Auf der Reise ohne Geld
Rund 1,4 Mrd. Franken kostet das Grossprojekt Expo.02. 450 Mio. zahlt die öffentliche Hand. Den Rest soll die Wirtschaft finanzieren. Doch diese hält sich stark zurück. Seit Beginn der Vorbereitungen steckt die schweizerische Landesausstellung in einer Finanzkrise.
Kaum war bekannt, dass die schweizerische Fluggesellschaft SAir Group in finanziellen Nöten steckte, zog sie auch schon ihren Beitrag an die «Expo.02» von 6 Mio. Franken zurück. Einen Monat zuvor hatte sie ihr Engagement noch bekräftigt. Die Fluggesellschaft ist nicht das einzige Unternehmen, das trotz eines «letter of intent», einer Absichtserklärung, überraschend ausstieg. Walter Häusermann, Finanzdirektor der Landesausstellung, muss immer wieder mit solch negativen Überraschungen umgehen.
Auch ein Jahr vor der Eröffnung ist die Finanzierung nicht gesichert. Die Rechnung geht noch nicht auf. Insgesamt soll die Expo.02 1,4 Mrd. Franken kosten. Die Kosten (Bau, Telekommunikation, Logistik) der fünf Ausstellungsflächen, der so genannten Arteplagen, belaufen sich auf 444 Mio. Franken. Ausstellungen und Events kosten weitere 405 Mio. Franken. Für laufende Betriebskosten, Sicherheit und Administration rechnet Häusermann 552 Mio. Franken.
Mangelnde Unterstützung seitens der Wirtschaft
Gedeckt sind die Ausgaben allerdings nicht. 445 Mio. Franken stammen aus der öffentlichen Hand, wobei der Bund 360 Mio. Franken beisteuert. Die Kantone beteiligen sich mit 64 Mio. und die Standortstädte (Murten, Neuenburg, Yverdon und Biel) mit 21 Mio. Franken. Die restlichen 502 Mio. Franken wollen die Expo-Verantwortlichen mittels Eintrittskarten und anderen Einnahmen (Sponsoren) verdienen.
Als äusserst enttäuschend hat sich allerdings die Unterstützung der Expo seitens der Schweizer Privatwirtschaft gezeigt. Viele grosse, finanzkräftige Unternehmen machen nicht mit. Auch die Sammlung bei den KMUs war nicht erfolgreich. Expo-Finanzchef Häusermann meint, dass die KMUs sich lieber an einer Ausstellung oder einem Anlass finanziell beteiligen, als einen allgemeinen Betrag an die Expo zu spenden.
So sind von den Ausstellungen nur rund die Hälfte durch die Wirtschaft und die öffentliche Hand finanziert. Die Finanzierung aller anderen Ausstellungen ist noch nicht gesichert. Einen Teil der Ausstellungen wird die Expo wohl selbst berappen müssen, für andere hofft man noch auf Sponsoren. Falls allerdings noch ein Sponsor seine Absichtserklärung im letzen Moment zurückzieht, «muss auf diese Ausstellung verzichtet werden», vertraute der Finanzchef swissinfo an.
Reicht die Defizitgarantie?
Erwartet werden 4,8 Mio. Besucherinnen und Besucher. Die Preise für Eintrittskarten sind relativ günstig und familienfreundlich. Hinsichtlich Sponsoring sind gemäss Finanzdirektor Häusermann jetzt vor allem Schweizerinnen und Schweizer im Ausland gefragt. Mit Unterstützung der Botschaften will man versuchen, Sponsoren auch ausserhalb der Schweiz zu finden. Bis Oktober 2002 würde die Suche dauern, erklärt Häusermann.
Der Bund hat eine Defizitgarantie von 338 Mio. Franken gewährt. Diese soll im Notfall eingesetzt werden – wenn beispielweise die Besucherzahlen wegen schlechten Wetters weit unter den Erwartungen liegen. Allerdings soll die Defizitgarantie nun doch schon jetzt beansprucht werden. Da die Expo als Verein ohne Eigenkapital organisiert ist, laufende Kosten jedoch vermehrt auftreten, benötigt sie Geld. Um das Liquiditätsproblem zu lösen, soll nun ein grosser Teil der Defizitgarantie in ein Darlehen verwandelt werden. Zudem sollen die Banken mit einem Kredit aushelfen. Als Sicherheit dienen die zu erwartenden Billetteinnahmen bzw. die Defizitgarantie.
Expeditionsteam ohne Geld
Diese konstanten finanzstrategischen Veränderungen in der Budget-Rechnung der Expo verbreiten wenig Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Sie schüren den Zweifel vieler Unternehmer und Politiker, aber auch vieler Steuerzahler, dass die Defizitgarantie am Ende doch nicht reichen wird.
Das Problem der Expo.02 ist, dass sie «ohne Geld auf die Reise geschickt wurde», wie Nelly Wenger, Präsidentin der Generaldirektion im Schweizer Fernsehen erklärte. «Wenn früher Schiffe auf eine Expedition geschickt wurden, stattete man sie mit genügend Mittel aus, obwohl man nicht wusste, wie die Reise zu Ende gehen würde.» Auch die Expo sei eine Art Schiff auf einer Expeditionsreise, bloss müsse sie immer wieder auf hoher See nach mehr Geld rufen, beschreibt Wenger die Situation.
Carole Gürtler
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