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Eine Schweizer Entwicklungshelferin erzählt Burkina Faso wird vom religiösen Radikalismus bedroht

Vor einem guten Jahr starben 30 Menschen bei einem Islamisten-Anschlag in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. In diesem westafrikanischen Land rücken die radikalen Islamisten immer weiter vor. Burkina Faso könnte zu einem neuen Mali werden, meint die Schweizer Anthropologin Aja Diggelmann. Sie ist Mitarbeiterin der Schweizer NGO E-Changer in der afrikanischen Metropole. swissinfo.ch hat mir ihr gesprochen.



Gedenken an die Opfer in Ouagadougou: Am 15. Januar 2016 wurden vor dem Restaurant Cappuccino dreissig Menschen getötet, darunter zwei Schweizer.

Gedenken an die Opfer in Ouagadougou: Am 15. Januar 2016 wurden vor dem Restaurant Cappuccino dreissig Menschen getötet, darunter zwei Schweizer.

(Keystone)

"Die Situation im Nord-Osten des Landes, an der Grenze zu Mali, ist wirklich schwierig. Die Leute haben Angst. Zugleich leben sie ihr Leben weiter, als sei alles ganz normal. Aber sie haben gar keine Wahl."

Gemäss der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2006 sind rund 60% der 17 Millionen Einwohner von Burkina Faso Muslime. 25% sind Christenexterner Link, davon die Mehrzahl Katholikenexterner Link. 15% sind Anhänger von traditionellen afrikanischen Religionen.

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Aja Diggelmann ist studierte Anthropologin und lebt seit November 2015 in Burkina Faso. Sie arbeitet dort als Entwicklungshelferin für die Schweizer NGO E-Changer, in einem Projekt zur Unterstützung des Weltfrauenmarschsexterner Link. Bereits vor einigen Monaten erhielt die 34-jährige Bernerin die Anweisung, sich aus Sicherheitsgründen nicht mehr in den Nord-Osten des Landes zu begeben.

Seit dem Attentat vom Januar 2016 in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou, das 30 Menschenleben forderte, darunter zwei Schweizer, kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Die terroristische Gefahr ist stets präsent. Bei mehreren Anschlägen auf die dortigen Sicherheitskräfte sind 20 Menschen umgekommen.

Doch im Visier der Terroristen befindet sich nicht nur das Militär, sondern vor allem auch die Zivilbevölkerung. Ende Januar drang eine Gruppe von Dschihadisten in mehrere Schulen der Provinz Soum nahe der Grenze zu Mali ein – die Lehrpersonen wurden unter Druck gesetzt, keinen Unterricht mehr auf Französisch zu erteilen, sondern nur noch Arabisch und den Koran zu lehren. Nach den Drohungen wurde der Schuldirektor ermordet. Laut Aja Diggelmann birgt dieses Vorgehen das Risiko, dass die Schulen schliessen und die Kinder in die Hände der Dschihadisten geraten, wo sie für deren Zwecke rekrutiert werden könnten.  

Das Ende der religiösen Toleranz

Burkina Faso galt lange als Vorbild für ein Miteinander verschiedener Religionen, als ein Land, in dem gemischt-religiöse Ehen normal sind. Das Vorrücken der radikalen Islamisten, die vorwiegend aus dem benachbarten Mali stammen, hat die Situation verändert. "Die Leute erzählen, dass es bis vor einigen Jahren in Ouagadougou keine Frauen mit Burka gab, während es heute immer mehr sind", sagt Aja Diggelmann, auch wenn sie betont, dass man dieses Phänomen nicht überbewerten solle. Dazu käme jedoch ein zunehmender Einfluss der Evangelikalen, die gegenüber der religiösen Vielfalt wenig aufgeschlossen seien.

Im letzten Jahrzehnt gab es in Burkina Faso viele politische und soziale Spannungen. Ende 2014 wurde Blaise Compaoré vom Militär entmachtet. Er hatte das Land mit eiserner Hand 27 Jahre lang regiert. Nach einem Übergangsjahr wurde im Dezember 2015 der ehemalige Premierminister Roch Marc Christian Kaboré zum Präsidenten gewählt. Er war zur Opposition übergelaufen. Die bisherige Bilanz seiner Regierungszeit fällt sehr durchwachsen aus. "Die neue Regierung ist nicht sehr präsent, die Leute fragen sich, was diese überhaupt tut", erläutert Aja Diggelmann.

Die Unzufriedenheit mit Präsident Kaboré wächst. Man wirft ihm vor, seine Wahlversprechen nicht eingehalten zu haben. Kaboré hatte eine Reform der Institutionen, eine Verbesserung der Ausbildung, eine bessere Gesundheits- und Wasserversorgung und eine Modernisierung der Landwirtschaft in Aussicht gestellt. "In anderen Ländern wären die Leute wohl schon längst auf die Strasse gegangen, doch die Einwohner von Burkina Faso warten auf das Ende des Regierungsmandats. In zwei Jahren ist es soweit."

