Der Film «Silent Rebellion» zeigt, wie die Schweiz im Krieg grosses Unrecht tolerierte
«Silent Rebellion» (frz. Originaltitel: À Bras-le-corps) ist ein eindringliches Porträt der stillen Grausamkeit in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Der Film spürt dem damaligen Konformismus nach und schildert. Maria-Elsa Sgualdos eindrückliches Filmdebut, das am Filmfestival von Venedig uraufgeführt wurde, steht im Kontrast zur vielbeschworenen Neutralität, wie sie und die Hauptdarstellerin Lila Gueneau gegenüber Swissinfo erklären.
1943. In einem Schweizer Wald nahe der deutschen Grenze sind zwei Mädchen am Pilzesammeln. Sie hören Stimmen, Blätter rascheln. «Wir haben die Grenze nicht überquert, oder?», flüstert das eine Mädchen dem anderen in Panik zu. Deutsche Soldaten in Begleitung eines wild bellenden Schäferhunds tauchen auf.
Als sie die Mädchen erblicken, tauschen sich die Männer kurz aus: Sie müssen in die Schweiz gekommen sein und wollen keinen Ärger bekommen. Also gehen sie in eine andere Richtung weiter. Die Mädchen beobachten, wie eine Reihe geschwächter jüdischer Gefangener durch die kahlen Bäume geführt wird. Sie klammern sich an ihr Hab und Gut, das schlimme Schicksal in Deutschland klar vor Augen.
Der Film «Silent Rebellion» der Schweizer Regisseurin Maria-Elsa Sgualdo (frz. Originaltitel À Bras-le-corps) spielt in einer Welt des totalen Kriegs: eine Welt, die in nihilistischer Zerstörung zusammenbricht, in der einem das Grauen jederzeit einholen kann und vor der die meisten normalen Menschen aus Scham und Angst ihre Augen abwenden.
Komplizentum und Konformismus
Sgualdos elegantes, aber schonungsloses Kriegsporträt wurde beim Filmfestival von Venedig in der Sektion «Venezia Spotlight» uraufgeführt. Es handelt vom Komplizentum und Konformismus der Schweiz und befasst sich eigentlich nur am Rande mit dem Zweiten Weltkrieg
Erzählt wird die persönliche Geschichte der 15-jährigen Haushälterin Emma (gespielt von Lila Gueneau), die von einem Freund der Familie, in der sie angestellt ist, vergewaltigt wird. Die Geschichte wirft unangenehme Fragen auf: Wie war es möglich, dass die Neutralität als höchste aller Tugenden in jenen Jahren in der Gesellschaft solche Akzeptanz genoss?
Weshalb wurden offensichtliche Übel und Ungerechtigkeiten ignoriert, von der stillschweigenden Beteiligung am Holocaust bis zur Zerstörung des Seelenlebens von Frauen durch unreflektiertes Festhalten am protestantischen Konservatismus?
«Wir wollten von Frauen erzählen, die wir kennen und die um uns herum leben – reale Personen», erklärt Sgualdo gegenüber Swissinfo in Venedig auf der Terrasse ihres Hotels.
«Bei der Aufarbeitung dieser Geschichte war es wichtig, mit Augenzeugenberichten aus den 1940er Jahren zu arbeiten. So konnten wir die Situation damals besser nachvollziehen. Dies war mit ein Grund, weshalb der Film in der [damaligen] Schweiz angesiedelt wurde. Das Leben in einem neutralen Land während eines verheerenden Krieges kommt in der Komplexität der Figur von Emma zum Ausdruck. Für sie ist es sehr schwierig, neutral zu sein.»
Als Emma ihre Schwangerschaft bemerkt, versucht sie zunächst, so zu tun, als ob nichts wäre – später wendet sich dann widerwillig an ihr Umfeld. Man rät ihr, sich anzupassen, das Geschehene zu akzeptieren, Mutter zu werden, erst ihren Vergewaltiger zu heiraten, der sie abweist, und dann einen einfachen Dorfjungen, der das Kind als sein eigenes annehmen würde. Mit anderen Worten: Ihr wird von allen nahegelegt, eine offensichtliche Ungerechtigkeit zu akzeptieren. Doch dazu ist Emma nicht bereit dazu.
Verlust von Werten und Mitgefühl
«Emma ist ihrer Zeit ein wenig voraus», stellt Sgualdo fest. «Ursprünglich wollten wir, dass sie [in der Geschichte] Krankenschwester wird. Zu dieser Zeit aber durften Mädchen vom Land nicht einmal etwas trinken gehen. Krankenschwester war also keine Option. Frauen durften damals keine Träume haben. Und trotzdem haben einige versucht, ihre Träume zu verwirklichen.»
