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Schweizer Sänger Dagobert "Von meinem Gefühl her bin ich ein alter Mann"

Ausschnitt aus Dagoberts Musikvideo

Hat ein schwieriges Verhältnis zu seiner Muttersprache Schweizerdeutsch: Sänger Dagobert.

(Youtube: DAGOBERT)

In den vergangenen Jahren war es eher ruhig um Dagobert, den selbsternannten "Schweizer Sänger aus den Bergen". Nun nimmt der in Berlin lebende Künstler einen neuen Anlauf. Sein drittes Album ist fast fertig. "Die Schlagersounds sind raus", sagt er.

Vier Jahre ist es her, dass der schlaksige Aargauer mit seinem ersten Album "Dagobert" in Deutschland als überraschende Neuentdeckung gefeiert wurde. "Diese seltsame Schweizer Mischung aus Dandy, armem Poeten und Hans im Glück" faszinierte damals nicht nur die ZEIT.

Wieder und wieder musste Dagobert externer Linkerzählen, wie er 2010 mit einer Festplatte voller tiefgründiger Lieder aus den Bündner Bergen nach Berlin gekommen war, um hier sein Glück zu versuchen. Journalisten und Fans liebten seine ungewöhnliche Geschichte, seine coole Kleidung und die so schwer zu fassenden poetischen Songs. Auch sein zweites Album fand 2015 viel Beachtung. "Feuilleton-Hype" nennt er die Reaktionen rückblickend selber. Aber: "Mehr Platten habe ich deshalb nicht verkauft."

"Jugend stand mir noch nie. Von meinem Gefühl her bin ich ein alter Mann."

Ende des Zitats

Neues Album, neuer Sound

Jetzt ist Zeit für etwas Neues. Demnächst soll Dagoberts drittes Album erscheinen und möglichst erfolgreicher werden als seine Vorgänger. Das Punk-Label Buback war nicht mehr der richtige Partner dafür . "Wir haben nicht die Leute erreicht, die wir erreichen könnten", so Dagobert. Also: Ein neues Label, ein neuer Manager, ein "ganz neuer" Sound.

Wesentlich elektronischer sei die Musik, die Texte ernster. Es hat gedauert, bis der Musiker mit dem Ergebnis zufrieden war. Elf Songs hatte er im vergangenen Jahr bereits aufgenommen, sieben davon anschliessend wieder verworfen und neu eingespielt. "Ich will, dass es absolut perfekt wird." Nun ist er zufrieden und das Album fast fertig. Das Erscheinungsdatum steht noch nicht fest.

Passt in keine Schublade

Nach wie vor sei der Stil seiner Musik schwer zu definieren, sagt Dagobert. Doch sie sei eingängiger und poppiger als früher, leichter einzuordnen. "Ein sehr intimes Album" kündigt der Sänger an. Während er auf dem ersten noch unerfüllte Sehnsüchte besang, stecken in den neuen Liedern reale Beziehungserfahrungen aus seinen sieben Jahren in Berlin, erzählt er beim Gespräch in einem Café in Berlin Mitte.

Fünf Jahre Einsamkeit im Bergdorf

Dagobert wird 1982 geboren, heisst eigentlich Lukas Jäger und wächst gemeinsam mit drei älteren Brüdern und einer älteren Schwester im Kanton Aargau auf. Seine Kindheit und Jugend habe er als schrecklich empfunden, sagt er. Er sei damals richtig depressiv geworden. Nach seinem Abitur verbringt Dagobert zwei Jahre im Probenkeller seiner Band und dann mit einem Stipendium eines Schweizer Kulturpreises ein halbes Jahr in Berlin. Weil er im leerstehenden Haus des verstorbenen Grossvaters seines Schwagers umsonst wohnen kann, zieht er mit 22 Jahren in das kleine Bündner Dorf Pigniu. Dort bleibt er fünf Jahre und schreibt 100 Lieder. 2010 kommt Dagobert nach Berlin und lebt dort zunächst jahrelang hinter einem Cafe im Prenzlauer Berg. Sein erstes Album "Dagobert" macht ihn 2013 als "Überraschung des Frühjahrs" bekannt und etablierte seinen Ruf als interessanter Sonderling der Indie-Musikszene.

(Petra Krimphove)

Dagobert hat dazu seine 14-jährige Nichte mitgebracht, die ihn während der Ferien besucht. Die beiden reden Schweizerdeutsch miteinander, aber eigentlich, so gesteht er, sei sein Verhältnis zur Muttersprache nicht sehr innig. Er habe sie nie richtig wertschätzen können. "Auf Schweizerdeutsch könnte ich keiner Frau eine Liebeserklärung machen", sagt er. "Das geht nicht."

