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Botox – nicht immer eine Frage der Schönheit

Die Injektion von Botox kann Krämpfe und Spasmen verhindern. Keystone

Wenn Muskeln sich unkontrolliert bewegen und nicht auf die Befehle des Gehirns hören, kann das Leben zur Hölle werden. Lokale Injektionen von Botulinumtoxin (Botox) können Erleichterung bringen.

Aus Anlass der europäischen Dystonie-Woche hat swissinfo die Abteilung für Neurologie des Universitätsspitals Bern besucht. Hier wird Botox verwendet, um Bewegungsstörungen zu behandeln.

«Einen Augenblick, bitte!» Anna K. hält ihre rechte Hand mit der Linken fest. «Ich will vermeiden, dass sich die Hand im falschen Moment bewegt.» Jetzt ist sie bereit für die Injektion von Botox, einem Giftstoff, den sie lange vermieden hat. «Doch jetzt habe ich bemerkt, dass ich nur dank Botox meine rechte Hand einigermassen kontrollieren kann», sagt Anna.

Botulinumtoxin – bekannt unter dem Namen Botox – hilft Anna, die Muskelkrämpfe in der rechten Hand zu bekämpfen. Sie ist seit ihrem 25. Lebensjahr von dieser Form von Dystonie betroffen. «Ich musste dann lernen, die linke Hand zu benutzen.»

Inzwischen, 20 Jahre später, hat sie dank Botox wieder begonnen, mit der rechten Hand zu schreiben. «Doch Lippenstift und Wimperntusche trage ich immer noch mit der Linken auf – da fühle ich mich sicherer», erzählt Anna.

Die Wirkung des Mittels setzt erst in einigen Tagen ein, wenn es die äussersten Nervenenden erreicht hat. Dort verhindert es die Weitergabe von Impulsen, welche für die übermässige Bewegung in der Hand verantwortlich sind.

Der Effekt hält rund drei Monate an. Danach muss Anna wieder ins Spital, um die Anwendung zu wiederholen. «Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, aber so kann ich das Leiden wenigstens in Grenzen halten. Jahrelang dachte ich, dass mein Kopf nicht richtig tickt. Ich habe alles versucht, von der Psychotherapie bis zum Yoga. Doch nun weiss ich, dass Dystonie nicht von der Psyche abhängt.»

Eine verkannte Krankheit

Das Problem der Dystonie und ihrer verschiedenen Ausprägungen wird meist noch verkannt. «Man weiss einfach zu wenig darüber», sagt der Neurologe Alain Kaelin, Leiter des Zentrums für Bewegungsstörungen am Universitätsspital Bern. «Alle haben eine Vorstellung von Parkinson, aber bei Dystonie herrscht absolute Leere. Dabei ist Dystonie nach Parkinson und Tremor die am meisten verbreitete Bewegungsstörung.»

Das Unwissen betrifft nicht nur die breite Bevölkerung, sondern auch Ärzte. «Das liegt auch daran, dass wenig über die Krankheit bekannt war. Dank neuer genetischer Methoden haben wir jetzt neue Hoffnung für die Ursachenforschung geschöpft», sagt Kaelin.

Der Neurologe ist häufig mit den Folgen dieser Situation konfrontiert. Patienten mit unkontrolliertem Augenzwinkern – Blepharospasmus – gehen in der Regel zum Augenarzt, der nichts Aussergewöhnliches feststellt. «Schnell hält man die Dystonie dann für eine psychische Krankheit, dabei hat sie neurologische Ursachen im Nervensystem», weiss Kaelin. Oft dauert es Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt ist.

Aus diesem Grund wird die Europäische Dystonie-Woche durchgeführt. Für einmal steht eine Krankheit im Rampenlicht, die das Leben der Betroffenen tief greifend verändert, aber durch die Injektion von Botox auch recht wirksam therapiert werden kann.

Ein heilsames Gift

Botulinumtoxin (BTX) ist schon seit Jahren bekannt. Es ist ein Giftstoff, der aufs Nervensystem einwirkt, tödliche Folgen haben kann und zur Gruppe der bakteriologischen Kampfstoffe gehört. In den letzten Jahren ist Botox als Wundermittel gegen Falten bekannt geworden, mit dem sich VIPs aus dem Show-Business, aber auch ganz normale Leute verjüngen.

Diese Entwicklung macht den Neurologen zu schaffen. «Botox wird heute mit einem Kosmetikum verwechselt. Der therapeutische Effekt steht immer stärker im Schatten. Dies zeigt sich daran, dass Versicherer häufig bei uns nachfragen, bevor sie eine Therapie bezahlen», erzählt Kaelin.

Der Neurologe weist darauf hin, dass Botox nicht bei allen Patienten mit Bewegungsstörungen den gewünschten Erfolg bringt. «Doch wenn es anschlägt, ist es ein hervorragendes und günstiges therapeutisches Mittel», betont er. Theoretisch seien zwar allergische Reaktionen möglich, doch in der Praxis träten sie eher selten auf.

Botox kann Dystonie nicht heilen, aber doch deren Folgen mindern. Solange Wissenschafter noch keine wirksame Methode zur Bekämpfung der Krankheit gefunden haben, stellt dieses Medikament immer noch die beste Antwort für das Leiden vieler Personen dar.

swissinfo, Doris Lucini, Bern
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Dystonie: unkontrollierte und häufig schmerzhafte Bewegungs- und Muskelstörungen, die sich in unwillkürlichen Verkrampfungen, Spasmen und erhöhter Muskeltätigkeit äussern.

Die Krankheit ist auf Fehlfunktionen im Nervensystem zurückzuführen.

Dystonie kann einzelne Muskeln treffen, aber auch mehrere Körperteile.

Typische Erscheinungsweisen dieser Krankheit sind Blepharospasmus, auch Lidkrampf oder Blinzeltick genannt (unkontrollierbares Blinzeln), oder Fehlhaltungen des Kopfes (Torticollis).

Die genauen Ursachen der Dystonie sind unbekannt. Man geht davon aus, dass es sich um eine organische Krankheit handelt, deren Ursprung im Gehirn (nicht in der Psyche) eines Menschen liegt.

Doch im Gehirn von erkrankten Personen konnte man bisher keine Abweichungen feststellen. Neurologen nehmen an, dass es sich um eine Veranlagung handelt. Doch wann und warum die jeweilige Veranlagung in eine Dystonie umschlägt, ist nicht klar.

In der Schweiz leiden rund 7000 Personen an Dystonie.

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