Jenseits der Arbeitslosenquote: Die harte Realität der Stellensuche in der Schweiz
Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist nach wie vor niedrig. Das bedeutet jedoch nicht, dass es einfach ist, eine passende Stelle zu finden.
«Es liegt nicht an mir, es liegt am Arbeitsmarkt. Das musste ich mir sagen, um nicht verrückt zu werden», sagt Marta*, eine 40-jährige Medienexpertin aus Polen. Sie lebt seit 2025 in der Schweiz und sucht seit mehr als einem Jahr eine Stelle.
Marta hat in sieben verschiedenen Ländern für nationale Fernsehsender und internationale Organisationen gearbeitet, sagt aber, dass sie hierzulande zum ersten Mal auf eine solche Mauer stosse.
Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz ist im Vergleich zu ähnlichen Ländern niedrig, steigt aber seit 2023: Im zweiten Quartal des Jahres lag die offizielle Arbeitslosenquote des Landes bei 3%. Die Schweiz erfasst jedoch nur Personen, die sich angemeldet haben oder Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung haben.
Berücksichtigt man die erwerbslose aktive Bevölkerung, wie es den internationalen Standards entspricht, steigt diese Zahl auf 4,9%.
Zum Vergleich: In Frankreich liegt die Quote bei 8,2%, in Italien bei 5,6% und im Vereinigten Königreich bei 5%.
Offiziell erreichte die Arbeitslosigkeit in der Schweiz im Jahr 2023 mit 2% den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten.
Ein Grund dafür, dass die Arbeitslosigkeit in der Schweiz niedriger ist als in anderen europäischen Ländern, ist das spezielle Bildungssystem mit seinem Fokus auf die Berufsbildung nach der Sekundarstufe I: Rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler entscheiden sich für diesen Weg.
Im dualen System verbringen Lernende den Grossteil der Woche in einem Betrieb und besuchen zugleich die Berufsschule. Das verschafft jungen Menschen Berufserfahrung, Kontakte zu Arbeitgebern und Qualifikationen, die auf tatsächlich offene Stellen ausgerichtet sind. So wird der schwierige Übergang von der Schule in den Beruf entschärft, der anderswo zur Jugendarbeitslosigkeit beiträgt.
Doch diese Zahl erzählt nur einen Teil der Geschichte. Für diesen Beitrag hat Swissinfo zehn Personen befragt. Ihre Aussagen decken sich: Unabhängig von Alter, Branche oder Nationalität ist die Jobsuche in der Schweiz – besonders für Ausländerinnen und Ausländer – ein langer und mühsamer Prozess mit teils ungeschriebenen Regeln.
Maria*, 37, aus Portugal, hat einen Doktortitel in Biochemie. «Ich suche seit Mai 2024, also seit zwei Jahren, eine Stelle. Ich habe Tausende von Bewerbungen verschickt und nur vier Vorstellungsgespräche gehabt», sagt sie.
Nachdem sie schliesslich ein Vorstellungsgespräch bei einem grossen Pharmaunternehmen führen durfte, habe man ihr keine Rückmeldung gegeben, warum sie abgelehnt wurde.
«Oft ist nicht die Absage selbst das Schlimmste. Schlimm ist es, mehrere Gesprächsrunden zu durchlaufen und trotzdem nicht zu wissen, warum man nicht ausgewählt wurde», sagt Emily Rappitt, eine in der Schweiz ansässige Karriere- und Rekrutierungsexpertin.
Gemäss den neusten offiziellen Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) beträgt die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in der Schweiz sieben Monate und ist bei Führungskräften sowie Mitgliedern der obersten Managementebene leicht höher.
Zum Vergleich: In Deutschland sind es neun Monate, in Frankreich zwanzig. In Italien suchte fast die Hälfte der Arbeitslosen seit mindestens einem Jahr eine Stelle. Zahlen für das Vereinigte Königreich lagen nicht vor.
Diese Zahlen spiegeln jedoch nicht die Realität der Menschen wider, mit denen Swissinfo gesprochen hat. Die Stellensuche hängt von Qualifikationen, Wohnort, Aufenthaltsbewilligung, Marktbedürfnissen sowie der jeweiligen Branche ab.
