Schweizer Demokratie und Reichtum: Wann wird ein grosses Portemonnaie zum Problem?
Welche Rolle spielen reiche Menschen in der Demokratie? Angesichts der Entwicklung der globalen Ungleichheit stellen sich auch vermögende Menschen diese Frage.
Reiche Menschen und die Demokratie passen nicht zusammen – das sagen sie jedenfalls im Theater Chur auf der Bühne, an der Vorstellung von «Geld ist Klasse». Das Stück ist ein Appell für einen kritischeren gesellschaftlichen Umgang mit «überreichen» Menschen und höhere Steuern für das reichste Prozent.
Eine, die das diesen Abend auf der Bühne fordert, ist Marlene Engelhorn. Die Österreicherin ist Erbin der verstorbenen Milliardärin Traudl Engelhorn, die in der Westschweiz lebte.
Bekannt wurde die Enkelin, weil sie 25 Millionen Euro (23,4 Millionen Franken) weggab, die dem Gemeinwohl zukommen sollten. Der Betrag ging an einen per Los bestimmten Bevölkerungsrat, der entschied, wie das Geld eingesetzt werden sollte.
«Überreiche Menschen», die ihr Geld als Problem sehen, könnten sich nach der Vorstellung bei ihr melden, sagt sie auf der Bühne.
Es gehe ihr um Gerechtigkeit und die Demokratie. «ÜberreicheExterner Link» Menschen – also Menschen, die reich genug sind, nicht arbeiten zu müssen – beschädigen ihrer Meinung nach das gesellschaftliche Vertrauen.
Eine Person, eine Stimme – das ist das Prinzip von Demokratie. Ist es ein Problem, wenn eine Person ein grosses Portemonnaie hat?
Eine Million neue Millionär:innen
Weltweit gibt es immer mehr Millionär:innen – gleichzeitig wächst die Ungleichheit. Der Global Wealth ReportExterner Link der Grossbank UBS sah 2025 als «herausragendes Jahr»: Das globale Privatvermögen ist um mehr als einen Zehntel gewachsen und eine Million Menschen sind Millionär:innen geworden.
Doch parallel ist das Medianvermögen «in den meisten Märkten» gesunken, so der Bericht. Dies sei ein Zeichen für die «wachsende Kluft zwischen den Reichsten und der breiten Bevölkerung».
Parallel für Beunruhigung sorgt die politische Entwicklung insbesondere in den USA, wo Elon Musk, der reichste Mann der Welt, hunderte Millionen Dollar für die Wahlkämpfe der republikanischen Partei zahlt.
Der Global Inequality Report 2026Externer Link der Nichtregierungsorganisation Oxfam präsentiert deswegen «Oligarchie oder Demokratie» als Gegensatzpaar. Das Phänomen, dass die «Reichsten die Politik beeinflussen und kontrollieren» sei nicht neu, doch die «Ereignisse in den USA 2025» hätten es so klar gemacht wie nie zuvor, heisst es im Bericht.
Auch Marlene Engelhorn nennt im Gespräch mit Swissinfo die «Milliardär:innen-Bubble aus dem Silicon Valley» und deren «unverhohlene Einmischung in die politische Sphäre der USA» als deutlichstes Beispiel für das «Ungleichgewicht in repräsentativen Demokratien» wegen Reichen, die sich «eine Armada von Lobbyist:innen» leisten können. Ihr Lösungsansatz: Reiche müssten höher besteuert werden.
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In der Schweiz gibt es, anders als in vielen europäischen Ländern, Vermögenssteuern. Doch Reiche, die von sich aus auf Reichtum verzichten wollen, sind eher die Ausnahme: Der linke Albin Meyer fordert zum Beispiel von den «Mitmillionär:innen» einen «Beitrag zur Weltrettung».
Die wachsende Ungleichheit beschäftigt auch Alfred Gantner, der sicherlich kein Linker ist. Der Unternehmer und Multimilliardär gehörte bei den Zollverhandlungen mit den USA zur Schweizer Wirtschaftsdelegation, die bei Donald Trump im Oval Office sass.
Fast zeitgleich forderte Gantner gegenüber dem Tages-Anzeiger angesichts «fortschreitender Vermögenskonzentration» höhere Vermögensteuern für Multimillionär:innen. Er nannte das Beispiel von 60 Millionen FrankenExterner Link jährlich bei einem Vermögen von 3 Milliarden.
Vermögensungleichheit in der Schweiz «tiefer als in den USA»
Die Ökonomin Isabel Z. Martinez forscht an der KOF ETH Zürich zu Reichtum und Ungleichheit. Auch sie sieht grossen Reichtum bei Wenigen als Gefahr für die Demokratie: «Denn extrem reiche Menschen können viel Geld für Wahlkampagnen und Lobbying aller Art ausgeben.»
Ein Schlaglicht legt Martinez dabei auf die Medien, respektive: Milliardäre, die «Medienhäuser oder soziale Plattformen kontrollieren». Das Ziel sei offensichtlich nicht das Verdienen von Geld, dafür sei die Bereitstellung von Information und Nachrichten zu wenig lukrativ, so Martinez: «Aber es ist ein wichtiges Gut für eine funktionierende Demokratie». Denn Informationen sind die Grundlage von Meinungsbildung.
Unter Berücksichtigung von Renten- und Immobilienvermögen ist die Vermögensungleichheit in der Schweiz «tiefer als in den USA aber höher als in Frankreich», so eine aktuelle Erkenntnis von Martinez.
