auch die Harvard-Historikerin Naomi Oreskes. Sie beobachtet bei vielen Wissenschaftler:innen eine Unfähigkeit im Umgang mit der zunehmenden Polarisierung und dem Vertrauensverlust in Teilen der US-Bevölkerung in die Wissenschaft.

Die «Führung der wissenschaftlichen Gemeinschaften» sollte sich im Austausch mit Disziplinen wie Soziologie oder Politikwissenschaft überlegen, wie die Wissenschaft besser «menschlichen Bedürfnissen besser gerecht werden» und wie sie zeigen kann, «wie unsere Arbeit den Gesellschaften hilft, in denen wir leben».

Sie sieht die Wissenschaft als Kraft gegen das Autoritäre: «Wissenschaft, als Unternehmung, bedroht autoritäre Regierungen, weil Wissenschaft eine Quelle unabhängigen Denkens ist und damit, potenziell, eine Quelle für eine unabhängige Stimme.» Auch wenn sich natürlich nicht alle Wissenschaftler:innen zu allen Zeiten für demokratische Prinzipien eingesetzt haben.

Die Wissenschaft als Ganzes sei eine werteorientierte Unternehmung, so Oreskes. Am wichtigsten bleibe die Suche nach Wahrheit.

Hohes Vertrauen in die Wissenschaft sei gerechtfertigt, weil sie «über eine Strategie zur Fehlererkennung und -korrektur» verfüge. Es sei auch notwendig, «weil die Wissenschaft komplexe Fragen aufwirft, die keiner von uns allein beantworten kann».

In der Studie «Sicherheit» waren die Vertrauenswerte der Wissenschaft stets besser als die der Schweizer Regierung.

Wie steht es um ihr eigenes Vertrauen in die Politik? Erzählen Sie es uns:

Editiert von Meret Michel

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