Unabhängig voneinander zusammengestellte aktuelle Daten durch den Personaldienstleister Adecco und das Seco zeigen, dass in bestimmten Branchen wie dem Gesundheitswesen, der IT und dem Ingenieurwesen weiterhin ein Fachkräftemangel herrscht. Stellen in diesen Bereichen sind daher leichter zu finden als in allgemeineren Bereichen wie der Betriebswirtschaft und Büroberufen.
Einige Stellen, beispielsweise im Bereich Human Resources (HR) oder Public Affairs, sind für Personen ohne Schweizer Bürgerrecht schwieriger zu besetzen, da sie spezifische Kenntnisse des Schweizer Rechts sowie der Schweizer politischen Institutionen und Akteure voraussetzen. Im Jahr 2025 betrug die Arbeitslosenquote bei Ausländerinnen und Ausländern 8,3%, bei Schweizerinnen und Schweizern 3,4%.
Auch das Geschlecht kann bei der Stellensuche eine Rolle spielen. Daten zeigen, dass Mutterschaft mit niedrigeren Einkommen und einem langsameren beruflichen Fortkommen einhergeht. Forschende sprechen in diesem Zusammenhang von einer «Mutterschaftsstrafe», die ein wesentliches Merkmal des Schweizer Arbeitsmarkts bleibt.
Der Hauptgrund dafür ist, dass Frauen in der Schweiz nach der Geburt ihres Kindes ihre Arbeitszeit oft erheblich reduzieren oder ihre Karriere sogar unterbrechen, während rund 85% der Väter weiterhin Vollzeit arbeiten.
Amina*, eine Schweizer Bürgerin ägyptischer Herkunft, lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. Sie ist Mutter von drei Kindern und berichtet, dass ihre Mutterschaft und ihre Flexibilität in einem Vorstellungsgespräch Thema waren.
Nach einer speziellen Frage zu diesem Thema habe sie die Stelle nicht bekommen. Sie habe Hunderte von Bewerbungen verschickt und nur ein einziges Vorstellungsgespräch erhalten. «Ich habe das Gefühl, dass ich wegen meiner Herkunft, meines Nachnamens und der Tatsache, dass ich Kinder habe, diskriminiert werde», sagt sie.
Amina macht sich Sorgen um die Zukunft. Mit nur einem Einkommen, drei Kindern und ohne Familie in der Schweiz, die helfen könnte, sei es schwierig, finanziell über die Runden zu kommen. «Was, wenn mein Mann seine Stelle verliert? Ich weiss nicht, was wir dann tun würden», sagt sie.
«Vitamin B»
Maxime* ist 49 Jahre alt, französischer Staatsbürger und lebt seit sieben Jahren in Lausanne. Er arbeitete bei Philip Morris im Personalwesen und im Bereich Mitarbeiterengagement, bevor er im April 2025 seine Stelle verlor.
«Ich bewerbe mich über die klassischen Kanäle, online mit Lebensläufen, nutze aber auch meine Kontakte. Ich versuche, mich mit Kursen auf dem Laufenden zu halten, die ich für künftige Stellen brauchen könnte. Networking spielt auf dem Schweizer Arbeitsmarkt eine grosse Rolle», fügt er hinzu.
Networking ist in der Schweiz besonders wichtig. Man spricht gemeinhin von «Vitamin B», wobei das «B» für Beziehungen steht. Das bedeutet, Veranstaltungen der eigenen Branche zu besuchen und Kontakte zu Personen zu knüpfen, die einen für eine Stelle empfehlen können. In der Schweiz finden zahlreiche Veranstaltungen für internationale und deutschsprachige Fachleute statt.
«Suchen Sie sich Fürsprecher in Ihrem Markt: Menschen, die Ihre Arbeit kennen, Chancen erkennen, Kontakte herstellen und über Ihren Wert sprechen, wenn Sie nicht im Raum sind. Kennen Sie Ihren eigenen Wert. Nicht nur Ihren Jobtitel, Ihre Jahre an Erfahrung oder die Unternehmen, für die Sie gearbeitet haben, sondern das, was Sie persönlich einbringen, worin Sie gut sind, was Sie verändert, gelöst, aufgebaut oder verbessert haben», rät Karriere- und Rekrutierungsexpertin Rappitt.