Zudem ist die Ungleichheit eher stabil. «In den letzten 20 Jahre ist kein eindeutiger Aufwärtstrend zu erkennen», so Martinez. Nur vor der Finanzkrise 2008 und während der Coronapandemie habe die Ungleichheit kurzfristig zugenommen.
Viele geerbter Reichtum
Für die Schweiz zeigen Martinez’ Daten, dass etwa 60% der Superreichen ihr Vermögen geerbt haben. Die Superreichen seien hier «eine relativ beständige und stark von Familienvermögen geprägte Gruppe».
Wer in der Schweiz «zu den Allerreichsten gehört», bleibt es «mit hoher Wahrscheinlichkeit» lange.
Viele Schweizer Reiche, die sich politisch einbringen, kommen aus wohlhabenden Familien: zum Beispiel der Roche-Vizepräsident und WEF-Co-Präsident André Hoffmann. Zu den reichsten Abgeordneten im Parlament gehören Magdalena Martullo Blocher von der SVP und Simon Michel von der FDP – beide stehen an der Spitze von Unternehmen, die ihre Väter vor ihnen führten.
Ein ehemaliger Rohstoffhändler, der als Bürger auf die Strasse geht
Andreas Zivy ist zwar deutlich weniger reich und weniger präsent – aber auch seine Familie erscheint in der Liste der 300 Reichsten in der Schweiz der BilanzExterner Link.
Zivy ist besorgt um die Demokratie. Das teilt er mit Engelhorn – nur zieht der zurückgetretene Verwaltungsratspräsident des Rohstoffhandelsunternehmens Ameropa daraus andere Schlüsse.
Die Finanzkrise 2008 und der Aufstieg Xi Jinpings als Chinas Machthaber 2013 hätten ihn politisch aufgeweckt: Bis dahin war er eher überzeugt, dass sich Wohlstand und Demokratie nach und nach überall durchsetzen.
Gleichzeitig ist er überzeugt: «Es gibt keine Demokratie ohne Kapitalismus.» Er sehe den Finanzkapitalismus kritisch, aber hält das «verbreitete Gefühl bei den Linken» für falsch, «dass der Kapitalismus Schuld ist an dieser Demokratiekrise».
Früher leitete Zivy das Familienunternehmen Ameropa als CEO, das eine Schweizer Zeitung vor gut 20 Jahren «verschwiegen wie ein Grab» nannte. Heute tritt er an die Öffentlichkeit: Mit der Demokratie Stiftung Basel unterstützt er Projekte in fünf Ländern. Auch ein Buch hat Zivy geschrieben.
In «Die dekonstruierte Gesellschaft» bündelte er, worin er die Ursachen der Probleme sieht: Während die Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft grosse Sprünge gemacht haben, schwand der soziale Zusammenhalt.
Im Abstimmungskampf für das Vertragspaket mit der EU plant Zivy, selbst «als privater Bürger» auf der Strasse zu sein. Er ist jemand, der das Geld hat, Projekte anzustossen – eine Form von Engagement, das Menschen mit Wohlstand vorbehalten ist. Gleichzeitig engagiert er sich auch mit den Mitteln, die alle Bürger:innen in der Schweiz haben.
Gegenüber den gesellschaftlichen Eliten fällt das Urteil in seinem Buch kritisch aus. Doch zweifellos würden die meisten Menschen ihn – den Unternehmer, den Erben, den Stifter – natürlich als Teil dieser Eliten sehen.
Darauf angesprochen sagt er, er sei selbstkritisch: In den ersten 30 Jahren, in denen er «für die Firma» gearbeitet hat, habe er sich «wenig Zeit genommen für politische Anliegen oder für die Gemeinschaft».
Heute ist dies die zentrale Frage für ihn: Wie kann man als Gesellschaft einen Gemeinsinn entwickeln und bewahren?
Die Schweiz werde, so Zivys Prophezeiung, eines der letzten Länder sein, in dem die Demokratie «bachab» geht, denn das gesellschaftliche Vertrauen ist hoch; Konkordanz und direkte Demokratie funktionieren.
Weltweite Entwicklung sei «sehr beunruhigend»
Doch die Entwicklung weltweit findet er «sehr beunruhigend.» Mit seinen Sorgen sieht sich Zivy relativ allein: «In meinem Bekannten- und Freundeskreis, vor allem auch in meinem beruflichen Umfeld, merkte ich, dass man diese Entwicklungen auf die leichte Schulter nimmt», sagt er.
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Er sei immer wieder überrascht gewesen, wem man etwa in Wirtschaftskreisen alles Sympathien entgegenbringt: «Bis hin zum chinesischen Regime.» Früher habe es dazugehört, dass man sich als Unternehmer politisch engagiert hat. «Heute sehe ich in meinem Umfeld nur Wenige», sagt Zivy.
Über die Wirkung der Projekte seiner Stiftung macht sich der studierte Politikwissenschaftler Zivy «keine Illusion». Aber er habe das Bedürfnis, etwas für die Demokratie zu tun. Darüber, «was wir machen und was nicht», entscheide er weitgehend selbst – im Austausch mit Expert:innen der Universität Zürich.
Andreas Zivy nutzt sein Geld für Demokratieprojekte. Für das, was er gut findet. Marlene Engelhorn hat ein Problem damit, dass «überreiche Menschen mit ihrem Geld nur das unterstützen», was sie gut finden.
Gemein ist beiden, dass sie eine Verantwortung spüren, sich gesellschaftlich einzubringen – und der Meinung sind, dass dies mehr Menschen tun sollten.
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