Die Schweiz, China und die deutschen Fehler
Liebe Leserin, lieber Leser
Kürzlich hatte ich die Chance mit Yanmei Xie zu sprechen. Yanmei publiziert Analysen und Vorhersagen zur politischen Ökonomie Chinas und dem Verhältnis zu den USA und der EU. Die Analystin setzt sich zurzeit mit der Rolle der Schweiz im Welthandel auseinander – in der Schweiz weilte sie auf Einladung der Asia Society Switzerland.
Ich wollte von Yanmei vor allem wissen, wie sie das vor Kurzem überarbeitete Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China sieht. Dieses wird praktisch alle Zölle zwischen den beiden Ländern aufheben. Wohlgemerkt zu einer Zeit, in der der mit Abstand grösste Handelspartner der Schweiz – die EU – eine härtere Gangart gegenüber China einschlagen will. Damit wollen die EU-Länder ihre industrielle Basis schützen.
Yanmei erinnerte an die Lage Deutschlands vor 15 bis 20 Jahren. Deutschland konnte arbeitsintensive, simple Produkte aus China importieren und dafür kapitalintensive, hochspezialisierte Produkte exportieren. Das galt als eine komplementäre und sehr effiziente Beziehung, von der beide Länder lange profitiert haben.
Zwischenzeitlich hat China seine Industriepolitik aber konsequent vorangetrieben und die Wertschöpfungsketten in mehreren Sektoren deutlich aufgewertet. Viele davon stehen nun in direktem Wettbewerb mit dem ökonomischen Rückgrat Deutschlands. So importiert Deutschland beispielsweise heute immer mehr Maschinenanlagen aus China.
Ich fragte die Analystin: Kann die Schweiz das deutsche Schicksal vermeiden und ihre Position im Hochsegment behalten? Wird sie insbesondere die zahlreichen hochspezialisierten KMU, also den wirtschaftlichen Mittelstand, schützen können?
Für Yanmei Xie sollte die Schweizer Politik davon ausgehen, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zu China künftig kompetitiver und weniger komplementär werden. Ein Teil der chinesischen Industriepolitik besteht darin, ein Ökosystem von «kleinen Giganten» zu schaffen, das dem deutschen Mittelstand oder den Schweizer KMU nachempfunden ist. Sie empfiehlt den politischen Entscheidungsträgern in der Schweiz, nicht nur nach vorne zu blicken und potenzielle Handelsgewinne zu berechnen. Sondern auch zurück: Was kann sie anders machen, als es Deutschland tat? So kann man potenzielle Risiken identifizieren.
Denn während in China die zentral gesteuerte Industriepolitik weiter vorangetrieben wird, wird der Katzenjammer in Deutschland immer lauter. Ob die Schweiz die Fehler ihres Nachbars vermeiden kann?
Wie soll die Schweiz der Grossmacht China begegnen? Sie können mir wie immer schreiben auf giannis.mavris@swissinfo.ch
Mit freundlichen Grüssen,
Giannis Mavris
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