«Wenn ich das gewusst hätte, als ich in die Schweiz kam, wäre mir einiges leichter gefallen», sagt Joanna Czarnecka. Die 37-Jährige ist aus Polen nach Zürich gezogen und sucht eine Stelle im Bereich Life Sciences.
«Sich ohne Kontakte zu bewerben, bringt nicht viel. Ich habe mich innerhalb eines Jahres auf 200 Stellen beworben und vielleicht zehn Vorstellungsgespräche bekommen, aber ohne Erfolg.»
Sie hat einen Doktortitel in Molekularbiologie und berichtet, dass man ihr trotz ihres Hochschulabschlusses schliesslich eine ehrenamtliche Stelle angeboten habe. Sie hatte angenommen, es handle sich dabei um ein Vorstellungsgespräch für eine bezahlte Stelle.
Ihr künftiger Arbeitgeber argumentierte, da sie eine Aufenthaltsbewilligung habe, werde sie ja von ihrem Mann finanziell unterstützt und solle daher die unbezahlte Arbeit annehmen.
Statt weiter eine Stelle zu suchen, bietet Czarnecka nun ihre Dienste als Beraterin für Langlebigkeit und Wissenschaft an. «Das war gut für meine psychische Gesundheit, weil ich aufgehört habe, einer einzigen Stelle nachzujagen. Es reicht immer noch nicht, um mich in diesem Land über Wasser zu halten, aber es ist ein Schritt nach vorn», sagt sie.
Die Schwierigkeiten durch KI
Der Aufstieg der künstlichen Intelligenz hat auch das Bewerbungsverfahren verändert. Zwar lassen sich Lebenslauf und Motivationsschreiben heute in wenigen Minuten verfassen, doch die Stellensuche kann sich schwieriger anfühlen als noch vor fünf Jahren.
«Bewerbermanagementsysteme und Online-Rekrutierung gab es schon vor fünf Jahren. Neu ist aber das Ausmass des Einflusses der KI auf Bewerbungen und darauf, wie Unternehmen die Eignung von Kandidierenden beurteilen», sagt Katarzyna Czajka, eine Senior-HR-Leaderin und Beraterin.
«Für Stellensuchende ist es heute viel einfacher, mithilfe von KI die Sprache einer Bewerbung auf eine Stellenanzeige zuzuschneiden. Für die Personalabteilungen besteht die Herausforderung daher nicht nur darin, mehr Bewerbungen zu bearbeiten, sondern auch darin, die Eignung der Person zur Stelle zu beurteilen.»
Auf die Frage, ob sie eine Rückkehr nach Polen in Betracht ziehen würde, wo die Arbeitslosenquote mit 3,4% ebenfalls niedrig ist, antwortet Molekularbiologin Czarnecka: «Ich will bei meinem Mann bleiben und habe zu viel Zeit in die Jobsuche und das Networking investiert, um jetzt aufzugeben.»
Einige der von Swissinfo kontaktierten Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner haben jedoch innerhalb von sechs Monaten eine Stelle gefunden.
Sara*, 33, wurde im Libanon geboren und ist in der Schweiz aufgewachsen. Nachdem sie ihre vorherige Stelle verloren hatte, fand sie innerhalb von sechs Monaten eine Stelle im Bereich Medien und Kommunikation bei einem grossen Dienstleistungsunternehmen, ohne auf persönliche Kontakte zurückzugreifen.
«Ich hatte grosses Glück. Ich kenne viele Leute, die seit über einem Jahr suchen. Tatsache ist, dass es derzeit ein Arbeitgebermarkt ist und Hunderte, wenn nicht Tausende hochqualifizierter Menschen eine Stelle suchen. Zwischen Einstellungsstopps wegen Budgetkürzungen und den Fortschritten der KI ist es im Moment schwer», sagt sie.
*Die für diesen Beitrag befragten Personen haben unter der Bedingung der Anonymität mit uns gesprochen.
Editiert von Virginie Mangin/ds, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub
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