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Auch der lange Winter hatte ein Ende

Innerhalb von wenigen Tagen sind die Temperaturen in der Schweiz gestiegen. Keystone

Der Winter ist zu Ende. Und schon ist das Thermometer auf 20 Grad gestiegen. Ist das Klima durcheinander geraten?

Der Klimatologe Martin Beniston bestätigt zwar die Klimaerwärmung, stellt aber auch fest, dass «extreme Situationen Teil der komplexen Maschinerie der Atmosphäre» sind.

Am 2. März wurde in La Brévine, im Kanton Neuenburg, eine Temperatur von minus 33,7 Grad gemessen. Seit 1971 war es in der Schweiz nie mehr so kalt gewesen.

Zehn Tage später kündigten die Meteorologen das Ende des Winters und für das Wochenende eine Temperatur von 20 Grad an. Was den Mann und die Frau von der Strasse wieder einmal zur Aussage veranlasst: «Es gibt keine Jahreszeiten mehr!»

swissinfo: Ein ausserordentlich kalter und langer Winter – können Sie das bestätigen?

Martin Beniston: Auf jeden Fall hatten wir seit etwa zwanzig Jahren keinen solchen Winter mehr. Ich erinnere mich an 1985 und 1987, als die Temperaturen in La Brévine auf minus 40 Grad gefallen waren. Und für Anfang März haben wir dieses Jahr wirklich alle Kälterekorde geschlagen.

Hingegen dürfen wir nicht vergessen, dass das Wetter vom 1. Dezember bis zum 20. Januar sehr mild war. Im Durchschnitt scheint der Winter also ziemlich normal, leicht kälter zwar als in den letzten Jahren, aber er fällt trotzdem nicht zu sehr aus dem Rahmen.

swissinfo: Sehr mild im Dezember und im Januar und ein besonders kalter Märzbeginn. Ist das ein Zeichen, dass sich der Winter verschiebt?

M.B.: Nicht unbedingt. Manche Leute sehen das so, aber wenn man die Schneestatistiken ansieht, vor allem in der Höhe, ist keine Verschiebung festzustellen.
Es stimmt, dass der Winter dieses Jahr später begonnen und länger gedauert hat, bis Anfang März. Aber ich denke nicht, dass man von einer allgemeinen Tendenz zu einer Verschiebung des Winters bis in den Frühling sprechen kann.

swissinfo: Nach dem Hitzesommer von 2003 sagte man uns Mittelmeerklima voraus. Dieser eiskalte Winter war also eine ziemliche Überraschung.

M.B.: Eine Klimaerwärmung ist etwas Langfristiges. In den Statistiken zeigt sich der Anstieg in Form von Zacken. Seit rund 150 Jahren ist eine eindeutige Erwärmung festzustellen, aber das schliesst Kälteperioden wie diese nicht aus.

Einige Modelle sehen übrigens für die kommenden Jahrzehnte eine Zunahme von extremen Abweichungen voraus. Auf einen Hitzesommer von 2003 kann also durchaus ein solcher Winter folgen, ohne dass damit die langfristige Tendenz zur Erwärmung in Frage gestellt ist.

Und wenn es ums Klima geht, muss man das Wetter in einem grösseren Zusammenhang sehen. Man kann sich nicht auf das Hier und Heute konzentrieren. Während es bei uns sehr kalt war, war es in Skandinavien ungewöhnlich mild.

swissinfo: Sind die Extremsituationen, die Sie ansprechen, Zeichen einer Klimaveränderung oder ist das ganz natürlich?

M.B.: Ich denke, das ist normal. Auch wenn sich das Klima nicht so erwärmen würde, wie es jetzt und auch in Zukunft der Fall ist, hätten wir Extremsituationen.

Vielleicht nicht so intensive wie der Hitzesommer 2003 oder die Kälte Anfang März 2005. Aber es waren auf jeden Fall grosse klimatische Fluktuationen in den verschiedenen Jahreszeiten festzustellen. Das gehört zur Atmosphäre, die eine sehr komplexe Maschinerie ist.

swissinfo: Bestätigt sich der Einfluss des Menschen auf die Klimaerwärmung, der umstritten, da schwierig zu beweisen ist?

M.B.: Es besteht kaum mehr ein Zweifel: Der Einfluss des menschlichen Verhaltens auf das Klima bestätigt sich. Selbstverständlich gibt es auch natürliche Veränderungen der Sonnenenergie und der Meeresströmungen. Das Klima ist ein komplexes System, das von verschiedenen Elementen gelenkt wird. Und der Mensch ist eines davon.

Seit Beginn des industriellen Zeitalters, vor allem seit gut 50 Jahren, ist der Einfluss des Menschen eine neue Rahmenbedingung, die mit berücksichtigt werden muss. Er scheint sogar der beherrschende Faktor zu werden.

Oder anders gesagt: Der grösste Teil der Erwärmung, die wir seit 50 Jahren feststellen können, ist die Folge menschlicher Aktivitäten.

swissinfo-Interview: Alexandra Richard
(Übersetzung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Der Februar 2005 war in der Schweiz kälter als üblich, mit Temperaturen, die 2 bis 2,5 Grad unter dem Durchschnitt lagen.

Am 2. März registrierte Meteo Schweiz in La Brévine (NE) 33,7 Grad unter Null.

So kalt war es in der Schweiz im März seit 34 Jahren nicht mehr.

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