Ein Land in der Hand von Männern

Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Im UN-Entwicklungsindex steht es an viertletzter Stelle. Die Mehrheit der Bevölkerung ist im informellen Sektor der Wirtschaft tätig. Laut Aja Diggelmann werden viele dieser Tätigkeiten von Frauen ausgeführt. Gleichwohl werde deren gesellschaftliche Rolle aber weiterhin unterschätzt: "Burkina Faso ist nach wie vor ein Macho-Land: Männer haben die Macht."

Frauen seien immer noch stark benachteiligt. So könnten sie kein Land besitzen und praktisch keinen Kredit aufnehmen. Zudem sei vielen der Schulbesuch verwehrt. Weit verbreitet sind Beschneidungen von Frauen sowie Zwangsehen. All dies passiert, obwohl das Land eigentlich über eine fortschrittliche Verfassung verfügt, welche die Frauenrechte zumindest auf dem Papier garantiert.



Aja Diggelmann engagiert sich in Burkina Faso im Rahmen des Projekts "Weltmarsch der Frauen" gegen soziale Ungleichheit.

Aja Diggelmann engagiert sich in Burkina Faso im Rahmen des Projekts "Weltmarsch der Frauen" gegen soziale Ungleichheit.

(E-CHANGER)

Die junge Bernerin arbeitet im Rahmen ihres Projekts vor allem mit Frauen, die kleine Kochstände an Strassen betreiben und Street-Food verkaufen. Es sind Frauen, die doppelt belastet sind. "Sie stehen bei Sonnenaufgang auf, bringen das Haus in Ordnung, gehen zum Markt, bereiten dort die Gerichte vor, um dann wieder nach Hause zu gehen, wo sie sich um ihre Kinder und vor allem den Ehemann kümmern." Viele dieser Frauen, erzählt Aja Diggelmann, hätten diese Arbeit ohne jegliche Ausbildung begonnen: "Sie hatten keine Ahnung von Buchhaltung, und sie wussten nicht einmal, wie viel sie verdienten."

Der Weltfrauenmarschexterner Link ist ein Netzwerk von Frauen, in dem 6000 Vereinigungen in 150 Ländern zusammengeschlossen sind. Sie kämpfen gegen soziale Ungerechtigkeit, Gewalt, Rassismus und Krieg. Die Bewegung lehnt sich symbolisch an den Streik der Textilarbeiterinnen von Lawrence (Massachusetts) im Jahr 1912 an. Diese hatten unter dem Slogan "Brot und Rosen" aufbegehrt.

Unter diesem Motto versammelten sich 1995 in Québec 850 Frauen und marschierten in 10 Tagen gemeinsam 200 Kilometer, um bessere wirtschaftliche Bedingungen für Frauen einzufordern. Zwei Monate später entstand am Weltforum der Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Peking die Idee, einen Weltfrauenmarsch zu gründen. Offiziell erfolgte der Startschuss dann am 8.März 2000 in Genf.

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Mit Gesprächen und Sensibilisierungskampagnen bekämpft Aja Diggelmann auch Vorurteile und Gewalt. "Wir wollen den Männern klar machen, dass sie zu Hause einen Beitrag für die Familie leisten können: Teller abwaschen, Hausaufgaben mit den Kindern erledigen, oder auch mit den Ehefrauen sprechen." Diese Botschaft wird auch in Theaterstücken übermittelt, in denen Männer unterschiedliche Rolle einnehmen. "Es geht darum, Modelle zu zeigen, mit denen sie sich identifizieren können. Wenn wir Frauen ihnen sagten, sie müsste am Abend putzen, würde sich nie etwas ändern."

Einige Fortschritte sind bereits sichtbar, auch wenn der Weg bis zur Selbstbestimmung der Frauen noch weit ist: "Ein ehemaliger Lehrer hat beispielsweise entschieden, seiner Frau beim Imbiss-Stand zu helfen, doch als seine Freunde dies sahen, haben sie sich zurückgezogen, weil sie der Meinung waren, er sei kein echter Mann mehr."

Afrika im Herzen

Aja Diggelmann ist für einige Wochen in ihre Schweizer Heimat zurückgekehrt. Doch Burkina Faso und dessen Bewohner vermisst sie bereits. Sie trägt Afrika in ihrem Herzen. Ihre ersten drei Lebensjahre verbrachte sie in der Demokratischen Republik Kongo (damals Zaire), wo ihre Eltern einen Bauernhof mit Vieh und Schweizer Kühen bewirtschafteten. Später ist sie viel gereist: Durch Afrika, Asien und Lateinamerika.

Nachdem sie drei Jahre in einem Asylbewerberheim im Kanton Aargau gearbeitet hatte, in einem sehr stressigen und aufwühlenden Ambiente, zog sie nach Ouagadougou. Dort fand sie eine neue Ausgeglichenheit. "Madame Geduld" wird sie von ihren Kollegen genannt.

Geduld ist keinesfalls mit Trägheit gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil. Im Rahmen des Weltfrauenmarschs hat sie viel gelernt und viel getan. "Mir wurde Verantwortung übertragen, die ich in der Schweiz nie erhalten hätte: So habe ich die Webseite ganz neu aufgebaut, die Kommunikation geleitet und das ganze Projekt koordiniert. Ich bin dankbar dafür, dass mir diese Verantwortung übertragen wurde."


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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