Sans-papiers und "kleine Selbständige" in der Schweiz von Armut bedroht

Fast 8% der Bevölkerung lebten in der Schweiz bereits vor der Coronavirus-Krise in Armut, und mehr als eine Million Menschen hatten Mühe, über dem Existenzminimum zu bleiben. Die Pandemie bringt viele von ihnen in Existenznot.

Rund 2500 Menschen warteten am 2. Mai in Genf auf Lebensmittelkörbe. Keystone / Martial Trezzini

Die Bilder sorgten für weltweites Aufsehen. Sogar grosse internationale Medien wie der Guardian, die New York Times und Radio France Internationale RFI berichteten darüber: Hunderte von Menschen bildeten am vergangenen Samstag wie schon am Samstag zuvor eine Schlange von mehr als einem Kilometer, um in Genf – eine der reichsten und teuersten Städte der Welt – gratis Essenskörbe im Wert von zwanzig Franken zu erhalten.

Trotz seines Reichtums gibt es im Kanton Genf grosse sozioökonomische Unterschiede. Seit Beginn der Coronavirus-Krise hat sich die Zahl der Menschen vervierfacht, die Nahrungsmittel-Hilfe beantragen. Die Pandemie hat die Zerbrechlichkeit eines Teils der Bevölkerung offenbart, dem über Nacht ein Teil oder sogar alle Einkommensquellen verloren gingen.

Eine Umfrage der Nichtregierungsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" und des Universitätsspitals Genf (HUG) unter den Begünstigten dieser Nahrungsmittel-Verteilung hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Befragten keinen Rechtsstatus haben. Die Umfrage zeigt auch, dass mehr als ein Drittel der Anwesenden Sozialhilfe in Anspruch nehmen (Schweizer Bürger, Einwohner mit Aufenthaltsbewilligung oder Asylsuchende).

Viele dieser Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft verrichten häusliche Dienste wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit, sagte Professor François Chappuis, Arzt am HUG, gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS. Diese prekären Anstellungen wurden häufig mit dem Inkrafttreten der Corona-Massnahmen aufgelöst. Bei manchen Befragten handelt es sich um alleinerziehende Mütter. Einige Begünstigte haben die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Die Umfrage zeigt, wie fragil die Lebenssituation der Nahrungsmittel-Bezüger ist. Sechs von zehn Befragten sind trotz Krankenkassen-Obligatorium nicht gegen Unfall und Krankheit versichert. Bei Personen ohne Aufenthaltsbewilligung sind es sogar fast neun von zehn. Mehr als 10% der Befragten haben in den letzten zwei Monaten auf medizinische Versorgung verzichtet.

Verschärfung bereits vorhandener Schwachstellen

Schon vor Ausbruch der Coronavirus-Krise waren Armut und Unsicherheit für Hunderttausende von Menschen in der Schweiz Realität. Gemäss den in diesem Jahr vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichten Zahlen waren 2018 rund 660'000 Menschen (knapp 8% der Bevölkerung) von Armut betroffen und mehr als eine Million Menschen, also rund jeder siebte, von Armut bedroht.

Laut BFS leben in der Schweiz mehr als 130'000 sogenannte Working Poor, also Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit unter dem Existenzminimum leben. Mehr als jede fünfte Person verfügte zum Beispiel nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken bezahlen zu können.

Bereits gefährdete Personen wie Einelternfamilien, Langzeit-Arbeitslose oder Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, wie Migranten ohne Dokumente, stellen heute die Mehrheit der Menschen dar, die sich seit Beginn der Covid-19-Krise an Caritas Schweiz gewandt haben. In den letzten zwei Monaten hat die Hilfsorganisation für notleidende Menschen deutlich mehr Unterstützungsanfragen erhalten. In einigen Regionen haben sie sich verdoppelt oder sogar verdreifacht.

Starke Auswirkungen auf die Selbständigen

Aber die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie haben auch andere Bevölkerungsgruppen geschwächt, die sozial und wirtschaftlich stärker integriert sind. Lohnkürzungen im Zusammenhang mit Kurzarbeit, von der fast 2 Millionen Beschäftigte betroffen sind, "können zu prekären Situationen führen, wenn der Lohn bereits niedrig war", sagt Caritas-Sprecher Fabrice Boulé.

Verwundbar sind auch die "kleinen Selbständigerwerbenden", die infolge der Krise keine Einnahmen haben und über keine finanziellen Reserven verfügen. Einige von ihnen mussten bei der Caritas um Überbrückungshilfen bitten. Der Bund habe den Betroffenen zwar sofortige Hilfe versprochen, aber das Warten auf diese staatliche Unterstützung hätte ausgereicht, um sie in die Schuldenfalle zu stürzen, erklärt der Caritas-Sprecher.

Ein Drittel der 600'000 Selbständigerwerbenden in der Schweiz rechnet mit Existenzproblemen aufgrund der Coronakrise. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die im April vom Zentrum für Konjunkturforschung der ETH Zürich und der EPF Lausanne durchgeführt wurde.

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