«Ade merci, Schweiz»: «Das Zurückkommen war fast die krassere Erfahrung als das Auswandern»
Plötzlich fühlt sich die eigene Heimat fremd an. Warum das Wiederankommen manchmal schwieriger ist als das Auswandern, wie man sich darauf vorbereitet und was ein GA mit Swissness zu tun hat: Darum geht es in der neuen Folge unseres Podcasts.
Der Aufruhr ihrer drei Söhne war gross, als Beatrice Herrmann sie bei milden zehn Grad in dicken Skijacken zur Schule schicken wollte. «Ich war mir die Jahreszeiten nicht mehr gewohnt», erzählt sie lachend. Nach zwölf Jahren Singapur und Hong Kong waren die Schweizer Temperaturen für die Leiterin einer Relocation-Agentur erst einmal eine Umstellung.
Nicht nur an das Klima musste sich Herrmann nach ihrer Rückkehr erst wieder anpassen. Auch sonst war vieles anders als erwartet. Eine Erfahrung, die sie mit zahlreichen anderen Rückkehrenden teilt.
Mehr als ein Drittel der in der Schweiz geborenen Schweizerinnen und Schweizer kehrt innerhalb von drei Jahren nach ihrer Auswanderung zurück. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Die Gründe sind vielfältig: ein neuer Job, eine Trennung, veränderte Lebensträume.
Doch die Rückkehr ist nicht immer eine Reise zurück in vertraute Gewässer. Was, wenn man sich in der eigenen Heimat plötzlich fremd fühlt? Und gar nicht mehr so genau weiss, wie die Uhren hierzulande ticken?
Schauen Sie die Folge des Podcasts «Ade merci, Schweiz» zum Thema Rückkehr in die Heimat hier an:
0:00 Begrüssung
1:08 Zurück in die Schweiz, zurück ins vertraute Leben? Nicht unbedingt.
10:42 Das ist der «umgekehrte Kulturschock»
16:56 Administratives bei der Rückkehr
29:59 Heimweh-Playlist
31:38 Freundschaften pflegen und Abschied gestalten
36:30 Integration in der Heimat mit neuem Partner und Kindern
40:52 Die drei wichtigsten Tipps zum Schluss
«Das Zurückkommen war fast die krassere Erfahrung als das Auswandern», sagt Carmen Metzger, die drei Jahre in Kopenhagen gelebt hat. Ihre Auswanderung nach Dänemark hatte sie lange im Voraus geplant, inklusive Abschiedstournee mit Wanderungen und Treffen mit Freunden.
Beim Auswandern würden alle mitfiebern und sagen: «Wow, was für ein mutiger Schritt!» Die Rückkehr hingegen könne fast wie eine Niederlage wahrgenommen werden, erzählt Metzger, die heute unter anderem als Mentorin im Sozialbereich arbeitet.
«Niemand hat auf einen gewartet»
Das Zurückkommen brauche mindestens genauso viel Vorbereitung wie das Auswandern, betont Beatrice Herrmann. Bei einer Rückkehr habe man das Gefühl, man wisse, worauf man sich einlässt. Schliesslich kennt man das Land, spricht die Sprache und hat dort Familie und Freunde.
«Doch man muss sich bewusst sein: Gerade wenn man jahrelang weg war, hat das Umfeld sein Leben weitergelebt, niemand hat auf einen gewartet», so Herrmann.
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Das Land sei nicht mehr dasselbe wie damals. Auch man selbst habe sich durch die Auslandserfahrung verändert – und nicht alle Beziehungen funktionieren nach der Rückkehr noch so wie früher.
Die Rückkehr könne gar einen «umgekehrten Kulturschock» auslösen. Anders als beim Auswandern rechne man damit oft nicht. «Doch Fakt ist, man muss sich auf die neue, alte Kultur einlassen.» Ihr Rat: «Überlegen Sie sich dieselben Dinge wie damals, als Sie ausgewandert sind.»
Wohnung, Krankenkasse und Überraschungen
Neben den persönlichen Herausforderungen gibt es einiges zu organisieren. Ohne Schweizer Arbeitsvertrag kann die Wohnungssuche schwierig werden, ebenso die Stellensuche ohne die hierzulande üblichen Arbeitszeugnisse. Auch die Bürokratie hat ihre Tücken.
Beatrice Herrmann erlebte bei ihrer Rückkehr ein kleines Absurdistan: Die Gemeinde verlangte eine Krankenkassenbestätigung, die Krankenkasse wiederum eine Anmeldung bei der Gemeinde. Schliesslich konnte sie die Versicherung provisorisch abschliessen.
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Gleichzeitig vermisst man plötzlich Dinge, die im Ausland selbstverständlich waren. Die Lebenshaltungskosten können eine Umstellung bedeuten. Dienstleistungen, die im Ausland erschwinglich waren, sind in der Schweiz oft deutlich teurer. So ist ein Chauffeur, mit dem man in manchen Ländern aus Sicherheitsgründen zur Arbeit fährt, hierzulande für die meisten unbezahlbar.
Und während sich die Steuererklärung in Singapur in zehn Minuten erledigen lässt, sieht das hierzulande etwas anders aus. Auch die Altersvorsorge wirft Fragen auf. Was geschieht mit den im Ausland angesparten Vorsorgegeldern?
Im Audio- und Video-Podcast «Ade merci, Schweiz» erhalten Sie authentische Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Auslandschweizer:innen. Gemeinsam mit Fachleuten beleuchten wir Herausforderungen und Höhepunkte rund ums Auswandern und Leben im Ausland, vom Auswandern mit Kindern bis hin zum Ankommen in einer neuen Sprache und Kultur. Den Podcast «Ade merci, Schweiz» gibt es auch auf Französisch.
Bei all der Organisation geht manchmal vergessen, dass eine Rückkehr auch Abschiednehmen bedeutet – von Menschen, Gewohnheiten und einem Land, in dem man sich ein Leben aufgebaut hat. «Es ist wichtig, den Abschied zu feiern», sagt Carmen Metzger. Sie machte aus ihrer Rückreise einen dreitägigen Roadtrip mit ihrer Mutter. Auch Beatrice Herrmann und ihre Familie legten vor der Rückkehr bewusst eine längere Reise ein, um den Übergang zu erleichtern.
Zurück in der Schweiz kaufte sich Metzger als Erstes ein GA – für sie der «Inbegriff des Schweizerseins». Anschliessend besuchte sie während einer fünfmonatigen «Tour de Suisse» Freunde und Familienmitglieder.
Die rosa Brille ablegen
«Wichtig ist, Vorfreude aufzubauen und sich bewusst zu machen, worauf man sich in der Heimat freuen kann», sagt Herrmann. Gleichzeitig rät sie dazu, die rosa Brille abzulegen. Denn aus der Distanz sieht vieles besser aus, als es tatsächlich ist. Das gilt sowohl für die Schweiz als auch für das Land, das man verlassen hat.
Auch der Kontakt zum ehemaligen Gastland kann helfen. Carmen Metzger hält den Kontakt zu ihrer zweiten Heimat auf ihre Weise aufrecht: Sie trifft sich regelmässig mit Däninnen in der Schweiz, backt dänische Zimtschnecken und hat ihre Wohnung im nordischen «Hygge»-Stil eingerichtet.
Dennoch ist sie froh, wieder in der Schweiz zu sein: «Hier habe ich meine Freunde, meine Familie, die Berge und den Schnee.»
Editiert von Balz Rigendinger
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