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Schweizer Diplomatie Am Anfang ging es nur um Geld und Waren

Einzug der Schweizer Mission in Tokio (damals Yedo) am 28. Mai 1863 an Bord der holländischen Korvette «Medusa»

Ankunft der Schweizer Mission in Tokio (damals Yedo) am 28. Mai 1863 an Bord der holländischen Corvette "Méduse". Nach langen Verhandlungen unterzeichneten die Schweiz und Japan am 6. Februar 1864 in der holländischen Botschaft in Tokio ein Abkommen. Dieses gab Schweizern unter anderem das Recht auf Niederlassung und Handel in den offenen Hafenstädten.

(Schweizerisches Bundesarchiv)

Als erste Vereinigung ihrer Art hat die Geografische Gesellschaft Genf bei der Gründung des Freistaats Kongo von Leopold II. eine Rolle gespielt. Diese privaten Gesellschaften kamen in der Schweiz bis Ende des 19. Jahrhunderts auf. Sie waren die Schaltstellen für die bereits sehr international ausgerichtete Schweizer Wirtschaft, während der Bundesstaat noch sehr schwach war.

Es war im Rahmen der Geografischen Gesellschaft Genf (Société Genevoise de Géographie, S.G.G., zu deren Gründungsmitgliedern auch IKRK-Gründer Henri Dunant gehörte), dass Gustave Moynier sich für die Schaffung des so genannten Freistaats Kongo engagierte, eines Territoriums, das damals dem belgischen König Leopold gehörte. Der Historiker Fabio Rossinelli von der Universität Lausanne befasst sich mit diesem Thema.

Philanthropie und Kolonialherrschaft Schweizer im Dienst von Leopold II. – Spurensuche im Kongo-Freistaat

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts engagierten sich immer mehr Schweizer im Dienst des Kongo-Freistaates, dem alleinigen Eigentum von König Leopold II.

"Die S.G.G., zu der vor allem die Genfer Elite gehörte, suchte stets neue Möglichkeiten für Geldanlagen. Die Präsenz der Genfer Hochfinanz in der Vereinigung – die Familien Hentsch, Pictet, Odier, Lombard, Prévost – ist übrigens bezeichnend (...). Über die Aktivitäten ihrer Banken, der S.G.G. sowie weiterer öffentlicher und privater Akteure trug die Schweiz in bedeutendem Mass zur Schaffung – und Aufrechterhaltung – des zentralafrikanischen Imperiums von Leopold II. bei", schreibt der Historiker in seinem Buch "La Société de géographie de Genève et l’impérialisme suisse" (Die Geografische Gesellschaft Genf und der Schweizer Imperialismus), das 2013 veröffentlicht wurde.

In einer Studie, die kommenden November erscheint, verfolgte er das Thema weiter. Er befasste sich darin vor allem mit der Zusammenarbeit der Geografischen Gesellschaften der Schweiz mit dem Kolonialregime von Leopold II. im Kongo.

Dieses Engagement für einen Kolonialstaat mag zwar einzigartig sein. Es bringt aber ein zentrales Merkmal der Geografischen Gesellschaften in der Schweiz zum Ausdruck, die in den industriellen Zentren des 19. Jahrhunderts florierten; nach der Gründung der Genfer Gesellschaft folgten Bern 1873, St. Gallen 1878, Aarau 1884, Neuenburg 1885 und Zürich 1897. "Unsere Geografischen Gesellschaften müssen vor allem darauf hinarbeiten, den Schweizer Handel zu stimulieren", erklärte der Pädagoge, S.G.G.-Mitglied und spätere Genfer Regierungsrat William Rosier am nationalen Kongress der Geografischen Gesellschaften der Schweiz 1882.

In der Tat waren Geografie und Ethnologie damals eingebettet in die Expansion der europäischen Kolonialmächte und deren wirtschaftliche Interessen. Ein Ziel, das von der Schweiz geteilt wurde. Sie besass selber zwar keine Kolonien, war aber wirtschaftlich betrachtet sehr dynamisch.

