Warum Schweizer Väter Vollzeit und Mütter Teilzeit arbeiten

Keystone / Christof Schuerpf

Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter Teilzeit: Das ist das mit Abstand beliebteste Erwerbsmodell von Familien in der Schweiz. Was macht dieses Modell in der Schweiz so attraktiv?

Serie: Elternsein in der Schweiz

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Früher war es in der Schweiz üblich, dass Väter Vollzeit arbeiten, während die Mütter als Hausfrauen zu Hause bei den Kindern blieben. Dieses Modell wählen inzwischen aber nur noch zwischen 18,5% und 21% der Familien mit Kindern unter 25 Jahren. In rund der Hälfte der Familien (je nach Berechnung zwischen 46 und 53,6%) arbeitet der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit.


Wir haben ein Elternpaar getroffen, das dieses Erwerbsmodell gewählt hat, und sie nach den Vor- und Nachteilen gefragt.

Vater Martin* arbeitet 100% als Hochbautechniker, Mutter Simone* 40% als Sozialpädagogin. Sie sind Eltern einer zweijährigen Tochter. Im März kommt das zweite Kind zur Welt. Das Paar ist verheiratet (siehe Box).

Heiraten oder nicht?

Der Zivilstand hat in der Schweiz grossen Einfluss auf Steuern, Renten und Vorsorge. Ehepartner profitieren beispielsweise automatisch von den Beiträgen an die Altersvorsorge des anderen. Das wirkt ausgleichend bei Paaren, die ein ungleiches Erwerbsmodell wählen. Laut Romina Mutter vom VZ sind sich viele Teilzeit oder gar nicht arbeitende Frauen zu wenig bewusst, dass sie im Konkubinat schlechter fahren.

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"Meine ursprüngliche Idee war, mein Arbeitspensum zu reduzieren, denn mir ist es wichtig, Zeit mit meinem Kind zu haben", erzählt Martin. Doch der Chef war dagegen. "Er hatte Angst, dass ich die Arbeit in weniger Zeit nicht erledigen kann – und dass andere dann auch Teilzeit arbeiten wollen." Der Chef habe schliesslich selbst eine Idee vorgebracht: "Ich solle 100% in viereinhalb Arbeitstagen unterbringen, so dass ich einen Nachmittag zu Hause sein kann. Wenn ich das Pensum nicht schaffe, werden mir die Minusstunden am Ende des Jahres einfach vom Lohn abgezogen."

Simone arbeitet im Schichtbetrieb in einem Kinderheim. Das bedeutet, dass sie von Dienstagnachmittag bis Mittwochmittag durchgehend bei der Arbeit ist, auch über die Nacht. Während sie weg ist, wird das Kind von Martin und den Grosseltern betreut.

Die beiden sind zufrieden mit dem Modell. Zwar hat Simone jetzt nicht mehr so viele Verantwortungsbereiche im Beruf wie früher. Aber sie findet, in ihrem Beruf könne man ohnehin nicht "klassisch Karriere" machen.

Warum nicht beide Vollzeit?

In anderen Ländern ist es üblicher als in der Schweiz, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Während das in der Schweiz rund 14% machen, sind es in Deutschland 26%. In den USA, Grossbritannien und Frankreich ist der Anteil noch höher. Nach Auskunft des Bundesamtes für Statistik lässt sich nicht eruieren, ob in der Schweiz die Eltern des Modells "Beide Vollzeit" aus wirtschaftlicher Notwendigkeit handeln oder als Hochqualifizierte Karriere machen.

Die Steuerbelastung von Simone und Martin ist um einiges gesunken, seit sie zusammen nur noch 140% arbeiten. Es lohnt sich also gewissermassen, wenn einer der Partner nicht zu viel arbeitet. Bei verheirateten Paaren in der Schweiz kann die Steuerprogression je nach Kanton einen grossen Teil des Zusatzeinkommens wieder wegfressen. "Wenn meine Frau mehr arbeiten würde, müssten wir auch eine Kindertagesstätte bezahlen und dann wären wir gleich doppelt gestraft", sagt Martin.

Die beiden schätzen es, dass sie sich ein kleines Arbeitspensum der Frau leisten können. "Wir sind sehr verwöhnt, dass das geht", sagt Simone. Martin ergänzt: "Viele Schweizer können es sich aufgrund der hohen Löhne eben auch leisten, dass ein Elternteil nur Teilzeit arbeitet."


Warum nicht Ernährer und Hausfrau?

Dass die Mutter Teilzeit arbeitet und nicht gänzlich aus dem Berufsleben ausscheidet – wie beim früher beliebten Alleinernährer-Modell – hat den Vorteil einer besseren Absicherung bei Krankheit, Invalidität oder Todesfall: "Mittel- bis langfristig gesehen ist es von Vorteil, ein Bein im Berufsleben zu lassen", sagt Romina Mutter, Vorsorgespezialistin beim VermögensZentrum VZ. "Auch mit einer Teilzeitarbeit bezahlt eine Mutter Beiträge in die AHV und Pensionskasse. Und sie darf in die 3. Säule einzahlen, was sie gar nicht dürfte, wenn sie nicht arbeiten würde."