Sgualdo zeigt, wie erdrückend und zerstörerisch der stille Konformismus vor allem in den Kriegsjahren war. Sie prangert das Anpassungsverhalten und die starren Gesellschaftsstrukturen an, die dazu führten, dass Schweizer Landbewohner:innen jüdische Flüchtlinge an die Nazis auslieferten und Mädchen wie Emma zum Schweigen und zu häuslicher Gefangenschaft genötigt wurden.
«Damals sind uns in der Schweiz viele Werte abhandengekommen, ebenso unsere Fähigkeit, Mitgefühl zu zeigen. Es war, als wäre ein Schalter umgelegt worden», beschreibt Sgualdo das Verhältnis von damals zu heute. «Alles, was uns heute am Leben hält und uns als Menschen definiert, hat mit dieser Zeit zu tun. Manchmal lassen uns selbst tragische Nachrichten kalt – wir sind gewissermassen ein Spiegel des heutigen Europa.»
«Silent Rebellion» kippt nie ins Melodramatische, Sgualdo bleibt durch einen massvollen, sorgfältigen Schnitt nahe an der Handlung. Sgualdos arbeitet mit ihrem Stil der Zurückhaltung die Ideen des Films sauber heraus und lässt dabei wenig Raum für offene Sentimentalität.
«‹À Bras-le-corps› bedeutet, dass man etwas umarmt, sei es eine Person, oder im übertragenen Sinn eine Idee oder ein Problem – und die Umarmung erst löst, wenn eine Lösung gefunden wurde», erklärt die Regisseurin. «Der Film ist das Ergebnis eines langen, schwierigen Prozesses. Manchmal kam ich nicht weiter. Ich musste Emma und ihre Geschichte gegen Ablenkungen verteidigen. Aber wie im Film muss man auch im Leben bestimmte Dinge verteidigen.»
Aufarbeitung einer dunklen Vergangenheit
Lila Gueneau spielt die Figur von Emma und beschreibt, wie sie sich unter Sgualdos enger Anleitung in die Rolle eingearbeitet hat.
«Ich selber habe keine historischen Nachforschungen angestellt – am Set aber haben wir alle Details ausführlich durchgesprochen. Sgualdo hat mir aufgezeigt, dass sich Mädchen damals nicht so ausdrücken durften, wie sie es wollten», erklärt Gueneau.
Die 20-jährige französische Erfolgsschauspielerin zeigt im Film ihr ganzes Können: In der Vergewaltigungsszene beispielsweise brilliert sie mit enormer Ausdruckskraft, während sie ihren Körper und die Muskeln ihres Gesichts fest im Griff behält.
«Es war sehr intensiv. Es brauchte viele Takes und sehr präzise Arbeit, um eine Frau aus dieser Zeit glaubhaft zu verkörpern. Und es war persönlich: Sich wie jemand zu verhalten, der vor 80 Jahren gelebt hat, fand ich äusserst aufschlussreich.»
Der Film ist düster und unbarmherzig, die Schweiz im Krieg kommt darin nicht gut weg. Ein Priester (gespielt von Grégoire Colin) bricht vor dem Altar zusammen, als er wegen seiner Aufrufe zu Brüderlichkeit und Solidarität ausgebuht und verhöhnt wird. Das erzwungene Schweigen hat damals alle gebrochen.
«Ich bin nicht Historikerin», sagt Sgualdo. «Ich habe aber von der Kollaboration mit Deutschland erfahren und von den Anstrengungen nach dem Krieg, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern. Der Krieg war schrecklich, und wir hatten Glück, nicht das Gleiche erleben zu müssen wie andere. Damit klarzukommen, ist für uns Schweizer:innen nicht leicht. Gleichzeitig gelangte die Schweiz nach dem Krieg zu grossem Reichtum – und darüber wird kaum geredet.
Trotz der Schwere seiner Themen endet der Film in einem Moment strahlender Freude und Gemeinschaft. «Diese Schlussszene war sehr wichtig», erklärt Sgualdo. «Frauen, die feiern – keine Männer, kein Baby, nur Freude. Das Leben ist hart, aber wir müssen zusammenhalten.»
Inspiriert wurde Sgualdo dazu von ihrer Grossmutter, die Uhrmacherin war und allen Widrigkeiten zum Trotz wöchentliche Nachbarschaftstreffen organisierte. «Musik, Freude und Glück kann man niemandem wegnehmen. Da können Totalitaristen noch so versuchen, eine Gesellschaft zu zerstören – die Menschen leisten mit Freude Widerstand. Wir müssen für das Recht kämpfen, am Leben zu bleiben».
Editiert von Virginie Mangin & Eduardo Simantob/gw/me
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