Eine Kolonialschweiz ohne Kolonie

"Ab Beginn des 18. Jahrhunderts standen die Schweizer Wirtschaftskreise, die von ihren Beziehungen zum protestantischen Europa profitierten, an der Spitze eines mächtigen Handelsnetzes, das auf Regionen in Übersee ausgerichtet war", schreiben die Historiker Thomas David und Bouda Etemad in einem Beitrag unter dem Titel "L’expansion économique de la Suisse en outre-mer" (Die wirtschaftliche Expansion der Schweiz in Übersee).

Konsuln beschäftigt mit Schicksal der Schweizer Emigranten

Um Arbeitslosigkeit und Armut zu entkommen, auf der Suche nach einem besseren Leben, wanderten im 19. Jahrhundert zahlreiche Menschen aus der Schweiz aus. Auswanderungen, die sehr oft von Hindernissen oder Tragödien begleitet waren, welche die Schweizer Konsulate versuchten, aus dem Weg zu räumen.

Ein Beispiel dafür findet sich in einem Briefexterner Link vom 14. April 1855 von Théophil Brenner, dem damaligen Schweizer Konsul in Marseille: "Nachdem ich die Vertretung des Schweizer Konsulats akzeptiert habe, ist es nur natürlich, dass ich, da ich nicht persönlich dort residieren kann, dort unten einen Kanzleileiter habe, für den ich verantwortlich bin und den ich mit meinem Geld bezahle. Solange ich Titularkonsul bin, werde ich nicht rund fünfzig Schweizer vor Hunger sterben lassen, wie das unter Leitung von Herrn Holzhalb geschehen ist; ein solches Ereignis fällt zuerst auf den Konsul zurück und dann auf den hohen Bundesrat. Glücklicherweise konnte diese Affäre mit der Zeit unterdrückt werden."

In den 1880er-Jahren arbeiteten die Geografischen Gesellschaften der Schweiz mit den Bundesbehörden zusammen, um das konsularische System der Schweiz zu reformieren und 1888 auch ein Bundesbüro für Migration zu schaffen.

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Sie verweisen vor allem auf die Arbeiten der Historikerin Béatrice Veyrassat: "Gegen 1845 machten die Absätze der Schweiz in Europa wertmässig nur noch einen Drittel (36%) ihrer weltweiten Exporte aus, zwei Drittel gingen nach Nord- und Südamerika (44-48%) und in den Orient (12-16% davon in die Levante (Naher Osten, N.d.R.) und vielleicht 4% nach Asien."

Das ist frappant, wenn man diese erste Phase der Globalisierung betrachtet, die mit der industriellen und politischen Revolution in Europa im 19. Jahrhundert verbunden war. Die wirtschaftlichen, akademischen und politischen Eliten der Schweiz navigierten mit viel Talent durch diese oft stürmischen Wellentäler einer von grossen Umwälzungen geprägten Epoche.

Man denke etwa an die Auseinandersetzungen zwischen Imperien, die mit zunehmendem Nationalismus konfrontiert waren. Oder an ihre Handelskonkurrenten, die damit verbundenen wirtschaftlichen Krisen, die protektionistischen Antworten oder die technischen Neuerungen, denen verschiedene Sektoren der bisherigen Wirtschaft zum Opfer fielen. So zeichnete sich in gewissem Sinne auch schon das Internet ab: Durch die Nutzung der Elektrizität konnten wirtschaftliche und politische Informationen mit Hilfe des Telegrafen schon damals praktisch in Echtzeit zirkulieren.

Die Geografischen Gesellschaften der Schweiz waren privilegierte und diskrete Orte. Hier wurde diese bewegte Aktualität kommentiert und über die vorhandenen Optionen gesprochen, mit denen man sich an die neuen Umstände anpassen konnte. Industrielle, Handelsleute, Politiker, Financiers und Akademiker trafen sich in diesem Rahmen – aber auch an Bedeutung verlierende Aristokraten und triumphierende Angehörige der Bourgeoisie einer Schweiz, die 1848, aufbauend auf den Resten des Ancien Régimes, zum ersten neuen Staat wurde, der aus dem Frühling der europäischen Völker hervorging.

