Für Bundesbern ist Genf noch weit weg
Seit 10 Jahren hilft der Schweizer Presseclub im internationalen Genf, Treffen mit der Weltpresse zu organisieren.
Laut seinem Direktor haben die meisten hohen Funktionäre immer noch Berührungsängste. Guy Mettan bedauert im Interview mit swissinfo auch das Fehlen der deutschsprachigen Presse in der Westschweizer Stadt.
Als Unikat in der Schweiz organisiert der Presseclub, der von seinem Gründer Guy Mettan geleitet wird, um die hundert Pressekonferenzen und andere Presseveranstaltungen pro Jahr.
Dort treffen sich die rund 150 im Palais des Nations akkreditierten Journalisten mit den gegen 6000 Sonderbeauftragten, die jährlich zu den verschiedensten Konferenzen in Genf anreisen. Das Palais beherbergt den europäischen Sitz der Vereinten Nationen (UNO).
Der Schweizer Presseclub, der das zehnjährige Bestehen feiert, ist ein optimaler Ort, um die internationale Kommunikation der offiziellen Schweiz zu beobachten.
Das internationale Genf ist in der Tat ein Trumpf der Schweizer Diplomatie und der gesamten Schweiz, deren Wirtschaft stark von den internationalen Märkten abhängig ist.
swissinfo sprach mit dem ehemaligen Journalisten Guy Mettan, Direktor des Presseclubs und Abgeordneter der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) im Genfer Kantonsparlament.
swissinfo: Ihr Club hat bereits zahlreiche Schweizer Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft eingeladen. Ist es einfach, sie nach Genf zu locken?
Guy Mettan: Wir müssen immer ein wenig insistieren, um sie zu überzeugen. Aber die Bundespräsidenten sind immer zu Beginn ihrer Amtsperiode gekommen. Auch die anderen Minister sind immer dabei.
Mit Amtsdirektoren de Bundesverwaltung ist es schwieriger, besonders bei den deutschsprachigen. Diese müssen wir wirklich überzeugen, dass es sich lohnt, nach Genf zu kommen und die internationale Presse zu treffen. Hohe Funktionäre des Aussenministeriums zögern natürlich nicht.
swissinfo: Hat sich diese Situation in diesen zehn Jahren nicht verbessert?
G.M.: Ehrlich gesagt habe ich meine Zweifel. Wir leiden unter unserer geografischen Distanz zur deutschsprachigen Schweiz. Wer von dorther in den Presseclub kommt, muss einen ganzen Tag dafür aufwenden.
Ausserdem wird Genf vom Rest der Schweiz als eine sehr abgelegene Stadt wahrgenommen.
Wir wünschen uns auch eine grössere Teilnahme der deutschsprachigen Medien. Sie bleiben den Anlässen immer häufiger fern. Eine Mehrheit hatte nie eine Vertretung oder keine mehr in der französischsprachigen Schweiz oder im Palais des Nations.
Vor zehn Jahren hatten die grossen Zeitungen der Deutschschweiz Korrespondenten im Palais. Diese Epoche scheint definitiv vorbei zu sein.
Diese Tendenz spiegelt die Krise der Medien, welche die Anzahl ihrer Korrespondenten immer mehr abbauen. Auch wenn es mit dem Internet immer mehr Medien auf dem Markt gibt.
swissinfo: Wie schätzen Sie vom Club aus die Kommunikation des Bundes ein?
G.M.: Die Presseverantwortlichen des Bundes sind nicht die besten Kommunikatoren. Dies hat sicher mit der Kultur der Diskretion zu tun, der Geheimniskrämerei, die in der Schweiz schon immer stark war. Sie haben deshalb oft Angst, sich vor den Medien auszudrücken.
Doch jeder von ihnen ist sich der Pflicht zur Information bewusst, und sei es nur, um die nötigen Gelder für sein Departement zu sichern. Dies gilt sowohl für die Bundesverwaltung wie auch für die Nichtregierungs-Organisationen (NGO). Alle Institutionen müssen sich möglichst gut ins Gespräch bringen.
Die Schweizer Diplomatie, die sich den Umgang mit der Diskretion gewohnt ist, weiss besser zu kommunizieren. Die Aussenministerin weiss die Medien sehr gut «auszunutzen».
swissinfo: Wirtschaftskapitäne scheinen weniger Mühe mit der Kommunikation zu haben.
G.M.: Sie sind ja heute regelrechte Stars geworden. Und sie kommunizieren ständig, wie das Beispiel von Swatch-Boss Nicolas Hayek zeigt.
Weil ihnen genügend Kommunikationskanäle offen stehen, sind jedoch bisher nur wenige von ihnen in den Schweizer Presseclub gekommen.
swissinfo: Wird sich das internationale Genf weiterhin für die internationale Presse interessieren?
G.M.: Mit dem Abbau der Korrespondenten in Genf ist auch die Berichterstattung über die Schweiz und das internationale Genf zurückgegangen. Vor 40 Jahren hatte es in Genf mehr internationale Journalisten als in Brüssel. Heute sind es 150 im Palais des Nations und 2000 in Brüssel.
Das Interesse kann nur mit Veranstaltungen geweckt werden. Was wir in Genf machen, indem wir davon profitieren, dass öfters international bekannte Persönlichkeiten vor Ort sind. Dies garantiert eine regelmässige Medienpräsenz.
Neue Projekte sind gestartet, wie die Tribüne für Menschenrechte, welche die aktuellen Themen zu den Menschenrechten von Genf aus beobachtet.
Oder Media21 von Infosüd, das vom Club unterstützt wird. Das Programm organisiert Ausbildungskurse für Journalisten aus der ganzen Welt, die ihre Kenntnisse über die internationalen Verhandlungen zu Gesundheit, Menschenrechten oder den internationalen Handel in Genf vertiefen wollen.
swissinfo-Interview: Frédéric Burnand, Genf
(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)
Das Ziel des Schweizer Presseclubs war primär die Stärkung der Ausstrahlung des internationalen Genf.
Damals hatte es die Stadt fast verpasst, den Sitz der Welthandels-Organisation (WTO) zu erhalten. Der Kampf um solche internationale Organisationen ist sehr heftig und Genf fehlte eine gewisse Anzahl von Dienstleistungen für diese Institutionen, so beispielsweise eine Plattfom für Treffen mit der Presse.
Seit der Gründung des Clubs können sich NGO, internationale Organisationen, diplomatische Missionen und das Aussenministerium einfacher an Korrespondenten der internationalen Presse wenden.
Ausserdem bietet der Presseclub auch Beratungen zum besseren Umgang mit der Presse an und gibt Tipps an Journalisten auf Besuch in Genf.
Die Tradition der Presseclubs existiert in Zentraleuropa und in der angelsächsischen Welt. Auch in Asien gibt es viele Clubs.
Der älteste Club in Europa ist in Wien. Er wurde in den 1870er-Jahren gegründet, in den grossen Stunden des österreichisch-ungarischen Reichs. Weitere existieren in Italien und Frankreich.
Der wichtigste Club ist jener in Washington. Er verfügt über ein jährliches Budget von 20 Mio. Dollar und befindet sich zwischen dem Weissen Haus und dem Kapitol.
2002 gründete ein Teil dieser Clubs einen internationalen Verband mit Sitz in Dubai, deren aktueller Präsident Guy Mettan ist.
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