120’000 Kinder warten auf einen Krippenplatz
In der Schweiz herrscht akuter Mangel an Kinderkrippen und die Nachfrage steigt weiter. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie.
Sie zeigt auf, dass in Krippen und bei Tagesfamilien über 50’000 Plätze fehlen. Das heutige Angebot schätzt sie auf 30’000 Plätze.
Für rund 120’000 Kinder im Vorschulalter gibt es zur Zeit keinen Platz in einem Hort oder bei einer Tagesfamilie, wie aus der am Montag veröffentlichten Studie hervorgeht. Um diese Nachfrage zu befriedigen, wären bei einer gewünschten Betreuungsdauer von zwei Tagen pro Woche rund 50’000 zusätzliche Plätze nötig.
Zum ersten Mal sind in der Schweiz wissenschaftlich gesicherte Zahlen zur Nachfrage nach familienergänzender Tagesbetreuung für Kinder im Vorschulalter erhoben worden. Die Studie wurde unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF).
Lohn, Bildung und Alter bestimmen Nachfrage
Die Untersuchungsergebnisse zeigen unter anderem, dass das Einkommen einer Familie für die Nachfrage nach ergänzender Kindertagesbetreuung zentral ist: Schon ein um 10% höherer Lohn lässt die Nachfrage um 5,6% steigen.
Auch die Preise der Krippen und Horte haben einen Einfluss auf die Nachfrage. Wird ein Angebot beispielsweise um 10% teurer, geht die Nachfrage um bis zu 12% zurück.
Wichtige Faktoren sind laut Studie auch das Alter und der Bildungsgrad der Mutter. Je höher sie sind, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder eine Krippe besuchen.
Die höchsten Nachfragepotenziale weisen die Agglomerationen der lateinischen Schweiz aus. Und zwar würden dort rund 60% der Haushalte eine familienergänzende Betreuung in Krippen oder bei Tagesfamilien wählen.
Politik und Wirtschaft gefordert
Gemäss Studie wird die Nachfrage bei einer positiven demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung bis ins Jahr 2015 schweizweit um gut 21% zunehmen. Falls Betreuungseinrichtungen flächendeckend subventioniert würden, nähme die Nachfrage sogar um 27% zu.
Die Autorinnen und Autoren riefen Politik und Wirtschaft zum Ausbau des heutigen Angebotes auf. Gefordert seien jetzt vor allem Kantone und Gemeinden, sagte Projektleiterin Susanne Stern.
Aus der Anstossfinanzierung des Bundes sei bislang erst etwa die Hälfte der gesprochenen Gelder abgeholt worden, was auf fehlende finanzielle und organisatorische Unterstützung durch Kantone und Gemeinden hinweise.
Die Kantone könnten die Angebotsplanung noch besser koordinieren. Die Gemeinden seien vor allem bei der Mitfinanzierung der Angebote und der finanziellen Unterstützung der Eltern gefordert.
Aber auch die Wirtschaft könnte beispielsweise mit firmeneigenen Betreuungsplätzen oder der Mitfinanzierung von betriebsexternen Angeboten einen Betrag leisten, wie Stern sagte.
Bundeskredit nicht ausgeschöpft
Seit dem 1. Februar 2003 ist das Bundesgesetz über Finanzhilfen für die familienergänzende Kinderbetreuung in Kraft. Es ist vorderhand auf acht Jahre beschränkt. Für die ersten vier Jahre sprach der Bundesrat (Landesregierung) einen Verpflichtungskredit in der Höhe von 200 Mio. Franken.
Mit diesem Geld will der Bund zwei Arten von Betreuungsplätzen fördern: Kindertagesstätten – beispielsweise Krippen – für Kinder im Vorschulalter sowie Einrichtungen für die Schulergänzende Betreuung wie etwa Mittagstische. Bei solchen Einrichtungen hat der Bund die Schaffung von rund 4600 Plätzen finanziert.
Vom Kredit sind laut den Zahlen des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV) zurzeit 50,5 Mio. Franken ausgeschöpft. Vom Impulsprogramm können nur Gemeinden und Non-Profit- Organisationen profitieren.
swissinfo und Agenturen
Die Nachfrage nach familienergänzenden Betreuungsangeboten für Kinder im Vorschulalter in der Schweiz ist nur zu 40% gedeckt.
Zurzeit gibt es laut einer Nationalfonds-Studie 30’000 Betreuungs-Plätze, 50’000 fehlen.
Die Studie geht zudem davon aus, dass die Nachfrage bis 2015 um 21% steigen wird.
Erarbeitet wurde die Studie im Rahmen des Nationalen Forschungs-Programms «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel» (NFP 52) vom Forschungs- und Beratungsbüro Infras, dem Istituto Microeconomia e Economia Pubblica der Università della Svizzera Italiana in Lugano und dem Beratungsbüro Tassinari.
Basis ist eine Umfrage unter 750 Haushalten mit Kindern im Vorschulalter aus allen Regionen der Schweiz.
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