In die Schweiz zieht es ihn in erster Linie, um seine Familie zu sehen oder Konzerte zu geben. "Die sind dann häufig richtig abgefahren." Die Stimmung sei besser als in Deutschland. Warum? Die Schweizer würden wohl denken, er sei in Deutschland berühmt, sagt Dagobert und lächelt.  

Hank Williams als Vorbild

Man muss schon genau hinhören, um aus dem weichen leicht schnarrenden Gesang, der aus der Tiefe des Rachens zu kommen scheint, seine eidgenössischen Wurzeln herauszuhören. Dagobert widersetzt sich allen Schubladen, zieht Menschen mit den unterschiedlichsten Musikvorlieben an. Auf seinen Konzerten singen Punks neben Schlagerfans friedlich vereint seine Texte.

Er selbst nennt als Vorbild zuallererst die Country-Legende Hank Williams. "Den höre ich jeden Tag" sagt er und schwärmt von Williams' Art, "lange Töne weinend abklingen zu lassen"externer Link. Also hat er es kopiert. Aber genauso liebt er Trash Metalexterner Link und Chris Isaakexterner Link. "Mir ist die Musikrichtung egal, solange ich die Musiker spannend und sympathisch finde."

Nur keine Fremdbestimmung

Dass sich Dagoberts Musik und seine Person so schwer greifen lassen, macht einen Teil seiner Faszination aus. Meint er es ernst, wenn er mit unbewegter Miene im schwarzen Frack von seinen Sehnsüchten singt? "So sehr ich es auch nicht mag, ich kann nicht aufhören, es zu hören", kommentiert eine Hörerin sein Youtube-Video. Vielleicht liegt es daran, dass Dagoberts Texte genauso simpel, verwirrend und widersprüchlich sind wie Gefühle eben auch.

Er meint es ernst. Absolut, bekräftigt Dagobert. Seine Musik ist sein Lebensinhalt. "Ich will nichts anderes machen." Um schreiben und komponieren zu können, verzichtet er auf ein festes Einkommen, kommt bei Freunden unter und lebt spartanisch. Sein Erfolg hat ihn nicht reich gemacht. Der Metzgersohn aus dem Aargau lebt seit drei Jahren vegan und stellt keine hohen Ansprüche.

"Zuletzt habe ich sechs Wochen lang Haferschleim gegessen", sagt er und wirkt dabei durchaus zufrieden. Keinen Tag im Leben hat er für Geld gearbeitet, betont er mit ein wenig Stolz. Und doch fand er immer einen Weg, sein Leben zu leben ohne von anderen abhängig zu sein. Nur keine Fremdbestimmung. "Ich weigere mich Dinge zu tun, die ich nicht mag." Man mag das in seiner Absolutheit skurril oder weltfremd finden oder auch bestechend konsequent und authentisch.

Youtube Video Dagobert

Musikvideo zu Dagoberts "Zehn Jahre".

Auf seinen ersten beiden Alben hatte Dagoberts Musik einen Schlager-Sound: Musikvideo zu "Zehn Jahre".

Eine neue Identität

Er sei "unabhängig und frei", betont Dagobert. Seine Erfahrungen, auch in den Bergen, haben ihn gelassen gemacht. Älter zu werden kommt ihm gerade recht.

"Jugend stand mir noch nie. Von meinem Gefühl her bin ich ein alter Mann." Jedem Künstler seien zehn wirklich gute Jahre gegeben. Er ist überzeugt, dass seine noch vor ihm liegen. Und dann fügt er einen typisch poetischen Dagobert-Satz an, der aus einem Lied stammen könnte. "Ich wachse in mich hinein."

Dazu gehört auch, dass er den "Schnulzensänger aus der Bergen" endgültig ablegen will. "Ich sehe mich viel eher als klassischer Singer-Songwriter." Dagobert nimmt nicht nur seine Musik sehr ernst, er möchte auch ernst genommen werden. Und falls es seine Zeit brauche, bis er eine neue Künstleridentität findet, dann sei das eben so.

Derweil hat er in Berlin eine vorläufige Heimat gefunden. Für den Moment läuft es hier gut für ihn, sein Leben sei richtig spannend und voller interessanter Begegnungen. Nach der Berghütten-Einsamkeit war es Zeit, wieder unter Menschen zu sein. "Aber alles, was ich erlebe, ist eine Phase", sagt Dagobert. Zukunftspläne sind nicht sein Ding. "Man muss einfach offen sein, dann passieren Dinge von allein."

Dagobert - Ich bin zu jung

Musikvideo zu Dagoberts: "Ich bin zu junng"

Dagoberts bisher erfolgreichster Song "Ich bin zu jung"

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(swissinfo.ch)

 

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