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Helvetas: 50 Jahre Einsatz für die Armen

Yaks auf einer typischen "Helvetas"-Brücke im Everest-Gebiet Nepals. Nepal Photo Gallery

Die Helvetas feiert ihren 50. Geburtstag. Der gute Ruf der Schweiz in der Welt gründet nicht zuletzt auch auf der Arbeit der privaten Entwicklungs-Organisation.

Ausruhen auf den Lorbeeren ist aber nicht angesagt: Der Graben zwischen Arm und Reich war noch nie so gross wie heute.

Wer ein Herz für die Armen dieser Welt hat, hat im Büro oder Zuhause in der guten Stube den Helvetas-Kalender hängen. Die Bilder – frohe Gesichter mit leuchtenden Augen, ein idyllisch anmutendes Hüttendorf oder ein Flecken exotischer Landschaft – symbolisieren farbenprächtig das Gewissen, dass es auf der Welt Millionen von Menschen gibt, die zum Leben kaum das Nötigste haben.

Volle Kassen, aber nie voll genug

Helvetas, die Schweizer Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, hat im vergangenen Jahr die Rekordspende von fast 12 Millionen Franken eingefahren. Und mit 43’000 Mitgliedern und fast noch einmal so vielen Gönnern ist sie nicht nur die älteste, sondern auch die grösste Nichtregierungs-Organisation (NGO) im Bereich Entwicklungspolitik der Schweiz.

Die Spenden werden dringender gebraucht denn je: «Noch immer leben über eine Milliarde Menschen in extremer Armut, sie haben weniger als einen US-Dollar am Tag zur Verfügung», sagt Werner Külling. Seit 1973 Geschäftsleiter, übergibt er an der Jubiläums-Versammlung von Samstag sein Amt an Melchior Lengsfeld.

Know-how bis in die Spitzen

«Die Stärke der Helvetas liegt im grossen Erfahrungsschatz, der aus Wissen und Können der Mitarbeitenden besteht», sagt Helvetas-Präsident Peter Arbenz gegenüber swissinfo.

Die solide Mitgliederbasis im Auge, hebt er auch die grosse gesellschaftliche Vernetzung hervor. «Diese ist Motivation und Legitimation, unsere Arbeit im Ausland auszuführen», so Arbenz.

Der Winterthurer bringt viel Erfahrung bezüglich Entwicklung und Zivilgesellschaft ein: Er war Delegierter des Bundesrates für Flüchtlingsfragen und dann bis 1993 erster Direktor des Bundesamts für Flüchtlinge.

Danach amtierte er als Gereralinspektor der UNPROFOR im ehemaligen Jugoslawien. 1995 schliesslich war er persönlicher Berater des Schweizer OSZE-Vorsitzenden Flavio Cotti für die Mission in Bosnien-Herzegowina.

Mehr als symbolischer Brückenbau…

Nach einer Helvetas-Erfolgsgeschichte befragt, erwähnt Arbenz Nepal. «Im Rahmen des Brückenbau-Programms wurden dort in den letzten 50 Jahren Hunderte von Brücken erstellt, die Dörfer verbinden und Wege verkürzen.»

Das bringe auch wirtschaftliche Kontakte sowie Zugänge zu Märkten, Bildungsinstitutionen und Spitälern.

… mit Kehrseite

Doch gerade dieses schöne Beispiel hat auch seine Schattenseiten: Trotz grossangelegter jahrzehntelanger internationaler Hilfe ist die politische und wirtschaftliche Lage Nepals katastrophaler als je zuvor: Der König hat Regierung und Parlament entmachtet und herrscht seit Anfang Jahr in einem Willkür-Régime.

Für Melchior Lengsfeld, den neuen Helvetas-Geschäftsleiter, kein Grund für einen Rückzug. «Die Regierung hat gezeigt, dass für sie Transparenz-Kriterien nicht wichtig sind, deshalb kommt für uns nur eine Zusammenarbeit mit zivilen Partnern in Frage.»

Verstärkung der Zivilgesellschaft

Einen Rückzug aus Nepal, wie ihn die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes (DEZA) erwogen hat, taxiert Lengsfeld als kontraproduktiv: «Gerade im Bereich Menschenrechte sollte man mehr arbeiten.»

Deshalb will die Helvetas künftig ihre Projekte an allen Wirkungsorten vermehrt auf die Stärkung der Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frauen, gute Regierungsführung (Good Governance), den Aufbau einer Zivilgesellschaft sowie Friedensarbeit und Konfliktprävention ausrichten.

Die «traditionellen» Einsatzbereiche nachhaltige Landwirtschaft, Transport-Infrastruktur, Trinkwasser-Versorgung, Bildung und Verbesserung des Zugangs zu Informationen werden aber weiterhin gepflegt.

Aufgabentrennung

Im nicht immer reibungslosen entwicklungspolitischen Zusammenwirken von Bund und NGO plädiert Peter Arbenz für eine zweigleisige Strategie mit klarerer Aufgabenteilung. Aufstellung einer kohärenten Entwicklungspolitik, multi- und bilaterale Zusammenarbeit auf Regierungsebene sowie Koordination wäre demnach Sache des Staates.

Direkte Programme und Projekte an der Basis sollte Sache der NGO sein, weil diese effizienter und wirksamer seien. «Der Trend geht aber leider genau in die andere Richtung: Mehr Budgethilfen an undemokratische Regierungen. Die Verwendung dieser Gelder ist dann aber nicht mehr kontrollierbar.»

Wegen des Spardrucks auf den Bundeshaushalt sieht er auch die deklarierte Erhöhung des Anteils der Entwicklungsgelder am Schweizer Brutto-Inlandprodukt von 0,4% in Gefahr. Ganz zu schweigen von den 0,7%, welche in den so genannten Milleniumszielen der UNO zur Halbierung der Armut bis 2015 vereinbart wurden.

swissinfo, Renat Künzi

Die Helvetas wurde 1955 als Schweizerisches Hilfswerk für aussereuropäische Gebiete gegründet.
Sie ist die älteste, grösste und renommierteste private Organisation für Entwicklung der Schweiz.
Die Helvetas hat in den letzten 50 Jahren Projekte von rund einer Milliarde Franken finanziert.
Das Helvetas-Budget besteht zu 21% aus Spenden und zu knapp 65% aus Bundesgeldern.
Die NGO zählt 600 lokale und 51 Schweizer Mitarbeiter im Ausland, 56 in der Schweiz.

Heute lebt immer noch über 1 Mrd. Menschen in extremer Armut mit weniger als 1 Dollar pro Tag.

1960 verdienten die reichsten 20% rund 30 Mal mehr als die ärmsten 20% – heute 80 Mal mehr.

800 Mio. Menschen leiden an Unterernährung.

Mehr als 150 Mio. Kinder unter 5 Jahren sind untergewichtig.

Über 1 Mrd. Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

100 Mio. Kinder, davon mehr als die Hälfte Mädchen, können keine Schule besuchen.

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