Der «Guet», der Nachtwächter von Lausanne
Wenn die Glocke der Kathedrale von Lausanne zehn Uhr schlägt, beginnt für Alexandre Schmid die Arbeit. Er ruft die Stunde in alle vier Himmelsrichtungen aus. Dies ist seine Aufgabe als «Guet», der seit über 600 Jahren als Nachtwächter über die Stadt wacht. Heute ist er eine Identifikationsfigur.
Alexandre Schmid strampelt schnaufend die Steigung hinauf und tritt kräftig in die Pedale. Wenn ihm die Luft ausgeht, steigt er von seinem Velo und schiebt es die steilen Gassen von Lausanne hinauf. Sein Ziel, die Kathedrale, liegt weit oben. Er wohnt unten, in der Nähe des Bahnhofs.
Es ist ein regnerischer, windiger Abend, eine Viertelstunde vor 22 Uhr. Er hat keine Eile. Es bleibt noch genug Zeit, das Velo – ein Modell aus vergangenen Zeiten – an eine Mauer zu stellen, die 153 Stufen des Glockenturms hinaufzusteigen, die Filzmütze aufzusetzen und den schwarzen Mantel anzuziehen. Um in die Rolle des Guet zu schlüpfen.
«C’est le guet. Il a sonné dix! Il a sonné dix!»
Schmid ist seit rund zwei Jahren Hauptwächter der Kathedrale Notre-Dame in Lausanne. Ein Beruf aus einer längst vergangenen Zeit.
«Es ist ein wunderbarer Ort. Ich staune jedes Mal, wenn ich hier heraufsteige. Ich geniesse einen einzigartigen Blick auf die Stadt. Ich liebe Lausanne», sagt der 34-Jährige, dessen rabenschwarzer Bart im schwachen Schein der Laterne aufleuchtet, die am Geländer hängt. Plötzlich trägt der Wind das Schlagen der Uhr der Kirche Saint-François herüber. Es ist fast so weit.
Jetzt steckt sich Schmid die Zeigefinger in die Ohren. Kurz darauf ertönen die zehn Schläge der jahrhundertealten Glocke der Kathedrale. Hier oben, dreissig Meter über dem Sockel des imposanten gotischen Bauwerks, ist es ohrenbetäubend laut.
Wenn das Echo über den Dächern der Stadt verhallt, ist es an ihm, die Stunde anzukündigen. Er formt mit den Händen einen Trichter vor dem Mund und ruft mit voller Kraft Richtung Osten: «C’est le guet! Il a sonné dix!» Il a sonné dix!» («Hier ist der Guet. Es hat zehn geschlagen! Es hat zehn geschlagen!»).
Dann nimmt er die Laterne vom Haken, wechselt zur Nordseite und wiederholt den Ruf. Es folgen die weiteren beiden Himmelsrichtungen. Die Reihenfolge ist immer dieselbe: Ost, Nord, West und Süd.
In diesem Video der Stadt Lausanne hören Sie den Guet 22 Uhr ausrufen (Franz.):
Hüter einer jahrhundertealten Tradition
Seine Aufgabe ist für die nächste Stunde erledigt. Der Nachtwächter zieht sich in die Wächterstube zurück, die «loge du guet», wie auf einem hölzernen Schild an der Tür zu lesen ist. Es handelt sich um eine Art Bettnische, einen wenige Quadratmeter grossen Raum mit Holzwänden, der von einem kleinen Elektroheizgerät erwärmt wird.
Schmid hängt Mütze und Mantel an einen Nagel. «Der Begriff ‹guet› leitet sich vom französischen Verb ‹guetter› ab» (beobachten, im Auge behalten), sagt der Hauptwächter.
Er verbringt fünf Nächte pro Woche von 22 bis 2 Uhr oben im Glockenturm und kündigt mit seinem Ruf die vollen Stunden an. Er überwacht nicht, hält keine Wache und läutet keine Glocken, sondern ist schlicht der Hüter einer jahrhundertealten Tradition.
«Die erste dokumentierte Erwähnung eines ‹guet de la cathédrale› geht auf den 4. November 1405 zurück. Diese Figur existierte jedoch schon lange davor. Seine Hauptaufgabe war es, im Brandfall Alarm zu schlagen», erzählt Schmid.
Er hat Geschichte an der Universität studiert und kann hier seine Leidenschaft für die Vergangenheit mit einem Beruf verbinden, der sich in der Nacht der Zeit verliert. «Der Guet musste ausserdem die Stunden läuten und ausrufen sowie über die öffentliche Ordnung in der Stadt wachen», fügt er hinzu.
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«Im Mittelalter bestanden die Häuser fast vollständig aus Holz und Stroh. Die einzige Möglichkeit zu kochen oder sich zu wärmen, war, ein Feuer zu machen, und so gab es ständig Brände», fährt der Guet fort.
«Wenn es dazu kam, war die einzige Möglichkeit, sie zu löschen, eine Menschenkette zu bilden und Wasserkübel weiterzureichen. Das war eine wenig wirksame Methode, und oft brannten ganze Quartiere nieder.»
Wichtige Säule des Brandüberwachungssystems
Im Jahr 1405 ereignete sich einer der schwersten Brände in Lausanne: Ein Grossteil der Häuser rund um die Kathedrale stand in Flammen. Laut einem Bericht der Quartierdelegierten und des Stadtbischofs von damals war einer der Gründe, dass die Wachen zu spät Alarm geschlagen hatten.
«Wenn der Wächter der Kathedrale einen Brand sah, nahm er einen Hammer und schlug eine Glocke an, um die Bevölkerung vor dem Ausbruch eines Feuers zu warnen», erzählt Schmid. «An jenem Abend aber bemerkte er es zu spät. Wahrscheinlich war er eingeschlafen.»
Doch er war nicht der Einzige auf Wacht. Es gab einen weiteren Posten auf dem Glockenturm der Kirche Saint-François. Zudem patrouillierten in den Quartieren weitere Wächter, so genannte «Bodenwächter»,
«Sie kommunizierten miteinander, indem sie riefen, Brandherde meldeten und die Stunde ansagten. So konnten sie auch sicherstellen, dass ihr Kollege während seiner Runde nicht eingeschlafen war, vielleicht nachdem er zu lange in einer Taverne geweilt hatte», so Schmid.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der Wächter der Kathedrale das Rückgrat des Brandüberwachungssystems von Lausanne. Im Lauf der Jahrzehnte verlor er jedoch schrittweise an Bedeutung.
1907 wurde der Alarm den städtischen Sirenen übertragen und nicht mehr dem Guet, der dennoch weiterhin Tag und Nacht den Turm bewachte. Die eigentliche Veränderung kam jedoch in der Nachkriegszeit mit der Installation einer automatischen Uhr und eines mechanischen Systems zum Läuten der Glocken.
Seither beschränkt sich seine Funktion auf das blosse Ankündigen der Stunden. Früher richtete sich dieser Dienst vor allem an diejenigen, die weder die Uhr lesen noch zählen konnten.
Ein Teil der Identität der Stadt
Angesichts wachsender Schwierigkeiten, Kandidierende für dieses Amt zu finden, beschlossen die Lausanner Behörden ab 1960, den Einsatz auf die Zeit von 22 bis 2 Uhr zu beschränken.
«Sobald die Wache ihren praktischen Nutzen verloren hat, rückt diese Tätigkeit in eine andere Kategorie, sicherlich eine geisterhaftere, vielleicht sogar eine mythischere. Die Wache wird zu einer zeitlosen Gestalt, die überrascht und fasziniert», ist auf der Website der lebendigen Traditionen in der Schweiz zu lesenExterner Link.
«Ist es vielleicht diese scheinbare Nutzlosigkeit, die den Guet zu einer so legendären Figur macht?», fragen wir den neuen Wächter etwas provokativ. «Ich glaube, es ist die Tatsache, aus der Zeit gefallen zu sein, die diese Figur so faszinierend macht», antwortet Schmid.
«Der Sinn dieses Berufs liegt vor allem in der Verbindung zur Vergangenheit und in der Zuneigung, welche die Lausannerinnen und Lausanner ihm entgegenbringen. Es ist ein Element, das zur Identität der Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner beiträgt und uns sagen lässt: ‹Anderswo ist es nicht wie bei uns!›»
Tatsächlich gibt es in Europa nur wenige Städte mit einem Nachtwächter, der 365 Tage im Jahr aktiv ist: Es sind Ripon im Vereinigten Königreich, Krakau in Polen, Ystad in Schweden sowie Annaberg und Celle in Deutschland.
Neben Alexandre Schmid sorgen sechs stellvertretende Nachtwächter und eine Nachtwächterin für die Kontinuität dieser Tradition. 2021 übernahm Cassandre Berdoz als erste Frau eine dieser Rollen.
Obwohl der technische Fortschritt die ursprüngliche Funktion des Nachtwächters überflüssig gemacht hat, wollte Lausanne nie auf diese Funktion verzichten.
Als 1946 das Wächterzimmer vom zweiten in den ersten Stock des Turms verlegt wurde, löste dies grosse Besorgnis unter den Bewohnerinnen und Bewohnern aus. Sie befürchteten, dies könnte der Beginn des Verschwindens dieser ihnen so wichtigen Figur sein.
Als die Behörden 1960 beschlossen, die Präsenz des Guet auf dem Turm auf vier Stunden in der Nacht, von 22 bis 2 Uhr, zu beschränken, titelte die regionale Presse «Sauvons le guet» (Rettet den Guet) und «Serait-ce l’agonie du guet?» (Ist dies der Todeskampf des Guet?) – ein Zeichen der tiefen Verbundenheit der Lausannerinnen und Lausanner mit einer Tradition, die Teil der städtischen Identität geworden ist.
«Ich glaube nicht, dass es einen ähnlichen Ort gibt»
Der Ruhe liebende Bücherfreund Alexandre Schmid zögerte keine Minute, als er erfuhr, dass die Stadt einen neuen Hauptwächter für die Kathedrale suchte. Er übernahm die Position von Renato Häusler, der fast vier Jahrzehnte dieser Funktion gewidmet hatte.
Im Turmzimmer hinterliess Häusler auf der Innenseite einer Schranktür eine stille Spur der in dieser Zeit verbrachten Nächte: eine sehr lange Reihe von Strichen, die er mit einem Kugelschreiber angebracht hatte – einen für jede Nacht, die er über den Dächern von Lausanne verbracht hatte. In 22 Jahren waren es 3398 Nächte.
Nachdem wir uns fast eine Stunde lang mit ihm unterhalten haben, steht Schmid auf und nimmt Mütze und Mantel vom Nagel. Er muss wieder nach draussen, um die Stunde in alle vier Himmelsrichtungen auszurufen.
An der Türschwelle fragen wir ihn, ob er seinen Entscheid nach zwei Jahren bereut. «Nein, niemals», sagt er lächelnd, während er die Lichter der Stadt zu seinen Füssen betrachtet.
«Um einen solchen Ort zu verlassen, müsste ich einen anderen finden, der genauso aussergewöhnlich ist. Aber ich glaube nicht, dass es einen solchen gibt.»
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Editiert von Zeno Zoccatelli, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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