NS-Raubkunst und koloniales Erbe: Eine neue Kommission sucht nach Lösungen
Eine neue Kommission unter der Leitung der ehemaligen Bundesrätin Simonetta Sommaruga soll sich den Ansprüchen von Geschädigten von Raubkunst widmen. Dabei geht es sowohl Kunstwerke, die von den Nazis geraubt worden waren, wie auch solche aus der Kolonialzeit.
Fast drei Jahrzehnte sind seit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung vergangen, die den Umgang mit Kunstwerken in öffentlichen Sammlungen regelt, die von den Nationalsozialisten geraubt worden waren.
Doch erst seit Kurzem gibt es in der Schweiz eine Instanz, die entsprechende Ansprüche prüft. Im September gab die Kommission für historisch belastetes Kulturerbe (KHBK) bekanntExterner Link, dass sie bereit ist, Anträge auf die Rückgabe gestohlener Kulturgüter von Opfern der Enteignung und deren Erben entgegenzunehmen.
1998 hat die Schweiz gemeinsam mit 43 weiteren Ländern und Organisationen die rechtlich nicht bindende Washingtoner ErklärungExterner Link unterzeichnet. Diese fordert die Regierungen auf, nationale Strukturen für die Rückgabe von Kunstwerken zu schaffen, die die Nazis geraubt hatten.
Die Schweiz gehört damit nun zu einer kleinen Gruppe von Ländern, die diesen Schritt vollzogen haben: Österreich, Deutschland, Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich haben solche Kommissionen bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten eingerichtet.
«In der Schweiz dauert es vielleicht manchmal etwas länger», sagt Simonetta Sommaruga, die Vorsitzende der neuen Kommission. «Aber es ist ja nicht so, dass in diesen Jahren in der Schweiz nichts passiert ist. Es gibt einzelne Museen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr fortschrittlich gehandelt haben.»
Als ein Beispiel nennt Sommaruga das Kunstmuseum Bern. 2014 übernahm es die umstrittene Sammlung von Cornelius Gurlitt, dem Sohn eines Kunsthändlers, der im damals besetzten Frankreich Kunstwerke für das von Adolf Hitler geplante «Führermuseum» erworben hatte.
Die Art und Weise, wie das Museum mit diesem belasteten Erbe umgegangen ist, habe «international Standards gesetzt», so Sommaruga: Es betrieb Provenienzforschung und gab Kunstwerke zurück, die Jüdinnen und Juden geraubt worden waren oder die sie unter Zwang verkaufen mussten.
«Grundsätzlich geht es meines Erachtens darum, dass die Schweiz als Staat ihre Verantwortung wahrnimmt», sagt sie. «Die Schweiz war während des Zweiten Weltkriegs – wie auch heute – ein wichtiger Handelsplatz für Kunst und Kulturgüter.»
Belastete Sammlungen
Dass die Kommission nun endlich ins Leben gerufen wurde, geht unter anderem auf eine Reihe vielbeachteter Kontroversen zurück. Insbesondere die Sammlung impressionistischer Meisterwerke der Bührle-Stiftung, die 2021 in einem neuen Anbau des Kunstmuseums Zürich ausgestellt wurde, hatte heftige Kritik ausgelöst.
Emil Bührle war ein Schweizer Industrieller, der sein Vermögen damit machte, Flugabwehrkanonen aus seinen Fabriken an Nazideutschland zu verkaufen. Bekannt ist er aber auch dafür, Gemälde gekauft zu haben, die ihren jüdischen Eigentümer:innen geraubt worden waren.
In etwas unterscheidet sich die Schweizer Kommission von ihren Pendants in anderen europäischen Ländern: Sie wird sich auch mit Ansprüchen auf Objekte befassen, die aus ehemaligen Kolonien geraubt worden waren. Damit ist die Schweiz eine Ausnahme. Andere Länder haben separate Kommissionen für Raubkunst aus der Kolonialzeit eingerichtet. Aber keine andere nationale Kommission befasst sich mit beiden Arten von Streitfällen.
«Auch wenn die Schweiz selbst nie eine Kolonie hatte, waren Schweizerinnen und Schweizer auch in vielfältiger Weise in koloniale Zusammenhänge involviert, unter anderem im Handel sowie als Missionare und Forschende», sagt Sommaruga. «Das Parlament hat eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die in dieser Form einzigartig und zugleich mutig und weitsichtig ist.»
Der breite Aufgabenbereich der Kommission erfordert auch ein breites Spektrum an Fachwissen: Sie setzt sich aus Expert:innen aus den Bereichen Recht, Kunstgeschichte, Ethik, Museologie sowie Kolonialgeschichte und Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammen.
