Schweizer Berufsoffiziersausbildung im Wandel

Sprachausbildungskurse an der Militärakademie sind wichtig für Auslandeinsätze. HKA

"Das Volk weiss, dass die Armee ein Element der Stabilität, nicht ein Staat im Staat ist, weil die Soldaten gleichzeitig Staatsbürger sind". Für Daniel Lätsch, Direktor der 100-jährigen Militärakademie, ist eine Berufsarmee für die Schweiz nicht denkbar.

Dieser Inhalt wurde am 14. September 2011 - 08:52 publiziert
Jean-Michel Berthoud, swissinfo.ch

Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass es in der Schweiz eine Militärakademie gibt, obwohl sie in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern kann.

Der Direktor der Militärakademie an der ETHZ, Brigadier Daniel Lätsch, führt dies darauf zurück, dass die Schweizer Armee eine Milizarmee ist.

"Vom Sollbestand von 120'000 aktiven Soldaten sind nur rund 800 Berufsoffiziere. Somit durchlaufen nur die wenigsten Offiziere die Militärakademie", sagt er gegenüber swissinfo.ch.

"In militärischen und in militärwissenschaftlichen Kreisen hat die Militärakademie aber ihren festen Platz, weil wir hervorragende militärwissenschaftliche Forschungsarbeiten vorlegen und eine ebenso gute praxisorientierte Ausbildung anbieten."

Die dreijährige Ausbildung, bei der die ETHZ sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer und die MILAK die militärwissenschaftlichen Fächer sowie ein Praktikum abdecken, führen zu einem anerkannten akademischen Abschluss im europäischen Bologna-Studiensystem.

"Die MILAK hat also ein wissenschaftliches Standbein, mit dem sie in der ETH steht und ein militärisches Standbein, mit dem sie in der Armee integriert ist", so Lätsch.

Geprägt vom Kalten Krieg

Die Schweizer Armee war Jahrzehnte lang vom Kalten Krieg geprägt. Trotz Neutralität stand sie der westlichen Militärallianz Nato relativ nahe und war eher einseitig gegen den Ostblock (Warschauer Pakt) orientiert. War das auch an der MILAK spürbar, war sie "ideologisch" ausgerichtet?

Die Schweizer Armee, und damit auch die Militärakademie, sei immer der Neutralität verpflichtet gewesen, betont Brigadier Lätsch. "Dass während des Kalten Krieges die Armeen des Ostblocks aber als Bedrohung empfunden wurden, ist kein Geheimnis. Unsere Reglemente über den Gegner waren im Wesentlichen eine Beschreibung der sowjetischen Armeen."

Armeen hätten sich auf die möglichen Bedrohungen und Risiken auszurichten. "Die damalige Ausrichtung auf die sowjetischen Armeen hatte deshalb mehr mit Bedrohung als mit Ideologie zu tun."

Stabilitätsgarantie dient Friedenssicherung

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Ostblockstaaten Ende der 1980er-Jahre kam es in der Schweiz in Sachen Armee zu einer Verschiebung von der Landesverteidigung zur Friedenssicherung.

"Der Stellenwert der Landesverteidigung ist klar zurück gegangen. Auch heute muss unsere Armee aber noch in der Lage sein, unser Land und unser Volk zu schützen. Friedenssicherung beginnt schon in unserem eigenen Land. Mit einer Armee, die Stabilität garantieren kann, ist dem Frieden am besten gedient", sagt der MILAK-Direktor.

"Unsere Offiziere müssen deshalb kämpfen und schützen können. Wir bilden unsere Offiziere aber auch so aus, dass sie in friedensfördernden Operationen bestehen können."

Ausbildung für Funktionen im In- und Ausland

Die MILAK habe heute den Anspruch, die Berufsoffiziere für Führungs- und Ausbildungsfunktionen im In- und Ausland vorzubereiten. "Sie sollen deshalb eine solide militärwissenschaftliche Basis und eine gute Allgemeinbildung haben", so Brigadier Lätsch.

