Wie die Schweizer Treichel politisch wurde
Die Familie Brügger schmiedet im Kanton Freiburg seit drei Generationen Glocken und Treicheln – Objekte, die untrennbar mit dem ländlichen Bild der Schweiz verbunden sind. Doch seit der Pandemie sind sie auch zu Protestinstrumenten geworden – eine problematische Aneignung, meint ein Ethnologe.
Die Giesserei Brügger nimmt man wahr, bevor man sie sieht: zuerst in den Ohren und dann mit ihrem Geruch. Kaum ist man an der Bushaltestelle in Villars-sur-Glâne ausgestiegen, einer Gemeinde vor den Toren Freiburgs, erreicht einen das Geräusch eines Hammers auf Blech. An der Tür umfängt einen eine Luft, die nach Rauch, Kohle und glühendem Metall riecht.
Alexis Brügger reicht uns die Hand. Ein 26-jähriger Mann mit kräftigen Armen und einem verschmitzten Blick. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2019 und seines Grossvaters wenige Monate später hat er die Werkstatt übernommen, in der seit drei Generationen Glocken und Treicheln hergestellt werden.
«Es gibt keine Lehre für diesen Beruf», sagt Alexis, der uns sofort duzt. «Diese Kunst erlernt man durch das Schmieden.» Und so hat er mit 22 Jahren seine Ausbildung zum Plattenleger aufgegeben, um zunächst mit seinem Bruder Arnaud die Familientradition fortzusetzen, die sein Grossvater Marius etwa fünfzig Jahre zuvor begonnen hatte.
«Ich hatte keinerlei Erfahrung», erzählt er. «Mein älterer Bruder hatte dagegen etwa fünf Jahre mit unserem Vater gearbeitet. Er hatte aber nicht gelernt, Glocken zu giessen. Ich habe viele Wochenenden damit verbracht, zu üben, und es dauerte sechs Monate, bis es mir gelang, eine Glocke herzustellen. Einige sind dabei auch aus Wut durch die Luft geflogen», fügt er hinzu und lässt ein schallendes Lachen hören.
Lange Zeit landete alles, was er herstellte, im Müll – vor allem die Treicheln. Bei den Glocken konnte er die Bronze hingegen einschmelzen und wiederverwenden. «Es war ein langer Prozess, der viel Geduld erforderte», erinnert er sich. «Und es hat mir gutgetan, denn Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Dieses Handwerk hat mich gezwungen, auch an mir selbst zu arbeiten.»
Heute ist Alexis ein erfahrener Handwerker geworden. Dennoch experimentiert er weiter, denn er ist stets auf der Suche nach Perfektion. «Ich habe noch nicht ausgelernt», sagt er. «Es gibt keine Abkürzungen zur Perfektion. Es braucht Jahre der Erfahrung.»
4000 Hammerschläge
Die Giesserei erzählt eine Geschichte von harter und anstrengender Arbeit. Um eine einzige Kuhglocke zu formen, sind etwa 4000 Hammerschläge nötig.
Das Stahlblech wird auf etwa 700 Grad Celsius erhitzt, dann mit der Zange herausgezogen und auf die konkave Matrize geschlagen. Wenn es nicht mehr formbar ist, kommt das Blech zurück ins Feuer. Dieser Vorgang wiederholt sich etwa zehnmal.
Das Schmieden ist nur einer der zahlreichen Bearbeitungsschritte. Es müssen Unebenheiten geglättet, die beiden Hälften zusammengelötet, Halterungen für den Klöppel und den Lederkragen angebracht werden. Hinzu kommen zahlreiche weitere Arbeitsschritte.
«Ich brauche etwa einen Tag, um eine Treichel herzustellen», sagt Alexis. «Keine gleicht der anderen, weil jedes Stück vollständig von Hand gefertigt wird.»
Es ist das Markenzeichen von Paul Morier aus Morges, einer renommierten Marke, die von Grossvater Marius übernommen wurde. Der Name steht für Qualität und Authentizität und wird von Züchterverbänden, Organisatoren grosser Volksfeste und Spielern grosser Treicheln geschätzt.
Ein Blick in die Giesserei Brügger:
Wenn die Treichel politisch wird
Einmal aus der Giesserei herausgekommen, kann die Glocke unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Ihr Klang kann bukolische Landschaften, Kühe auf der Weide und alpine Traditionen heraufbeschwören.
In den letzten Jahren hat sie jedoch eine andere Konnotation erhalten. Während der Pandemie haben die Umzüge der «Freiheitstrychler», welche die Demonstrationen gegen die Coronamassnahmen begleiteten, das Glockenläuten in eine Stimme des Protests verwandelt und einem Objekt aus der ländlichen Welt einen politischen Wert gegeben.
«Die Treichel ist weder konservativ noch progressiv», sagt Konrad KuhnExterner Link. Der Experte für Volkskultur und Ethnologe ist Dozent an der Universität Basel und ausserordentlicher Professor an der Universität Innsbruck in Österreich.
Kuhn erinnert daran, dass es vor allem der Kontext ist, der ihre Bedeutung bestimmt. «Es gibt einen grossen Unterschied, ob die Treichel gespielt wird, um die Fussballnationalmannschaft anzufeuern, oder bei einer Demonstration», sagt er.
