Unsere Empfehlung fürs Wochenende
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Hier kommt die Geschichte eines Schweizer Auswanderers, die nicht gerade typisch ist: ein Waadtländer, den es vor 140 Jahren nach Südbulgarien zog. Ungewöhnlich auch der Beruf: Landschaftsgärtner.
Typisch bleibt die Biografie von Lucien Chevallaz nur in Bezug auf dessen Erfolg. Pioniergeist brachte auch diesen Auslandschweizer an die Spitze.
Liebe Grüsse aus Bern
Der Waadtländer Landschaftsgärtner Lucien Chevallaz drückte vor einem Jahrhundert der südbulgarischen Stadt Plowdiw seinen Stempel auf. Er führte im jungen Nationalstaat neben neuen Pflanzen auch moderne Techniken im Gartenbau ein.
Der Schweizer Blumenminister von Philippopolis
Von Giannis Mavris
Als Lucien Chevallaz 1879 nach Plowdiw im südlichen Bulgarien reiste, das damals noch unter seinem griechischen Namen Philippopolis bekannt war, war er nicht etwa von Abenteuertum oder Balkanromantik angetrieben.
Anders als viele Schweizer Auswanderer seiner Zeit war es auch nicht die Armut, die ihn auf die Suche nach einem besseren Leben trieb. Mit seinen 39 Jahren war Chevallaz bereits ein gefragter Landschaftsgärtner, Plowdiw eine weitere Etappe in seiner vielversprechenden Karriere.
Chevallaz kam in eine Stadt, in der Aufbruchsstimmung herrschte. Plowdiw war Zentrum der Nationalen Wiedergeburt, der bulgarischen nationalen Bewegung, die sich gegen die osmanische Fremdherrschaft und für die Gründung eines unabhängigen Staats einsetzte.
Obwohl Sofia die grössere Stadt war – und später zur Hauptstadt des Vereinigten Bulgariens wurde – spielten sich die wichtigsten religiösen und bildungspolitischen Entwicklungen in Plowdiw ab.
Chevallaz sollte in den nächsten Jahrzehnten der Stadt und dem ganzen neugegründeten Land seinen Stempel aufdrücken, und zwar nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern durchaus auch in praktischen Belangen.
Er war nicht der einzige Schweizer, der den jungen bulgarischen Nationalstaat mitprägen sollte: Zahlreiche Architekten, Ingenieure und Gärtner wurden vom Hof eingeladen, um Strassen, Gebäude und Gärten zu errichten. Das neue Bulgarien sollte einen modernen, europäischen Anstrich verpasst bekommen.
Zahlreiche Stationen
Lucien Nehémie Chevallaz kam am 26. August 1840 in seinem Elternhaus am Ortsrand von Montherod auf die Welt, ein kleines Dorf westlich von Lausanne. Er war das neunte von elf Kindern des Landwirts Marc Antoine Chevallaz und dessen Ehefrau Jeanne Françoise.
Nachdem Chevallaz vermutlich in Genf erste Erfahrungen als Gärtner gemacht hatte, absolvierte er ein Ingenieurstudium in Paris mit Spezialisierung auf dekorativen Gartenbau und Parkbau.
Dank seinen ausgezeichneten Abschlussnoten erhielt er eine Stelle im Tuileriengarten im Herzen von Paris. Fünf Jahre lang war er einer der leitenden Hofgärtner in den herrschaftlichen Parkanlagen und Gärten des französischen Kaisers Napoleon III.
Danach zog es Chevallaz nach Brasilien. Er brachte europäische Traditionen bei der Planung von Parks und in der Baum- und Waldkultur ein, erkundete lokale Blumen- und Baumarten und avancierte zu einem profunden Kenner der reichen Flora Amazoniens. Er sammelte Expertenwissen, das er später in Plowdiw nutzen sollte, wie der deutsche Gartenhistoriker Michael Schwahn in einer unveröffentlichten Biografie des Waadtländers nachzeichnen konnte.
