Kontroverse um Novartis-Patent
Ein Patent des Basler Chemie- und Pharmakonzerns Novartis für die Genmanipulation von Organen von Menschen und Tieren hat den Streit um Patente auf Leben in der Schweiz wieder aufleben lassen. Kritiker hegen juristische und ethische Bedenken.
Das europäische Patentamt (EPA) in München hatte Novartis am 3. Mai das Patent erteilt für eine gentechnische Manipulation von menschlichen und tierische Zellen: So behandelte Organe werden bei einer Transplantation vom fremden Körper weniger stark abgestossen, wie Paul Herrling, Leiter der Novartis-Pharmaforschung, am Mittwoch (17.06.) erklärte.
Mit Einnahmen von allfälligen Produkten oder Lizenzen aus dem Patent sollen laut einem Novartis-Sprecher die hohen Forschungskosten wieder hereingeholt werden. Zudem solle vermieden werden, dass Novartis mit Patenten von Dritten blockiert werde.
Das umstrittene Patent
Das neue Patent schützt gemäss Herrling das ganze Verfahren, also auch das veränderte Organ. Dieses existiere in dieser Form ja nicht in der Natur. Konkret wird ein Organ der Spenderperson zuerst entnommen; dann erhält es die Substanz eingespritzt, welche es gentechnisch verändert. Eingepflanzt wird das fertig manipulierte Organ.
Der Prozess, auf dem das Patent basiert, wurde in der Forschung für die Xenotransplantation (tierische Organe für Menschen) entdeckt. Laut Herrling ist das Verfahren auch bei menschlichem Gewebe (Allotransplantation) anwendbar. Es unterdrückt eine zerstörerische Entzündung in Blutgefässen bei Transplantationen.
Spenderorgane sind laut Herrling auch darum rar, weil die heutige medikamentöse Bekämpfung der akuten Abstossung nur fünf bis zehn Jahre funktioniere. Danach stelle sich eine chronische Abstossung ein, und ein neues Spenderorgan müsse gesucht werden.
Bedenken, Einwände und heftige Kritik
Bedenken am neuen Patent hat neben anderen Ewald Weibel, Präsident der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften: Bei tierischen Organen (Xenotransplantation) hält er es für unbedenklich, nicht aber bei menschlichen.
Gar nicht einverstanden mit dem Novartis-Patent ist die Grüne Partei der Schweiz: Das schweizerische Patentgesetz schliesse die Patentierung von chrirurgischen, therapeutischen oder diagnostischen Verfahren an menschlichen oder tierischen Körpern aus. Das neue Patent verletze zudem auch das europäische Patentübereinkommen, teilte die Partei am Mittwoch mit.
Grundsätzlich kritisieren die Grünen, dass unentgeltlich gespendete Organe in «lukrative patentierte um monopolisierte Ersatzteillager umfunktioniert» werden sollen.
So würde die in der Verfassung garantierte Menschenwürde verletzt. Sie forderten die Schweizer Regierung deshalb auf, beim EPA gegen das Patent Einspruch zu erheben.
Auch Greenpeace protestiert gegen Patente auf Lebewesen generell; diese seien keine Erfindungen. Greenpeace fordert das EPA auf, das Patent zu wiederrufen.
Laut Novartis lauft eine Einsprachefrist für das neue Patent noch bis Ende Januar.
swissinfo und Agenturen
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