Oder ob ihr Klang einen lokalen Brauch begleitet, wie beim «Ubersitz» im Haslital im Berner Oberland, wo Treichler zwischen Weihnachten und Neujahr die bösen Geister vertreiben, oder beim Chalandamarz im Engadin im Kanton Graubünden, mit dem der Winter verabschiedet wird. «In diesen Fällen haben die Umzüge nie eine politische Konnotation», so Kuhn.
Der Ethnologe weist darauf hin, dass die Landwirtschaft zwar einen Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung verloren hat, viele ihrer Objekte aber weiterhin einen starken identitätsstiftenden Wert haben.
«In der Schweiz versucht die Schweizerische Volkspartei, ihre Verbindung zum landwirtschaftlichen Umfeld zu stärken, indem sie dessen Symbole politisch instrumentalisiert», fährt Kuhn fort und erinnert daran, dass eine Tradition im Gegensatz zu einer Handelsmarke nicht geschützt ist.
«Anfang der Neunzigerjahre, während der Kampagne gegen den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum, marschierte Christoph Blocher an der Spitze von Gruppen mit grossen Treicheln», sagt Kuhn.
Mit einem Hauch von Ironie fügt er hinzu: «Es wäre interessant, einen Umzug von Trychlern an einem Kongress der Grünen Partei zu sehen. Das würde zeigen, dass der Klang keine politische Botschaft vermittelt.»
Traditionen gehören allen
«Traditionen entwickeln sich», bekräftigt Kuhn. «Der Klang einer Treichel ist über die Jahrhunderte gleichgeblieben. Was sich aber ändert, ist die Bedeutung, die wir mit diesem Läuten verbinden. Wichtig ist, diese Symbole nicht auf eine rein politische Lesart zu reduzieren.»
Genau das sei während der Pandemie geschehen, als eine kulturelle Praxis verwendet wurde, um eine ganz bestimmte Position zu unterstützen, so der Ethnologe.
Eine Aneignung, die Kuhn als problematisch betrachtet, da dadurch eine Grenze zwischen denen gezogen wird, die diese Botschaft teilen, und denen, die einfach einen Brauch fortsetzen wollen.
«Kulturelle Praktiken gehören allen und sollten offen und inklusiv bleiben», sagt Kuhn. «Wenn sie zu Instrumenten der Spaltung werden, ist das nicht nur ein politisches Problem. Wenn sie mit einer Protestbewegung in Verbindung gebracht wird, läuft eine Tradition Gefahr, an Interesse zu verlieren und mit der Zeit zu verschwinden.»
Der Kampfsport Schwingen, der sich in der Deutschschweiz grosser Beliebtheit erfreut, ging den umgekehrten Weg. «Früher war dieser Sport fast ausschliesslich jenen vorbehalten, die seit Generationen Schweizer Wurzeln hatten», sagt Kuhn.
«In den letzten Jahren hat er sich auch für andere Athleten mit Migrationsgeschichte geöffnet und an Attraktivität gewonnen.» Ein Prozess, von dem der Ethnologe hofft, dass er sich in der Welt der Treichler wiederholen kann, damit sie sich vom Etikett befreien können, das ihnen einige Gruppen angeheftet haben.
Politik hin oder her, die Treicheln bleiben beliebt
Im Moment erfreuen sich die Treicheln weiterhin grosser Beliebtheit. Alexis in der Giesserei Brügger in Villars-sur-Glâne hat alle Hände voll zu tun. Er ist glücklich darüber, trotz der Hitze, des Staubs, des Lärms und der langen Tage in der Werkstatt.
«Schon als Kind wusste ich, dass ich diesen Beruf ergreifen würde», sagt der junge Mann mit den kohlegeschwärzten Händen. «Ich will nicht von Berufung sprechen, aber sicher von einer grossen Leidenschaft, die mir mein Vater vermittelt hat.»
Es war aber ausgerechnet sein Vater, der ihm riet, eine andere Ausbildung zu machen, nämlich die des Plattenlegers. «Es gibt keine Gewissheiten, das Leben kann böse Streiche spielen», sagte er. Worte, die für Alexis nach dem plötzlichen Tod des Vaters eine besondere Bedeutung erhalten haben.
Vom 21. bis 23. August fand in Schüpfen im Seeland im Kanton Bern das Eidgenössische Scheller- und Trychler-TreffenExterner Link statt. Es wurden rund 3000 Trychlerinnen und Trychler aus 190 Vereinen aus allen Regionen der Schweiz erwartet.
Die Veranstaltung wurde 1979 zum ersten Mal organisiert und findet seither alle drei Jahre statt. Im Zentrum steht dabei nicht der Wettbewerb, sondern die Wertschätzung dieser Tradition.
Der Höhepunkt des Treffens ist der Umzug, an dem etwa 2000 Trychlerinnen und Trychler teilnehmen. Sie ziehen gleichzeitig spielend durchs Dorf.
Während er erzählt, beobachtet Alexis mit einem Auge das Blech, das er im Feuer gelassen hat. Sobald es die richtige Farbe erreicht hat, greift er es mit der Zange, legt es auf die konkave Matrize und beginnt erneut zu hämmern.
Man hat ihm beigebracht, dass der Klang der Treichel umso besser wird, je mehr Schläge das Blech abbekommt. Ob das wirklich so ist oder zu den Legenden des Handwerks gehört, weiss auch er nicht mit Sicherheit. Aber er macht weiter. Ein Schlag nach dem anderen. Und dieses Hämmern begleitet uns auch aus der Giesserei hinaus.
Editiert von Daniele Mariani, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch