Japan im Wandel als Geschäftschance
Schweizer Unternehmen haben gute Möglichkeiten, sich in den japanischen Konsumgütermarkt einzuklinken, der sich gegenwärtig in starkem Wandel befindet. Dies sagte Wirtschaftsministerin Doris Leuthard anlässlich ihres Besuchs im Land der aufgehenden Sonne.
Die Sektoren Umwelt, Gesundheit und Arzneimittel böten das grösste Wachstumspotenzial, wenn Japans kränkelnde Wirtschaft wieder gesund sei, betonte die Bundesrätin im Interview mit swissinfo.ch.
Sie gab auch ihre Eindrücke über die neue Regierung bekannt, welche die japanische Politlandschaft umkrempelte, seit diese Ende August die Macht im Land übernommen hatte.
Leuthard war letzte Woche in Japan, um die Werbetrommel zu rühren für das Freihandels-Abkommen zwischen den beiden Ländern, das seit dem 1. September in Kraft ist.
Sie traf dabei auch erstmals einige Minister der neuen japanischen Regierung.
swissinfo.ch: Was waren die grössten Erfolge dieser Reise?
Doris Leuthard: Unser Schweizer Symposium in Tokio konnte viele wichtige Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur Japans und der Schweiz anziehen.
Wir wollten, dass die Leute Kontakte knüpfen und Investoren finden konnten und zudem Werbung für das Freihandels-Abkommen machen. Wir hatten 700 bis 800 Besuchende, was ein grosser Erfolg ist.
swissinfo.ch: Welches sind die Wachstumsmärkte für Schweizer Unternehmen, die Waren nach Japan exportieren?
D.L.: Japan wird zu jenen Ländern gehören, die sich relativ rasch erholen werden. Daher denken wir, wird es recht interessant sein, hier präsent zu sein, besonders im Sektor Umwelt.
Die Häuser beispielsweise werden in Japan mit einer Lebensspanne von lediglich 30 Jahren gebaut; das birgt ein grosses Potenzial für unsere Bauwirtschaft. Es gibt auch Potenzial für Heizsysteme, Solarenergie und Wasserversorgung.
Wir machen uns auch für Schweizer Design stark. Japanische Konsumgüter sind zweckmässig, die Konsumenten lieben aber auch Markenprodukte und innovatives Design. Wir haben einige berühmte Architekten, Ingenieure und Designer, die gerne in diesen Markt einsteigen möchten.
swissinfo.ch: Gibt es auch einen profitablen Markt für die rasch alternde japanische Gesellschaft, in der alte Menschen 2055 vermutlich 40% der Bevölkerung ausmachen werden?
D.L.: Nestlé hat viele seiner Produkte modifiziert, weil das Unternehmen die Bedürfnisse der über 65-Jährigen erkannt hat.
Die Japaner sind sehr gesundheitsbewusst, und unsere Pharma- und Nahrungsmittel-Industrien sind hier sehr gut positioniert.
swissinfo.ch: Was unternehmen Sie, um japanische Investitionen in der Schweiz zu fördern?
D.L.: Die Schweiz investiert gegenwärtig 16 Mal mehr in Japan als umgekehrt. Daher haben wir potenzielle japanische Investoren über unsere Werte von hoher Qualität, Forschung und Entwicklung, gut geschulten Arbeitnehmenden, Lebensqualität, Stabilität und Sicherheit informiert; es sind Werte, die wir mit Japan teilen.
Wir versuchen, Elektronik-, Pharma- und IT-Firmen anzuziehen, die die europäischen Märkte ansteuern. Wir verfügen in der Schweiz über eine grosse Fachkompetenz in diesen Bereichen.
swissinfo.ch: Welche ersten Eindrücke konnten Sie von der neuen japanischen Regierung gewinnen?
D.L.: Es war noch zu früh, um detailliert über ihre neue Politik zu sprechen, mich überraschte aber die Offenheit der neuen Minister. Es war weniger formal als vorher: Ich konnte Gespräche ohne grosses Protokoll führen. Dieses neue Verhalten war eine positive Überraschung, wie man Gespräche auch führen kann.
Der neue Wirtschaftsminister (Masayuki Noashima) sagte mir, dass die Regierung anderen Freihandels-Abkommen gegenüber offener sein werde.
Marktöffnung für andere: Das ist ein gutes Signal in einer solch schwierigen Krise, die viele andere Länder dafür genutzt haben, protektionistischere Massnahmen einzuführen.
Matthew Allen, Osaka, swissinfo.ch
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)
Die Schweizer Wirtschaftsministerin Doris Leuthard war vom 5. bis 8. Oktober zu einem viertägigen Besuch in Japan.
Die Visite hatte zum Ziel, die Schweizer Wirtschafts-Interessen nach dem Inkrafttreten des Freihandels-Abkommens zu fördern.
Die Schweizer Delegation bestand aus 23 Wirtschaftsführern, darunter Vertreter der Schweizer Bankenvereinigung, des Dachverbands Economiesuisse, von Nestlé, Schindler, Georg Fischer, Panalpina und Novartis.
Leuthard traf Minister der neuen japanischen Regierung, unter anderen Landwirtschafts-, Ernährungs- und Fischereiminister Hirotaka Akamatsu, Wirtschafts-, Handels- und Industrieminister Masayuki Naoshima sowie Finanz-Vizeminister Yoshihiko Noda.
Sie hielt auch ein Schweizer Symposium mit Schweizer und japanischen Wirtschaftsführern in Tokio, wobei Schweizer Design-Kompetenz im Zentrum stand.
Leuthard hatte bei ihrem Besuch auch die Gelegenheit, beim Autohersteller Mitsubishi neue Elektromobile zu fahren und in Tokio ein Zentrum für Robotik zu besuchen.
Bei einem Besuch der Stadt Kobe schliesslich bedankte sich die Regierung der Region bei Doris Leuthard für die Schweizer Hilfe. Nach dem schweren Erdbeben vor 14 Jahren hatten Spezialisten aus der Schweiz mit Rettungshunden bei der Bergung von Überlebenden geholfen.
Das Abkommen über Freihandel und Wirtschaftliche Partnerschaft (FHWPA) – dessen Geltungsbereich über die normalen Parameter eines Freihandels-Abkommens (FHA) hinausgeht – wurde im Februar 2009 unterzeichnet.
Im Rahmen des Abkommens werden eine Reihe Zölle abgebaut, vor allem auf Industriegütern und gewissen ausgewählten Landwirtschafts-Produkten.
Das Abkommen beinhaltet auch Bestimmungen zum Dienstleistungs-Sektor, inklusive Finanzdienstleistungen.
Es erleichtert Bürgern beider Staaten den grenzüberschreitenden Verkehr zu Geschäftszwecken, wobei das Abkommen nicht so weit geht wie der Vertrag zum freien Personenverkehr mit der Europäischen Union.
Zudem regelt das Vertragswerk den Schutz des geistigen Eigentums, den Schutz von Investitionen, die Förderung und Erleichterung des elektronischen Handels und des freien Wettbewerbs.
Im Januar 2007 hatten sich die beiden Staaten auf Verhandlungen über ein Freihandels-Abkommen geeinigt; die Verhandlungen begannen vier Monate später und dauerten acht Runden. Am 1. September 2009 trat das Abkommen in Kraft.
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