Ein Zeichen der Autorität
Einige Schweizer Museen sind von sich aus aktiv geworden, um Objekte zurückzugeben, die aus Kolonien gestohlen wurden: Anfang dieses Jahres einigten sich die Ethnografischen Museen von Genf und der Universität Zürich sowie das Rietberg-Museum in Zürich darauf, 18 «Benin-Bronzen», die vermutlich 1897 bei einem Überfall durch britische Truppen geraubt worden waren, an Nigeria zurückzugebenExterner Link. Zehn weitere Objekte, deren Herkunft ebenfalls fragwürdig ist, verbleiben gemäss der Vereinbarung mit der nigerianischen Regierung als Leihgabe in den Schweizer Museen. Das Eigentumsrecht daran ging jedoch auf Nigeria über.
Solche kreativen Vereinbarungen, sagt Sommaruga, könnten mögliche Lösungen für die Kommission bieten, die auch als Vermittlerin bei Streitigkeiten fungieren kann.
«Ich denke, dass Restitution im Sinne der Washington Principles nicht zwingend immer die einzige gerechte und faire Antwort oder Lösung sein muss», sagt Sommaruga. «Es gibt auch andere Möglichkeiten, und die Kommission möchte bewusst offenlassen, welche Formen einer gerechten und fairen Lösung im jeweiligen Fall in Betracht kommen.»
Sommaruga, zweimalige Bundespräsidentin und eine herausragende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, verleiht der neuen Kommission Gewicht. Und es ist nicht das erste Mal, dass sie sich mit schwierigen, ungelösten historischen Fragen auseinandersetzt.
Als Justizministerin gab sie den ersten Bericht über die Verdingkinder in der Schweiz in Auftrag: Zehntausende Kinder wurden ihren Familien genommen und auf Bauernhöfen zur Arbeit eingesetzt. Das wurde bis in die 1980er-Jahre hinein gemacht. Im Jahr 2013 entschuldigte sie sich im Namen des Bundesrats offiziell bei den Opfern.
Schau zurück, schau nicht weg
«Ich habe als Mitglied der Landesregierung und als Justizministerin immer die Haltung vertreten, dass sich ein Land auch mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzen muss – und dass man gerade bei Fragen, die belastend sein können, nicht wegschauen darf», sagt Sommaruga.
Besonders die Frage, wie mit den menschlichen Überresten in Schweizer Sammlungen umgegangen werden soll, beschäftigt Sommaruga: Es sei ein «sehr sensibles» Thema, «das auch aus ethischer Sicht besonders heikel ist». Die Kommission hat die Klärung dieser Fragen zu einer Priorität gemacht und plant, ein Verzeichnis der Überreste und ihrer Herkunftsorte zu erstellen.
Auch hier haben einige Schweizer Museen bereits Massnahmen ergriffen: Das Naturhistorische Museum Basel etwa hat im September die sterblichen Überreste von drei Menschen kawésqarischer Herkunft an ihre chilenischen Nachfahren zurückgegeben. Diese Überreste waren einst für «Rassenforschung» verwendet worden, die Menschen zu Untersuchungsobjekten machte und dazu beitrug, rassistische Hierarchien und koloniale Gewalt zu legitimieren.
Eine weitere Priorität der Kommission, so Sommaruga, sei die BundeskunstsammlungExterner Link: Sie umfasst rund 22’000 Objekte, die im Laufe von mehr als einem Jahrhundert zusammengetragen wurden und auf Museen und Behörden im ganzen Land verteilt sind.
«Die Kommission ist der Ansicht, dass der Bund mit seinen eigenen Sammlungen in Bezug auf den Umgang mit historisch belastetem Kulturerbe eine Vorbildfunktion übernehmen muss», sagt sie. «Im Sinne der Kohärenz kann die Kommission privaten Sammlungen keine Empfehlungen geben, die der Bund bei seinen eigenen Sammlungen nicht ebenfalls einhält.
Die Kommission möchte sich deshalb ein vertieftes Bild davon machen, was bisher unternommen wurde: Wie wird sichergestellt, dass die eigenen Bestände bekannt sind? Wie wird mit Verdachtsfällen umgegangen, und welche Lösungsansätze wurden bisher verfolgt?»
Bei der Kommission seien bereits Anfragen im Zusammenhang mit möglichen Anträgen eingegangen, sagte Sommaruga. «Die grosse Unbekannte» sei, ob es bereits Fälle gebe, die so weit fortgeschritten sind, dass sich die Betroffenen nun an die Kommission wenden. «In einem Jahr werden wir dies besser beurteilen können.»
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Knochen in den Museumsdepots: Wie die Schweiz ihr kolonialer Schatten einholt
Editiert von Virginie Mangin/ds, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/jg
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