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Nix los in Davos

Das Kongresszentrum Davos ist auch Hauptaustragungsort des WEF. Meinrad Schade

Ohne World Economic Forum (WEF) und ohne Spengler Cup: Davos steckt in einem besonders harten Pandemiewinter. Beim Ortstermin ist aber auch Aufbruchsstimmung spürbar.

Dieser Inhalt wurde am 16. Januar 2021 - 11:00 publiziert
Benjamin von Wyl (Text), Meinrad Schade (Fotos), Ester Unterfinger (Bildredaktion)

Aus den Boxen dringt Gute-Laune-Musik von Robbie Williams. "Glühwein 5 Franken", wirbt ein Schild.

Vom zugefrorenen Teich knallen die Schläger beim Eishockey. Es ist fröhlich am "Dorfseeli" von Davos am zweiten Januar-Wochenende. Ein Vierzehnjähriger, der sich gerade die Schlittschuhe schnürt, fühlt sich durch die Pandemie bloss in der Schule eingeschränkt.

Weil neu nicht nur in den Pausen, sondern auch zur Mitte jeder Lektion gelüftet wird, friere er am Fensterplatz. Morgens sind Temperaturen von minus 12 Grad Celsius keine Seltenheit in Davos, das auf fast 1600 Metern liegt.

Grosse Ehre für den Autor

Benjamin von Wyl, 1990 im Aargau geboren, ist freischaffender Journalist. Er schreibt für SWI swissinfo.ch, die Wochenzeitung WOZ und andere Medien.

Sein jüngster Roman "Hyäne"Externer Link, im September 2020 erschienen, wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Schweizer Literaturpreis 2021 ausgezeichnet.

Bereits mit seinem literarischen Debüt "Land ganz nah" von 2017 heimste er Lorbeeren ein – mit dem Anerkennungsbeitrag des Kantons Zürich. Von Wyl lebt in Basel.

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Hier am See kann man die Pandemie fast vergessen – auch, weil nicht alle auf dem Eis eine Maske tragen. Eigentlich gilt im ganzen Ortszentrum Maskenpflicht, an die ab und an Gemeindemitarbeitende freundlich erinnern.

Beides, die Pflicht und die Kontrollen, sind Ausnahmen in der Schweiz. Am kleinen Dorfsee erhitzt das manches Gemüt. Manche halten diese Massnahme und die Schliessung der Restaurants für überrissen. Alle hoffen, dass die Skipisten offen bleiben und man weiter Hockey spielen kann.

WEF als "Geldmaschine"

Die unbekümmerte Stimmung mag man diesen Davoserinnen und Davosern gönnen. Denn das höchstgelegene Städtchen Europas wird von der Pandemie harsch getroffen: Das WEF, das in anderen Jahren Davos dutzende Millionen Franken und die Aufmerksamkeit auch der internationalen Medien bringt, findet 2021 nicht hier statt.

Auch der traditionsreiche Spengler Cup, das älteste und bekannteste internationale Eishockey-Turnier für Klubmannschaften, ist Ende Dezember ausgefallen. Alleine für die fünf Tage des WEF errechnete das Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" 2014 über 31'000 Logiernächte in Hotels und Unterkünften.

swissinfo.ch fragte bei fünf Nobelhotels für Interviews an – alle sagten ab! Beim Hotel Intercontinental, wo sonst während dem WEF die US-Präsidenten logieren, hiess es, es sei zu unklar wie es weitergeht. Zwei Tage später gibt das Fünfsternhotel die Schliessung für mindestens einen Monat bekannt. Ob es dieses Frühjahr nochmals öffnet, bleibt unklar.

"Einige schliessen bis auf weiteres. Es ist schwierig", sagt der Eventmanager der Berghotel Schatzalp AG bei der Talstation. Immerhin: Nach Weihnachten war die Schlange vor der Seilbahn lang. Aber um die Abstände einzuhalten, brauche man zusätzliches Personal. Der Betrieb der Bahn sei teurer als sonst.

Wenigstens Frau Holle half

Zwar hatten die Bergbahnen der Region bis Silvester 10% mehr Gäste als im Schnitt der letzten fünf Jahre. Das lag am frühen Schnee. Nun aber erwartet die Lokalzeitung "einen Monat zum Vergessen". Das war noch bevor der Bundesrat die Schliessung aller Läden des "nicht-täglichen Bedarfs" und striktere Kontakt-Beschränkungen verfügt.

Die 6500 Plätze im Eisstadion, wo die Spiele des Spengler Cup ausgetragen werden, sind leer. Der HC Davos, Schweizer Rekordmeister im Eishockey, wird 2021 100 Jahre alt. "Wir werden feiern", sagt CEO Marc Gianola, "aber sicher mit Demut und nicht himmelhochjauchzend."

Die Demut rühre nicht von wirtschaftlichen Verlusten oder Spielen vor leeren Rängen her. Es gehe um Respekt vor jenen, denen während der Pandemie nicht zum Feiern zumute ist.

