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Durchbruch bei Steinschlag-Schutznetz-Anlagen

Nach dem erfolgreichen Versuch des Schutznetzes dürfte die Zertifizierung nur noch Formsache sein. Keystone

Weltrekord: Mit einem 16 Tonnen schweren Betonblock wurde in einer speziellen Steinschlag-Schutznetz-Prüfanlage ein neuartiges Netz erfolgreich getestet.

Dies ist ein Quantensprung, hielten doch bisher die stärksten Netze lediglich Felsbrocken von maximal 10 Tonnen Gewicht stand.

Die Prüfung des neu entwickelten Schutznetzes war spektakulär. Aus 32 Metern Höhe wurde von einem Kran aus ein Stahlbetonwürfel mit einer Kantenlänge von 1,9 Metern auf das zu prüfende Stahlnetz fallen gelassen.

Dort traf der Block mit einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde auf. Das Netz hielt diesen Kräften stand.

Wie Versuchleiter Werner Gerber von der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL (Wald, Schnee, Landschaft) sagte, wurde in der Versuchsanlage im st. gallischen Walenstadt dabei innert Sekundenbruchteilen eine Energie von 5000 Kilojoule abgebaut. Bisher seien 3000 Kilojoule das Maximum gewesen, die mit Stahlnetzen aufgefangen werden konnten.

Gurtnellen – eine Nummer zu gross

Werner Gerber erklärte gegenüber swissinfo, dass aber auch dieses Netz dem Steinschlag, der am 31. Mai dieses Jahres die Gotthardautobahn bei Gurtnellen verschüttete, nicht stand gehalten hätte.

«Die Brocken, welche die Autobahn trafen und zwei deutsche Touristen das Leben kosteten, wogen bis 100 Tonnen – über 16 Mal mehr als unser Versuchsgewicht.»

Aber hätten Netze diese Monsterblöcke nicht wenigstens ein bisschen gebremst? «Kaum,» antwortete Gerber, «diese riesigen Blöcke hätten die Netze einfach überrollt und damit flach gelegt.»

Deshalb bleibe bei einer Gefährdung mit so grossen Felsblöcken nichts anderes, als die im Fall Gurtnellen bereits projektierten Schutzdämme zu verwirklichen.

Zertifizierung vorgeschrieben

Der Test war der letzte Teil eines aufwendigen Typenprüfverfahrens, um das offizielle Zertifikat des Bundesamts für Umwelt (BAFU) zu erhalten. «Er hat wie geplant funktioniert», so Experte Gerber. Für Steinschlagverbauungen, für die Bundesbeiträge beansprucht werden, dürfen nur offiziell zugelassene Schutzsysteme verwendet werden.

Wie Gerber erklärte, stehen die Aussichten gut, dass das Weltrekord-Schutznetz die Bundeszulassung erhält. Bis das Zertifikat ausgestellt wird, müssen die Messdaten noch im Detail geprüft werden. Die Prüfung erfolgt nach einer Richtlinie des Bundes, die als weltweit erste im Jahr 2001 geschaffen worden war.

Das Hochleistungsschutznetz besteht aus flexiblen Stahlringen und zeichnet sich dadurch aus, dass es selbst unter grossen Belastungen intakt bleibt. Nur die patentierten Bremsringe und Zugseile, die sich verformen, müssen nach einem Steinschlag ersetzt werden.

Umfangreiche Messungen

Bei der Typenprüfung von Schutznetzen werden die auftretenden Kräfte und Verformungen an zahlreichen Stellen gemessen. Pro Sekunde werden 2000 Daten gesammelt und mit einer Kamera 250 Bilder aufgenommen. Auf die Ankerseile wirken Kräfte bis 30 Tonnen. Bei der Prüfung verformte sich das Netz um 8 Meter, 15 sind zugelassen.

Die gewonnenen Daten werden mit einem von der WSL und der ETH Zürich entwickelten Computerprogramm ausgewertet. So kann das Verhalten von Schutznetzen bei Steinschlag simuliert und können Kosten gespart werden. Steinschlag-Schutzsysteme werden im Gebirge zum Schutz von Menschen und entlang von Verkehrswegen eingesetzt.

Weltweites Interesse

Die Schweizer Entwicklung stösst international auf grosses Interesse. Dies zeigt sich auch daran, dass am Versuch 300 Fachleute aus der ganzen Welt anwesend waren.

«Japan ist sehr an diesem Projekt interessiert», erklärt Werner Gerber. «Offenbar sind die Verhältnisse dort in Bezug auf Infrastruktur und Berge mit den schweizerischen ähnlich.»

swissinfo und Agenturen

Die Anlage zur Prüfung von Steinschlag-Schutznetzen in Walenstadt ist seit Mai 2001 in Betrieb. Daneben dient sie auch für Forschung und Entwicklung von Steinschlag-Schutzsystemen.

Die Anlage in einem ausgedienten Steinbruch ist weltweit die grösste. Hauptsächlich werden staatlich anerkannte Typenprüfungen von Steinschlag-Schutznetzen durchgeführt. Zudem betreibt die Forschungsanstalt WSL dort ihre Steinschlagforschungen. Die Industrie benützt sie für Versuche an neu entwickelten Produkten.

Die Anlage ermöglicht es, Erkenntnisse über Verformungsverhalten, Energieaufnahmefähigkeit und Qualität der Schutznetze zu gewinnen. Die Messungen gestatten auch Aussagen über die Bemessung von Verankerungen, Seilen und Fundamenten von Schutzverbauungen sowie deren Unterhaltsaufwand, Reparaturfreundlichkeit und Lebensdauer.

Realisiert wurde die Prüfanlage gemeinsam vom Bundesamt für Umwelt, der Forschungsanstalt WSL und der Firma Fatzer Geobrugg, Romanshorn. Dank ihr konnte der Schutzfaktor von Steinschlagnetzen in den letzten Jahren um ein Vielfaches gesteigert werden. Damit ist es möglich, vielerorts auf Betonverbauungen zu verzichten.

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