Auf Schweizer Spuren in Kreuzberg
Kreuzberg gehört zu den buntesten Stadtteilen der deutschen Hauptstadt Berlin; fast ein Drittel seiner 160'000 Einwohnerinnen und Einwohner sind Migranten. Auch einige Schweizer verwirklichen sich hier ihren Traum von Freiheit.
«Die Schweiz hat mich immer so bedrückt», sagt Yves Rosset. Zu klinisch sauber und ordnungsbesessen sei das Land, findet der Schriftsteller und Übersetzer.
Rosset hat der Schweiz auch aus diesem Grund schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Heute lebt der 44-jährige Romand in Berlin. Genauer: In Kreuzberg, dessen grosse alternative Szene Rosset damals so beeindruckt hat.
Zu Zeiten der Mauer, vor allem in den 1980er-Jahren, war Kreuzberg ein Mythos: Der Westberliner Stadtteil stand für alles Anti-Bürgerliche und war weit über Deutschland hinaus bekannt als Zentrum der Punkbewegung und Hausbesetzerszene.
X-Berg, wie Berliner gerne schreiben, ist bis heute eines der buntesten Viertel der Hauptstadt; fast ein Drittel seiner 160’000 Einwohner sind Migranten. Den Löwenanteil machen dabei ehemals türkische Gastarbeiter und deren Nachkommen aus.
Doch auch einige Schweizer haben sich im alternativen Stadtteil niedergelassen: laut offizieller Statistik immerhin 821 von insgesamt knapp 7000 Schweizerinnen und Schweizern in Berlin.
Steffen Adam, ein freischaffender Architekt, hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht, als er sich in einer Weiterbildung mit dem Thema Migration befasste. «Ich bin, wie viele Deutsche, ziemlich Schweiz-affin und fand es spannend, mich einmal mit den Zuzügern aus dem Nachbarland zu befassen», sagt Adam gegenüber swissinfo.ch.
Günstiger Wohnraum
Bei einem Spaziergang durch Kreuzberg stiess Adam bald auf helvetische «Spuren»: Ein Villiger-Velo mit aufgeklebter Schweizer Vignette, das an eine Hausmauer gelehnt war.
Doch wo war der Besitzer? «Schweizer zu finden, war nicht einfach», sagt Adam. «Sie sind zwar Ausländer, aber so gut integriert, dass sie nicht auffallen.»
Seine Interviewpartner fand Adam schliesslich über Bekannte und die «Schwiizli», einem Zusammenschluss freiberuflicher Schweizerinnen und Schweizer in Berlin.
Elf Frauen und Männer – neben dem Schriftsteller Rosset zum Beispiel eine Filmemacherin, einen Jazzmusiker oder eine Kunstdesignerin – hat Adam porträtiert.
Für sie alle ist Kreuzberg ein wunderbares Biotop, um zu leben und zu arbeiten. «Als der Elan der 80er weg war, kam ich mit der Mentalität der Schweizer nicht mehr klar», sagt etwa Thom Balmer. Der Grafiker betreibt zusammen mit Freunden einen Kunstraum und hatte zunehmend Mühe mit der Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz.
«Ich wollte in einer Mischgesellschaft leben. So wie ich es aus Paris kannte und wie sie in der Schweiz noch nicht einmal ansatzweise existiert.» Auch die vergleichsweise tiefen Lebenskosten von Kreuzberg hat Balmer schätzen gelernt.
«Die Mieten für Wohnung, Galerie und Atelier sind mit meinem bescheidenen Budget bezahlbar. Ich kann mit Kohle heizen, ich habe kein Auto, keinen Fernseher – ich muss nicht noch mehr arbeiten.»
Schweizerdeutsch verlernen
Kreuzberg – das ist ein bisschen von allem. Es gibt schick sanierte Altbauten und hippe Fabriketagen genauso wie traditionsreiche Wohngenossenschaften, heruntergekommene Wohnblöcke aus den 1970ern oder ganze Strassenzüge, die fest in türkischer Hand sind. Der Stadtteil bietet jedem die passende Nische.
«Hier kann ich sein, wie ich will – diesen Satz habe ich in vielen Variationen gehört», sagt Adam.
Der Jazzmusiker Hans Hartmann etwa stellte irgendwann fest, dass er in der Schweiz nicht von seiner Musik würde leben können. Also ging er nach Berlin, «weil es da am billigsten war und die meisten und besten Musiker aus der ganzen Welt waren: Hier konnte man alles ausprobieren».
Manchmal musste Steffen Adam auch über seine Schweizer Gesprächspartner schmunzeln. Etwa, wenn sie von ihren Freiheitsgefühlen in Kreuzberg schwärmten. «Für mich Grossstädter bedeutet die unberührte Natur der Schweizer Berge Freiheit. Die Kreuzberger Schweizer hingegen empfinden die Berge als beengend.»
Die meisten seiner Gesprächspartner fühlten sich nach wie vor mit der Schweiz verbunden, so das Resümee Adams. «Sie besuchen regelmässig ihre Familie und Freunde und verfolgen die Schweizer Politik.»
Einige kehren nach einem Besuch in der alten Heimat allerdings enttäuscht nach Berlin zurück. Etwa, weil ihnen alles fremd vorkommt oder sie ihr Schweizerdeutsch verlernt haben. Aus der einstigen Heimat wird ganz nüchtern das Herkunftsland.
Oder mit den Worten der St. Gallerin Maria Marchetta ausgedrückt: «Berlin wird eher die Einrichtung in der Heimatlosigkeit», so die Filmemacherin, die in Kreuzberg das «Regenbogenkino» betreibt. «Ich will damit nicht jammern, ich finde es absolut nicht schlimm, keine Heimat zu haben – vielleicht braucht man die gar nicht so dringend.»
Paola Carega, Berlin, swissinfo.ch
Strassenschlachten zwischen der autonomen Szene und der Polizei haben in Kreuzberg Tradition.
So findet seit den 1980er-Jahren die revolutionäre 1. Mai-Demo statt, an der es jedes Jahr zu Ausschreitungen kommt.
1987 erreichten die Krawalle eine derartige Intensität, dass sich die Polizei für mehrere Stunden vollständig aus einem Teil von Kreuzberg zurückziehen musste.
In den letzten Jahren versuchte man den Randalierern entgegenzuwirken, indem am 1. Mai alternative Veranstaltungen gefördert wurden.
Das Myfest etwa findet rund um die Oranienstrasse statt und soll durch die Anwesenheit zehntausender friedlicher Besucher Krawalle im Keim ersticken – in den letzten Jahren mit einigem Erfolg: Die Intensität der Gewalt nahm deutlich ab.
Dieses Jahr allerdings gelang es dem «schwarzen Block», sehr viele gewaltbereite Demonstranten zu organisieren, so dass es zu den schwersten Mai-Krawallen in Berlin seit Jahren kam. Insgesamt wurden über 270 Polizisten verletzt.
Viele Berliner Politiker sehen die Ausschreitungen als Rückschritt in den Bemühungen um einen friedlichen 1. Mai.
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