Marc Gianola ist CEO des HCD und OK-Präsident des Spengler Cups. Er musste das älteste und bekannteste Eishockey-Klubturnier der Welt, das traditionell Ende Dezember hätte stattfinden sollen, absagen. Meinrad Schade

Gianola brachte vor fast 30 Jahren die eigene Hockeykarriere zum HCD und in die Region. Aufgewachsen ist er bei St. Moritz. "Nach St. Moritz kommen noble Gäste zum Spazieren. Bei uns haben wir aktive Gäste, die Ski fahren."

Die Davoser Nobelhotels seien auf das WEF ausgerichtet. Es werde Jahre brauchen, um die Ausfälle von 2021 zu kompensieren. Unmittelbarer ist Gianola natürlich vom abgesagten Spengler Cup betroffen. Selbst mit Publikum sei die Hockeysaison des HCD defizitär. Nur der Spengler Cup lohne sich und ermögliche das Vereinsbudget von 29 Millionen Franken jährlich. Wichtig dafür seien zudem die Gönner, vornehmlich Zweitwohnungsbesitzer.

Auch alle Nachbarn im Quartier, in dem Gianola lebt, sind "Zweitheimische". Sie seien aber eben auch: Nachbarn. Nur gut 40% der Wohnungen sind immer bewohnt. Manche finanzieren sich hier auch Ferienwohnungen durch die lukrative Vermietung während dem WEF quer.

Sauberere Luft ohne WEF

Gianola ist optimistisch, dass der Weltwirtschaftsgipfel zurückkommt. Während dem WEF nehme er zwar bloss am Bundesratsapéro im Eisstadion teil – aber eingeschränkt fühle er sich nicht. Die Absperrungen, die grosse Militärpräsenz und der Verkehrskollaps stören Gianola nicht. Dann gehe er eben ein paar Tage zu Fuss zur Arbeit.

Eine Untersuchung während dem WEF 2018 zeigte, dass der Feinstaubgrenzwert in diesen Tagen jeweils regelmässig fast ums Doppelte übertroffen wird. "Mittlerweile kann Davos all die Limousinen ja kaum mehr schlucken", sagt Cäcilia Bardill, eine pensionierte Musiklehrerin, die seit über 50 Jahren in Davos lebt. Sie nennt zahlreiche Dinge, die man lernt, wenn man hier lebt. Etwa, dass man sich daran gewöhne, alle paar Jahre umzuziehen, weil saniert oder abgerissen wird.

Einige Male habe sie während dem WEF kritischen Aktivisten Obdach geboten, doch sie will den Kongress nicht "vollends verdammen".Bardill: "Den Grundgedanken von Klaus Schwab finde ich gut: Miteinander zu sprechen, für eine sozialere Wirtschaft." Vielleicht sei ihm der einst kleine Manager-Kongress irgendwann über den Kopf gewachsen?

Sonne im Wintergarten: Cäcilia Bardill in ihrer Wohnung. Meinrad Schade

In einem der ersten Jahre habe sie noch mit drei Flötenschülerinnen einen Nachmittag des offiziellen Programms für die Begleiterinnen der Teilnehmer gestaltet. "Heute undenkbar, dass eine Musikschule deren Ansprüchen genügen würde!" Als grosse Optimistin sei sie überzeugt, dass eine ausbleibende WEF-Ausgabe Davos nicht dem Untergang weiht. Als 2002 das WEF in New York stattfand, habe man es ja ebenfalls überstanden.

"Davos ist ein sehr offener Ort" - heisst es von allen Seiten. Der Ort ist schon viel länger international, als es den Weltwirtschaftsgipfel gibt. Fast die Hälfte der Menschen, die 1920 in Davos lebten, besassen keinen Schweizer Pass. Leider wurde Davos dann auch zur Hochburg der NSDAP, der Partei Hitlers, in der Schweiz.

Vom Luftkurort zur Sporthochburg

Einst war Davos ein Bauerndorf, das dann als Luftkurort florierte. Mit den Kurkliniken kamen um die Wende zum 20. Jahrhundert erste Forschungsinstitute. Der Sohn eines Kur-Pioniers gründete 1924 den Spengler Cup, der Davos definitiv auch zur Sport-Hochburg machte. Als Medikamente die Tuberkulose-Kur zunehmend hinfällig machten, entwickelte Davos ein neues Standbein als Kongress-Standort.

Anka Topp im Saal des neuen Kulturzentrums "Kulturplatz Davos". Meinrad Schade

"Wir sind momentan in einem Krisenmoment", sagt Anka Topp, eine Norddeutsche, die vor sechs Jahren als Geschäftsleiterin eines Klassikfestivals in die Bündner Berge kam. "Vielleicht muss sich Davos einmal mehr neu erfinden," sagt sie. Wenn es so komme, soll Kultur dabei eine grosse Rolle spielen.