Die Ausbildung beschränke sich deshalb nicht nur auf die Grundausbildung, sie sei auch Laufbahn begleitend. Der Fächerkatalog reiche von internationalen Beziehungen, Staatsrecht und Sicherheitspolitik über Strategie, Militärsoziologie, Militärpsychologie und Militärgeschichte bis zu Führungslehre, Taktik und Ausbildungsmethodik.

"Wir beschäftigen uns auch intensiv mit Personalführung, Personalentwicklung und Diversity Management. Insgesamt bieten wir also ein ambitiöses Studium an, das auch jedem Manager und Diplomaten gut tun würde", sagt Lätsch.

Friedensfördernde Einsätze kein Schwergewicht

Die friedensfördernden Einsätze seien immer wieder ein Thema an der MILAK, "aber sie bilden nicht das Schwergewicht", so der Brigadier. "Sowohl in der modernen Verteidigung, wie auch in friedensfördernden Einsätzen müssen die Offiziere in schwierigen Umständen agieren können."

In Auslandeinsätzen müsse man zusätzlich aber auch Englisch sprechen und mit anderen Kulturen offen und konstruktiv umgehen können. "Beides bilden wir an der MILAK aus", sagt Lätsch.

Berufsarmee kein gangbares Modell

Wäre eine Berufsarmee für die MILAK denkbar oder gar der Milizarmee vorzuziehen? "Eine Berufsarmee ist für die Schweiz kein gangbares Modell", antwortet der Brigadier. "Wir könnten kaum mehr als 10'000 Soldaten rekrutieren, weil zum Glück unsere Sockelarbeitslosigkeit zu tief ist und unser Bildungsniveau sowie das Lohnniveau zu hoch sind."

Die Milizarmee habe zudem den Vorteil, dass Chefs aus der Privatwirtschaft ihre Führungserfahrung in die Armee einbringen könnten. Gleichzeitig profitierten die Unternehmen von der Führungsausbildung und Führungserfahrung, welche ihre Kader in der Armee erwerben würden, sagt MILAK-Direktor Daniel Lätsch.

"Und der Staat und das Volk wissen, dass die Armee ein Element der Stabilität, nicht ein Staat im Staat ist, weil die Soldaten gleichzeitig Staatsbürger sind."

Geschichte der MILAK

Die Militärakademie (MILAK) an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) ist die Ausbildungsstätte für die Berufsoffiziere der Schweizer Armee. Das 100-Jahr-Jubiläum der MILAK wurde an der ETHZ mit einem Festakt gefeiert. Teilgenommen haben Gäste aus Armee, Bildung, Politik und Wirtschaft.

Die MILAK hat eine 125-jährige Entwicklungs-Geschichte. Seit 1877 ist die militärwissenschaftliche Ausbildung der Berufsoffiziere ein Bildungsangebot der ETHZ. Die erste Militärschule startete im Herbstsemester 1911.

Am 26. Oktober 1877 beschloss der Bundesrat, am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich eine "Militärabteilung" einzurichten.

Um die Jahrhundertwende setzte sich die Einsicht durch, eine eigentliche Fachausbildung für Instruktionsoffiziere anzubieten. Einer der einflussreichsten Befürworter dieser neuen Ausbildungs-Konzeption war der spätere General Ulrich Wille (1848-1925). Seit 1903 war er Dozent, von 1909-1913 Vorsteher der Militärabteilung.

Am 27. März 1911 beschloss der Bundesrat, "Militärschulen" für die Instruktionsoffiziere der "fechtenden Truppengattungen" durchzuführen. In der dreijährigen Probezeit hatten die Aspiranten ihre theoretischen und praktischen Befähigungen für den militärischen Lehrberuf unter Beweis zu stellen.

Eine erste strukturelle Änderung der Militärschulen trat Mitte der 80er-Jahre ein: mit der Einführung einer ordentlichen Professur für Sicherheitspolitik und Konfliktforschung.

Ein zweiter Entwicklungs-Schritt anfangs der 90er-Jahre löste die Umwandlung der ehemaligen Militärschulen in eine den modernen Anforderungen angepasste Militärische Führungsschule (MFS) aus.

Seit 1. Juni 2002 führt die MFS die neue Bezeichnung Militärakademie an der ETH Zürich (MILAK).

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