Swiss Made

Überleben Schweizer Uhrmacher ein weiteres turbulentes Jahrhundert?

Eigentlich braucht man keine Uhr mehr, um zu wissen, wie spät es ist. Trotzdem überlebt – oder besser – prosperiert die Schweizer Uhrenindustrie.

Dieser Inhalt wurde am 05. Juni 2020 - 14:47 publiziert
Skizzomat (Illustration)

Laurent Favre hat eine Antwort. Er ist Mitglied der zehnten Generation der Uhrmacherfamilie Favre & Fils. Das jüngste Produkt seines Unternehmens ist eine Uhr, die auch als Krypto-Portemonnaie dienen wird. Ein Prototyp der 100'000 Franken teuren Uhr ist in Entwicklung. Wird sich die Investition in neue Technologien für ein Traditionsunternehmen auszahlen, das seine Wurzeln bis 1718 zurückverfolgen kann?

"Es ist ein bisschen so, als ob man sich die Zukunft der Dampflokomotiven im Zeitalter der elektrischen Züge ausrechnen würde", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Man muss immer wieder wichtige Besonderheiten hinzufügen, die das Design voranbringen."

Die traditionelle Schweizer Uhrenindustrie ist trotz Vorhersagen über ihren bevorstehenden Untergang schon oft aus dem Abgrund zurückgekehrt. Sie hat jahrzehntelang mit Turbulenzen gelebt und musste lernen, sich an neue Technologien anzupassen.

Im Unterschied zur britischen Uhrenindustrie, die vor langer Zeit ausgestorben ist, überlebten die Schweizer Hersteller den Aufstieg der amerikanisch inspirierten Fabrikproduktion im 19. Jahrhundert, indem sie deren Methoden nachahmten.

Quarzkrise der 1970er-Jahre

Eine weitere bedeutende Herausforderung war die Quarzkrise der 1970er-Jahre. Obwohl die Technologie für Quarzuhren in der Schweiz erfunden wurde, fand sie bei den Schweizer Uhrmachern keinen Anklang.

Japanische Konkurrenten wie Seiko übernahmen die Quarzwerke und lieferten damit Uhren, die billiger und genauer waren als alles, was die Schweizer herstellen konnten. Mehrere Schweizer Firmen überlebten diese Konkurrenz nicht. Aber andere fanden eine Antwort auf die Quarz-Herausforderung. Etwa in Form von Swatch-Uhren.

Eine Herausforderung aus jüngerer Vergangenheit war die Einführung der Apple-Uhr und anderer intelligenter Geräte, deren Zeitmesser nicht das stärkste Verkaufsargument sind. Angesichts des zukunftsweisenden Erfolgs von Apple mit dem iPhone sagten viele voraus, dass Smart-Uhren den Uhrenmarkt dominieren würden.

Bisher haben sich nur Schweizer Uhrmacher, die erschwinglichere Uhren herstellen, in diesem neuen Segment engagiert. Die meisten ziehen es allerdings vor, sich an das zu halten, was sie am besten kennen.

Die neuen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in wichtigen Märkten wie China und Russland haben die Verkäufe beeinträchtigt. In China wurde im Rahmen der Korruptionsbekämpfung ein Verbot für Parteifunktionäre ausgesprochen, Geschenke wie Luxusuhren anzunehmen. Die negativen Prognosen über die russische Wirtschaftsentwicklung trugen auch nicht zu einer Verbesserung bei.

Schaden angerichtet haben aber auch die jahrelangen Streitigkeiten im Inland über einen Lieferstopp der mechanischen Uhrwerke der Swatch-Tochter ETA.

Die Ungewissheit über den Ausgang dieser Auseinandersetzung, in die sich auch die Wettbewerbskommission Weko eingeschaltet hatte, führte dazu, dass kleinere Uhrmacher, die auf ETA-Uhrwerke angewiesen sind, sich um die zukünftige Versorgung mit diesen entscheidenden Elementen sorgen.

Andere Unternehmen der Branche sagen, dass sie mit den vom Parlament ab 2017 auferlegten strengeren Anforderungen an das "Swiss Made"-Label zu kämpfen hätten. Im Rahmen der aktualisierten Gesetzgebung wurde die Mindestschwelle für im Inland hergestellte Teile von 50% auf 60% erhöht.

Im letzten Jahr erzielte die Schweizer Uhrenindustrie zwar das drittbeste Resultat, wobei insgesamt weniger aber im Durchschnitt teurere Uhren verkauft wurden. Sollte sich der Trend zu kleineren Stückzahlen fortsetzen, könnte die Uhrenindustrie künftig Mühe bekunden, das Geld für die Finanzierung von Innovationen aufzubringen.

Die Covid-19-Pandemie hat der Sache nicht geholfen. Die Existenz der weltgrössten Uhrenmesse Baselworld ist durch den Exodus von Ausstellern nach der Absage der Ausgabe 2020 bedroht.

Zudem wurden rund 40'000 Beschäftigte in der Schweizer Uhrenindustrie zur Kostensenkung auf Kurzarbeit gesetzt, und die Exporte werden 2020 voraussichtlich um 25% zurückgehen – mehr als während der Quarzkrise 1975 oder der Finanzkrise 2009.

Trotz aller Probleme hat die Schweizer Uhrenindustrie durch ihre Strategie des "Abwartens und Zusehens" viele Stürme überstanden und ist nicht den Launen der Zeit erlegen. Mechanische Uhren aus der Schweiz sind nach wie vor ein Statussymbol, wie der blühende Fälschungs- und Graumarkt beweist.

Schweizer Uhren sind nach wie vor sehr begehrt, auch wenn sie nicht mehr benötigt werden, um die Zeit anzuzeigen.

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