Arbeitszeit verkürzen?
Statt 42 Stunden sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz noch 36 Stunden die Woche arbeiten. Das verlangt der Schweizerische Gewerkschafts-Bund.
Die Initiative «für eine kürzere Arbeitszeit» ist ein Kind der letzten Wirtschaftskrise. Als sie 1997 lanciert wurde, lag die Arbeitslosigkeit auf dem Rekordhoch von 4%. Der Gewerkschaftsbund will mit der Initiative die Erwerbs-Arbeit auf mehr Schultern verteilen.
Die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit soll schrittweise eingeführt werden: 52 Stunden soll jährlich weniger gearbeitet werden – bis das Ziel erreicht ist. Löhne bis zum anderthalbfachen Durchschnittslohn (zur Zeit rund 7600 Franken pro Monat) werden nicht gekürzt. Was darüber liegt, wird nach unten angepasst. Und Betriebe, die die Arbeitszeit schneller als vorgeschrieben verkürzen, sollen vom Bund finanziell unterstützt werden.
Schutz für Teilzeitarbeit
Der Gewerkschaftsbund fordert zudem, dass Teilzeit-Angestellte von der Arbeitszeit-Verkürzung profitieren. Sie dürfen nicht diskriminiert werden – weder bei der Anstellung oder Beförderung noch bei der Aufgabenzuteilung, der Gestaltung der Arbeitsbedingungen, der Aus- und Weiterbildung oder bei einer Entlassung.
Heute leisten die Schweizerinnen und Schweizer 163 Millionen Überstunden jährlich. Dies will die Initiative ebenfalls ändern: Pro Jahr wären nur noch 100 Überstunden erlaubt. Pro Woche dürfte ein Arbeitnehmer, eine Arbeitnehmerin maximal 48 Stunden arbeiten.
Negative Folgen für die Wirtschaft
«Die Initiative führt ganz sicher zu Schwarzarbeit», ist die Freisinnige Nationalrätin und Unternehmerin Käthi Bangerter überzeugt. Dadurch würden die Sozialversicherungen Beiträge verlieren. Das schwäche die Sozialwerke. Auch bevormunde die Initiative die Arbeitnehmenden. Sie dürften nicht mehr frei entscheiden, wie viel sie arbeiten möchten.
Im Hochlohnland Schweiz würde zudem die Arbeit noch teuerer – das gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und damit den Wirtschaftsstandort, argumentiert Käthi Bangerter gegen die Initiative.
Von bürgerlicher Seite wird auch argumentiert, dass es bereits heute an qualifizierten Arbeitskräften fehle. Dieses Problem würde die Initiative noch verschärfen. Ausserdem würde die Mehrarbeit durch Rationalisierungs-Massnahmen aufgefangen – Arbeitsplätze gingen dadurch verloren.
Motivation heisst gute Arbeit
«Die viel gerühmte Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist ja vor allem abhängig von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die motiviert sind, die aber auch gute Arbeitsbedingungen haben», setzt sich die Sozialdemokratin Christine Goll für die Initiative ein. Denn nur wenn Arbeitnehmende weniger arbeiten, könnten sie sich gesellschaftlich, sozial und in der Familie mehr engagieren – was wiederum die Motivation erhöhe. Die unbezahlte Arbeit müsse besser verteilt werden, was die Initiative ermögliche.
Gegen den Vorwurf der Bevormundung wehrt sie sich vehement, denn die Initiative lasse offen, wie die Arbeitszeit gestaltet werden soll. Möglich sei es in Form von mehr Ferien, einer 4-Tage-Woche oder kürzere Arbeitstage.
Zudem wird von der politischen Linken das Argument «Gesundheit» ins Feld geführt. Wer weniger arbeite, sei gesünder. Und das nütze schlussendlich der ganzen Gesellschaft.
Doch sind die Gewerkschafter unter sich auch gespalten. Durch die Einführung einer Jahresarbeitszeit (1872 Stunden) befürchtet man eine Arbeitsverdichtung. Oder aber, dass der Arbeitgeber Arbeit auf Abruf einführt oder Zwangsferien verordnet.
Schweizer arbeiten viel
Im europäischen Vergleich arbeiten nur noch Briten und Britinnen länger als die Schweizer Arbeitnehmenden. Doch gehört in Grossbritannien der Arbeitsweg zur Arbeitszeit von 44 Stunden. Am anderen Ende der Skala befindet sich Frankreich, das vor zwei Jahren die 35-Stunden-Woche eingeführt hat. Die Meinungen darüber sind sehr geteilt. Durchschnittlich arbeiten Europäerinnen und Europäer 40,4 Stunden die Woche.
International liegt die Schweiz punkto Arbeitszeit auf Rang 28. In Asien, vor allem in Hongkong und Taiwan, wird mehr gearbeitet. Ebenfalls in den USA.
Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab. Die starre Arbeitszeit-Regelung werde nicht allen Branchen und Betrieben gerecht. Ausserdem würden Lohnkosten und Preisniveau in die Höhe getrieben. Dabei ist auch die Regierung der Meinung, der Trend gehe Richtung kürzere Arbeitszeiten. Doch entsprechende Regelungen seien Sache der Sozialpartner und nicht des Staates.
Rebecca Vermot
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