Beim Alleinernährer-Modell ist ein Nachteil, dass die Vorsorge auf eine Person konzentriert ist. "Sollte der Vater kurz nach der Pensionierung sterben, bekommt die Witwe nur einen Teil der Altersrente. Es ist daher besser, die Rentenguthaben dank einer Teilzeitstelle gleichmässiger auf beide Partner zu verteilen", so Mutter.

Ganz aufzuhören mit der Arbeit kam denn auch für Simone nie in Frage. "Klar ist es aus finanzieller Sicht nicht zwingend nötig, dass ich arbeiten gehe. Aber ich hatte erst vor Kurzem meine Ausbildung abgeschlossen. Und durch meine Arbeit habe ich einen Ausgleich und kann ein Bein im Berufsleben behalten."

Dass sie arbeite, sei für alle Familienmitglieder gut. "Unserer Tochter tut es gut, dass sie nicht einzig und allein von mir betreut wird. Und für meinen Mann ist es gut, weil er Zeit mit dem Kind allein verbringt und es nach seinem Stil machen kann, ohne dass ich reinrede."

Ihr Lohn aus dem 40%-Pensum sei zudem ein willkommener Zustupf, der ihnen einen höheren Lebensstandard mit Ferien und einer grossen Wohnung erlaube. "Man ist finanziell unabhängiger", findet Martin.

Dass es in der Schweiz allgemein nicht mehr möglich sei, mit einem Lohn eine Familie zu ernähren, glauben die beiden jedoch nicht: "Es kommt auf den Lohn und die Ansprüche an", so Martin. Aber die These, die (Teilzeit-)Erwerbsquote sei bei Frauen in der Schweiz deshalb so hoch, weil sie dazuverdienen müssten, gehe tendenziell nicht auf. Denn bei vielen Familien werde das Zweiteinkommen der Frau durch Steuern und Kita-Kosten aufgefressen.

Warum nicht beide Teilzeit?

Nur 4,8 bis 7,2% (je nach Berechnung) der Elternpaare mit Kindern unter 25 Jahren in der Schweiz arbeiten beide Teilzeit. Und das, obwohl dieses Modell regelmässig als goldener Weg zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gepriesen wird.

Könnte es daran liegen, dass Familien die Benachteiligung von Teilzeitarbeit – beispielsweise bei der Rente – nicht doppelt in Kauf nehmen wollen? Wegen des sogenannten "Koordinationsabzugs" sind  Teilzeitlöhne bei manchen Pensionskassen schlechter gestellt. Eine Vollzeit arbeitende Person ist besser gegen Krankheit, Unfall und Alter abgesichert. Das merkt auch Martin: Dank Vollzeitanstellung muss er sich keine Sorgen machen, wenn er mal die Grippe hat. Teilzeitangestellte hingegen sammeln im Krankheitsfall Minusstunden, die sie später abarbeiten müssen.

Er sieht noch einen weiteren Grund, warum so wenige Väter Teilzeit arbeiten: "Wenn die Frauen nicht oder wenig arbeiten, können die Männer aus finanziellen Gründen nicht reduzieren", meint Martin. Sie sind quasi in der Ernährerrolle gefangen.

Warum nicht umgekehrt?

Nur 2,2% der Familien in der Schweiz machen es umgekehrt: Die Mutter arbeitet Vollzeit, während der Vater entweder ganz zu Hause bleibt, oder Teilzeit erwerbstätig ist. "Harte Fakten, warum das Umgekehrte nicht ebenso attraktiv ist, gibt es kaum", sagt Mutter. "Es ist wohl historisch gewachsen und soziokulturell bedingt." Laut einer Studie belastet es Männer psychisch, wenn ihre Partnerinnen mehr verdienen.

Auch für die von uns befragte Familie war das umgekehrte Modell nie eine Option: "Es war von Anfang an klar, dass ich reduziere oder ganz zu Hause bleibe, und er weiterhin arbeitet – und nicht umgekehrt", sagt Simone. "Erstens war für mich immer klar: Wenn ich Kinder habe, will ich nicht Vollzeit arbeiten."

Zweitens sei es gar nicht anders möglich gewesen: "Wenn ich Vollzeit gearbeitet hätte, dann hätte mein Lohn nicht gereicht, eine Familie zu ernähren." Es sprachen also handfeste finanzielle Gründe gegen die Ernährerrolle der Mutter. "Mein Mann verdient mehr als ich und das wird immer so bleiben", erklärt Simone. Martin ist etwas älter, hat mehr Berufserfahrung und arbeitet in einer Branche mit höheren Löhnen.

Es sei in ihrem Beruf einfacher, eine Teilzeitstelle zu finden, so Simone. Und Martin ergänzt: "Frauen werden anders behandelt als Männer: Wenn sie nach einer Teilzeitarbeit fragen, ist man weniger erstaunt. Wenn ein Mann fragt, reagieren die Leute eher konsterniert."

Er sieht deshalb einen weiteren Vorteil des Modells "Vater Vollzeit/Mutter Teilzeit" darin, dass dieses Modell weniger Diskussionspotenzial bietet. "Man hat weniger Erklärungsnotstand gegenüber anderen", findet er. Zugleich sei das Modell aber auch der Weg des geringsten Widerstandes, und das, findet er, sei eigentlich ein Nachteil.

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