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Keine 36-Stunden-Woche:Status quo bei der Arbeitszeit

Keine Chance für weniger Arbeit in der Schweiz. Keystone

36 Stunden die Woche arbeiten: Dies initiierte der Schweizerische Gewerkschaftsbund in seinem Volksbegehren "Für eine kürzere Arbeitszeit". Bei Regierung und Parlament stösst die Idee auf taube Ohren. Obwohl im internationalen Vergleich in der Schweiz lange gearbeitet wird und Verkürzungen der Produktivität dienen.

Die Gewerkschafts-Initiative ist ein Kind der Wirtschaftskrise. Als sie 1997 formuliert wurde, lag die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bei über 4%, dem Höchstwert der 90er Jahre. Ihr Hauptziel war die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit: Das knappe Gut sollte auf mehr Schultern verteilt werden.

Weder Regierung noch Grosse und Kleine Kammer wollen dies. Arbeitszeit-Regelungen sollen Sache der Sozialpartner sein: Der Gewerkschaften und der Arbeitgeber.

Heute steht die Initiative quer in der konjunkturellen Landschaft. Die Arbeitslosigkeit liegt unter 2%, die Regierung stockt die Kontingente für ausländische Arbeitskräfte auf, Stelleninserate füllen Zeitungsseite um Zeitungsseite.

Doch Arbeitszeit-Verkürzungen seien immer sinnvoll, ist Toni Holenweger, Arbeitszeit-Experte der Gruppe Corso, überzeugt: «Arbeitszeit-Verkürzung ist ein Mittel die Produktivität und Effizienz der Arbeit zu fördern.»

42 Stunden arbeiten Vollzeitbeschäftigte durchschnittlich in der Schweiz. Nur gerade die Briten und Britinnen schuften laut Statistiken mehr: 44 Stunden die Woche, jedoch gilt bei ihnen der Arbeitsweg als Arbeitszeit.

In der Europäischen Union wird durchschnittlich 40,4 Stunden gearbeitet. Am meisten Freizeit haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Italien (38,5 Std./Woche), Belgien (38,6) und Dänemark (38,7). Am anderen Ende der Statistik finden sich Portugal und Spanien mit 40,9, resp. 40,6 Stunden pro Woche.

Die längste Zeit im Arbeitskittel verbringen Arbeitnehmende in Asien: Hongkong führt in der Statistik vor Taiwan. Die USA findet sich im internationalen Vergleich auf Platz 21, die Schweiz auf Rang 28. In den USA ist die Arbeitszeit in den letzten Jahren, vor allem im Dienstleistungssektor, angestiegen.

Frankreich reisst gegen unten aus. Zum Millenniums-Wechsel hat unser Nachbar die Arbeitszeiten auf 35 Stunden pro Woche gekürzt. Laut einer Meinungsumfrage in einer französischen Wochenzeitschrift begrüssen fast zwei Drittel der Betroffenen die Arbeitszeit-Verkürzung bei gleichbleibendem Lohn. Positiv habe sie sich auf die Arbeits-Organisation und das Teamwork ausgewirkt. Profitieren täten vor allem die Kinder, aber auch der Sport, die Kultur oder einfach das savoir-vivre. Viele klagen jedoch auch über eine höhere Arbeitslast.

Primär gehe es bei Arbeitszeit-Verkürzungen um Produktivitäts-Steigerung, ist Toni Holenweger überzeugt. Das Argument der Lebensqualität stehe hinten an. Oft gehe die Verkürzung einher mit einer Intensivierung der Arbeit, heisst: Das Volumen bleibt, die Zeit verändert sich. Deshalb müssten sich, so Holenweger, die Gewerkschaften bei Diskussionen um Arbeitszeit-Verkürzungen auch über deren Form Gedanken machen.

In der Schweiz geht der Trend in Richtung viel arbeiten: Zusätzlich zu den 42 Stunden Arbeit pro Woche leisten schweizerische Arbeitnehmende Millionen von Überstunden – im Umfang von 82’000 Vollzeitstellen.

Die Initiative des Gewerkschaftsbundes ist nicht die erste dieser Art. Das Schweizer Volk hat bereits drei Begehren abgelehnt, die ihm kürzere Arbeitszeiten beschert hätten.

Rebecca Vermot

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