Topp engagiert sich aber auch darüber hinaus unermüdlich für das lokale Kulturleben. Erstmals hat die Gemeinde eine Kulturstrategie verabschiedet. Teil davon ist das neue Kulturhaus, das "Kulturplatz Davos" heisst. "Bevor ihr öffnet, muss das ausgebessert sein", ruft der Bauleiter quer durch die Lobby des Kulturplatz. "Lass dir Zeit", entgegnet Topp lachend, "Die Behörden sorgen dafür, dass das noch nicht so bald sein ist." Noch im Dezember hoffte Topp, Präsidentin des Trägervereins, dass das Kulturhaus mit professioneller Leitung eine gebührende Eröffnungsfeier bekommt. Daraus wurde nichts.

Kultur-Baustelle

"Wir wissen nicht, wann man was in welcher Grössenordnung planen darf", sagt Topp, "Doch deswegen stecken wir nicht den Kopf in den Sand." Auch Topp ist optimistisch. Sobald es wieder möglich ist, würden die Menschen wieder Theater- und auch Kinovorstellungen besuchen. Das gemeinsame Erleben können "Netflix und Co" nicht ersetzen, sagt sie. Doch auch die Vielfalt an Bars und Restaurants präge das urbane Lebensgefühl in Davos. Topp hofft, dass so viele Lokale wie möglich die Krise überstehen werden.

Manche geschlossene Restaurants bieten nun Take-Away-Raclette oder -Pizza an. Einige berichten von einträglichen Geschäften, andere nehmen nur noch Bargeld, weil sie längst die Kreditkarten-Dienstleistungen aus Spargründen gestoppt haben. Fragt man in den Sportgeschäften, Haushaltswaren- und Buchläden an der "Promenade" im Zentrum, sagen alle, dass die Geschäfte Anfang Januar "besser als erwartet" gelaufen seien. Doch ab kommender Woche müssen sie wohl schliessen.

Darf weiter seine Kundschaft bedienen: Bruno Pereira in seinem Lebensmittelladen. Meinrad Schade

"Jänu, was will man machen?", sagt Bruno Pereira. Sein portugiesisches Lebensmittelgeschäft abseits der schicken "Promenade" darf offen bleiben. Er beklagt nicht Umsätze, sondern dass sein Pensum im Brotjob bei einem grossen Detailhändler reduziert wurde. Die neue Freizeit kann er nicht geniessen, weil das fehlende Einkommen schmerzt. "Andere Familien haben es viel schwieriger. Manche Mitarbeitende werden nach vielen Jahren entlassen, weil Hotels vorerst schliessen", sagt Pereira. Zu Spitzenzeiten würden sonst tausende Portugiesinnen und Portugiesen auf den Davoser Baustellen und in Hotels arbeiten. "Das Gute: Alle helfen und unterstützen einander. Das Gemeinschaftsgefühl ist in unserer Community hier wunderbar."

Schaufenster ohne Show

Die leeren Schaufenster an der "Promenade" seien kein Zeugnis von "Lädelisterben", vielmehr würden diese teilweise einzig während dem WEF genutzt, erklärt der neue Bürgermeister Philipp Wilhelm. "Einige machen einen Grossteil des Jahresgeschäfts in wenigen Tagen", sagt er und sieht das als ein Beispiel für die wirtschaftliche Abhängigkeit vom WEF, in die sich manche begeben hätten. Dies sei einem lebendigen Ort nicht zuträglich.

Führen in der Krise: Philipp Wilhelm, frisch gewählter SP-Landammann von Davos, in seinem Büro im Rathaus. Meinrad Schade

Wilhelm ist der erste Sozialdemokrat im Amt; seine Wahl markiert ein Umbruch. "Ich habe nicht einfach gegen das WEF in Davos, sondern während dem WEF für eine bessere Welt demonstriert", betont er. Wilhelm ist zuversichtlich, dass das WEF 2022 wieder in Davos stattfindet. "Für den gesamten Kongresstourismus und den internationalen Tourismus ist entscheidend, dass es der Schweiz gelingt, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen."

Er kennt sein Amt bisher nur im Krisenmodus. "Die Zahlen unten zu halten und betroffene Betriebe entschädigen", ist dabei sein Credo. Doch Davos werde gerade grundsätzlich daran erinnert, dass Erfolg nicht selbstverständlich sei. Man brauche neue Ideen im Tourismus.

Einen Weg sich als Destination weiterzuentwickeln, offenbart ausgerechnet Corona: Die Zweitwohnungsbesitzer im Homeoffice seien nun öfter da. "Also wieso setzen wir nicht auf Mietwohnungen und Coworking Spaces für Leute, die ein paar Tage oder Wochen bei uns in der Natur arbeiten wollen?"

Auch am "Dorfseeli" glaubt man an die Zukunft von Davos – allerdings in rabiateren Worten. "Angst habe ich keine", sagt ein junger Vater, "und mein Mitleid ist sehr begrenzt: Davos ist eine Gelddruckmaschine!" Es habe viele gute Jahre gegeben und werde wieder gute geben.

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