Und es war auch in diesen Kreisen, wo die Rolle des jungen Bundesstaats bei der Verteidigung der wirtschaftlichen Interessen der Schweizer erörtert wurde.

Auf Geschäfte ausgerichtete Konsulate

Dies belegt auch ein auf Antrag der Bundesbehörden von 1884 erstellter Beitrag der S.G.G., den der Historiker Fabio Rossinelli zitiert. Das S.G.G.-Mitglied Frank Lombard, ein Banker, schreibt: "Auch wenn einige ihrer Räte (Parlamentarier, N.d.R.) die Schweiz zum Erwerb von neuen Territorien zur Kolonisierung drängen, darf sie sich nicht darin verwickeln lassen. Und wenn die bedeutenden Nationen auch die Manie haben, ihre Flaggen an entfernten Stränden aufzuziehen und die neuen Länder mit Gesandtschaften zu bevölkern, ist das kein Luxus, den die Schweiz sich erlauben sollte oder könnte. Sie muss stattdessen ihre Aufmerksamkeit auf die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen in den fremden Ländern richten."

In der Tat fussten der Bundesstaat und seine Verwaltung 1848 auf einer sehr kleinen Basis. "Die Bundesregierung beruht auf einem kleinen Überbau von 52 Beamten und einem Budget von 5 Millionen Franken", schreibt der Historiker François Walter in "La création de la Suisse moderne" (Die Schaffung der modernen Schweiz) aus dem Jahr 2010.

Schweizer Auslandkolonien im Chaos der 1930er-Jahre

Die Krise der 1930er-Jahre trifft auch Schweizer und Schweizerinnen im Ausland, wie aus einem Protokollexterner Link des Bundesrats von 1938 hervorgeht. 

"Aufgrund von Abreisen, von Einbürgerungen, die oft unter Druck der Ereignisse oder der Behörden erfolgen, oder wegen Vorgaben, welche die Ankunft neuer Auswanderer behindern, wachsen die Schweizer Kolonien im Ausland kaum mehr und können ihre Rolle als Pioniere und Vorposten unserer eigenen Wirtschaft nicht mehr länger in gleichem Masse ausüben wie in der Vergangenheit."

Eine Sorge in Bezug auf die Schweizer Kolonienexterner Link, die auf Dauer ausgerichtet war.

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Eine Tatsache, die Béatrice Veyrassat auf die Dynamik zurückführt, die nach der "Grossen Depression" aufkam, unter der Europa Anfang des 19. Jahrhunderts gelitten hatte. "Diese Depression war der Katalysator einer sozialen Mobilisierung und der kollektiven Suche nach Lösungen, um die negativen Auswirkungen des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu überwinden. Für die Handelskreise in der Schweiz ging es darum, Wege zu finden, um sich in das erschütterte System des internationalen Handels zu integrieren (...). Das Instrument zur Förderung dieser Bestrebungen war eine schnell eingeführte konsularische Gesetzgebung und die beschleunigte Öffnung von Handelsvertretungen im Ausland."

Wurde die Diplomatie also damals den Privaten überlassen, den Aristokraten oder Industriellenfamilien, die über wichtige internationale Netzwerke verfügten? Madeleine Herren-Oeschexterner Link, Direktorin des Europainstituts der Universität Basel und Leiterin des Forschungsprojekts swiss-diplo.chexterner Link, sagt es so: "Bevor US-Präsident Thomas Woodrow Wilson nach dem Ersten Weltkrieg das Konzept der öffentlichen Diplomatie lancierte, war die Diplomatie ein aristokratisches Instrument, das den Grossmächten vorbehalten war. Dies war der Grund, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert der Ansicht war, die Diplomatie passe nicht zu einer Republik ohne Aristokratie. Gleichzeitig war sich das Parlament sehr wohl bewusst, dass es zum Schutz des Handels konsularische Vertreter brauchte. Diese Konsuln arbeiteten damals tatsächlich als Angestellte der Handelshäuser. Dies dürfte auch die späte Professionalisierung des diplomatischen Dienstes der Schweiz erklären, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte."



(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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