Um 1875 kam Chevallaz nach Konstantinopel (heute Istanbul), wo er als Hofgärtner in die Dienste des Sultans Abdülaziz eintrat. Er blieb einige Jahre am osmanischen Hof und stieg in die höchsten gesellschaftlichen Kreise auf, wo er auch den bulgarischen Fürsten Aleksandar Bogoridi kennenlernte und dessen Ruf nach Plowdiw folgen sollte.
Grosse Anerkennung bereits zu Lebzeiten
Chevallaz fand dort Anstellung als Leiter der Stadtgärten und war für die öffentlichen Parkanlagen zuständig. Seine Stadtbegrünungen und Alleenpflanzungen existieren bis heute und spenden den Bewohnern in den heissen Sommertagen kühle Rückzugsorte.
Durch einen ungleich grösseren Eingriff konnte er gar das stadtnahe Mikroklima optimieren: In und um Plowdiw gibt es sechs Hügel, die zu jener Zeit teilweise baumlos und kahl waren. Im Hochsommer speicherten diese die tägliche Wärme und gaben nachts unerträgliche Hitze ab.
Durch deren gezielte Bepflanzung wurde dieses Problem bekämpft, zudem konnten so Bodenerosionen vermieden und stadtnahe Erholungsflächen geschaffen werden. Später kamen die zentralen Gärten Zar Simeon und Dondukow hinzu.
Für die zahlreichen Parks, Alleen und sonstigen Begrünungsmassnahmen waren jedoch geeignete kultivierte Pflanzwaren in grossem Umfang nötig. Chevallaz schlug dem Stadtrat die Einrichtung einer Baumschule vor – ein für den jungen bulgarischen Nationalstaat noch unbekanntes Konzept.
Mit Setzlingen aus dieser Baumschule wurde das ganze Land beliefert, später errichtete Chevallaz weitere solche Schulen in anderen bulgarischen Städten, wo auch seltene Pflanzen, die aus dem Ausland importiert wurden und das lokale Klima vertrugen, gezüchtet und im Land verbreitet wurden.
Im Jahr 1901 erhielt Chevallaz, der schon zu Lebzeiten grosse Anerkennung genoss, die bulgarische Staatsangehörigkeit und wurde zum Ehrenbürger Plowdiws ernannt. Zu dieser Zeit hat er nicht nur die Stadt mit seinen weitläufigen Parkanlagen stark geprägt, sondern im ganzen Land im Auftrag des Hofes und lokaler Behörden gewirkt.
Als er 1921 verstarb, wurde er in seiner neuen Heimat Plowdiw mit allen Ehren auf dem katholischen Friedhof begraben. Da führte Chevallaz, der unter anderem die Chrysanthemen auf dem Balkan eingeführt hatte, bereits lange den Übernamen «le ministre des fleurs» (Der Minister der Blumen).
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Hier stellen wir Ihnen im Advent jeden Tag eine kulinarische Spezialität aus einem anderen Kanton vor. Ein Stück Heimat – egal, wo Sie gerade sind. Heute am 21. Dezember: die Schaffhauser Bölletünne
Gestern waren wir noch am Ufer des Neuenburgersees, heute geht’s weiter ans Rheinufer.
Genauer gesagt nach Schaffhausen, wo Zwiebeln ein allseits geliebtes Gemüse ist. Die Schaffhauser haben deshalb ein ganz eigenes Rezept für einen Zwiebelkuchen kreiert, den sie ganz einfach «Bölletünne» nennen.
Neben Zwiebeln («Bölle» im Dialekt) besteht sie aus Rahm, Eiern und Speck. Die Bölletünne wird heiss und goldbraun zusammen mit einem Salat genossen. Am liebsten zum «Zmittag».
Das Rezept finden Sie auf swissinfo.ch.
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