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Mit der Wirtschaft die Welt verbessern

Paola Ghillani: "Die Idee, Unternehmerin zu werden, schwebte mir seit langem vor." Paola Ghillani

Nach ihrer Entlassung aus der Max Havelaar Stiftung gründete Paola Ghillani eine eigene Firma, die sich mit Ethik in Entwicklung und Unternehmen befasst.

Die Wirtschaft dürfe nicht Selbstzweck, sie müsse ein Instrument für eine bessere Welt sein, sagt sie im Gespräch mit swsissinfo.

swissinfo: Vor sechs Monaten fand Ihre Verbindung mit Max Havelaar ein abruptes Ende. Wie sehen Sie das im Rückblick?

Paola Ghillani: Ich machte sechs Jahre lang phantastische Erfahrungen. Es gelang mir, mit meinem Team den Umsatz zu verfünffachen, die Marktanteile bei den Bananen um 50%, bei den Blumen um 30% und die Anerkennung des Labels von 40% auf 80% zu steigern.

Natürlich bin ich abrupt und gegen meinen Willen abgetreten. Aber schliesslich erwies sich das als ein Vorteil für mich.

swissinfo: Kann man daraus schliessen, dass es politisch nicht korrekt ist, in Kreisen der Hilfswerke und der nachhaltigen Entwicklung Umsatz zu machen?

P.G.: Darauf kann ich ihnen nicht antworten. Die Frage sollten Sie den Mitgliedern des Stiftungsrates stellen. Ich kann nur raten, und das wäre suggestiv. Auf jeden Fall spürte ich den Gegenwind nicht kommen.

swissinfo: Bedauern Sie, dass Sie einige Projekte nicht realisieren konnten?

P.G.: Am meisten bedaure ich, dass ich meine Arbeit nicht fertig machen konnte. Und was mir besonders fehlt, ist der sehr wertvolle direkte Kontakt mit den Kleinproduzenten und den Arbeitern in den Entwicklungsländern.

swissinfo: War es das, was in Ihnen den Wunsch nach einer eigenen Firma, der Paola Ghillani & Friends, geweckt hat?

P.G.: Ja, ich hatte Lust, die positivsten Aspekte meiner Erfahrungen bei Max Havelaar für meine neue Firma zu nutzen.

Aufgabe meiner Gesellschaft ist es, den Firmen zu helfen, sie dazu zu bewegen, die Aspekte der Verantwortung für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt in ihre Unternehmensstrategie zu integrieren.

swissinfo: Es sind bereits mehrere Stiftungen in diesem Bereich aktiv. Gibt es da wirklich noch Platz für Sie, und welche Besonderheit bieten Sie an?

P.G.: Es stimmt, man spricht viel von Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung der Unternehmen. Aber meist geht es da um Aktionen, welche die Firmen neben ihrer wirtschaftlichen Hauptaktivität durchführen. Meine Firma dagegen will den Managern helfen, diese Inhalte besser in die eigentliche Strategie des Unternehmens zu integrieren.

Die Skandale um Enron und Parmalat zeigten, dass die wirtschaftliche Verantwortung in diesen Unternehmen fehlte. Die Firmenführung war nicht transparent genug. Diese Haltung führte zum Bankrott, und damit standen Tausende von Personen auf der Strasse.

Einige Firmen denken vielleicht, sie verhielten sich sozial, aber oft wissen sie gar nicht, wo ihre Rohstoffe herkommen und unter welchen Bedingungen die Menschen bei deren Produktion arbeiten.

Meine Besonderheit ist es, den Firmen zu zeigen, wie sie im Alltag, in ihrer Hauptaktivität, richtig handeln können.

swissinfo: Wer sind die «Friends» von Paola Ghillani?

P.G.: Die «Friends» sind alle Menschen, die daran glauben, dass man die Welt über die Wirtschaft verbessern kann. Das geht von den Konsumenten über die Produzenten bis hin zu den Medien.

Die «Friends» können also auch Firmen sein, die sich konkurrenzieren, sogar Feinde sind…wenn sie die gleiche Vision haben wie wir.

swissinfo: Haben Sie schon einige Projekte lanciert?

P.G.: Ja, ein paar. Aber es ist zu früh, um konkret darüber zu sprechen. Sie sind noch in der Strategiephase. Ich kann aber sagen, dass ich auf viel Begeisterung stosse.

Die Firmen wollen sich engagieren. Natürlich haben sie ein wenig Angst, weil sie in Bezug auf ihre Quartalsresultate immer unter grossem Druck stehen – vor allem, wenn sie börsenkotiert sind. Aber der Wille, diese Verantwortung als Schlüsselfaktor ihres Erfolgs zu integrieren, ist da.

swissinfo: Sind sich die Firmen bewusst, dass sich das zu ihren Gunsten auswirken kann?

P.G.: Sicher. Dieses Engagement wird ihr Image verbessern, das wissen sie, aber auch ihre Resultate, denn die Konsumentinnen und Konsumenten fordern immer mehr Verantwortung für Umwelt und soziales Handeln.

swissinfo: Wie erklären Sie dieses wachsende Bewusstsein der Konsumenten?

P.G.: Meiner Ansicht nach ist dies die Folge der Finanzskandale. Firmenchefs, die Millionen verdienen und drei Tage nach Bekanntgabe ihrer Resultate Tausenden von Angestellten kündigen – das ist schwer zu akzeptieren.

Auch die humanitären Katastrophen lösen sehr starke Reaktionen aus. Ich denke da an New Orleans. Die Opfer müssen heute doch empört sein und sich sagen: «Man hat uns halb krepieren lassen, weil wir keinen ausreichenden wirtschaftlichen Wert darstellen.»

Was sich dort ereignete, wird sicher vieles verändern, vor allem in den USA.

swissinfo: Wer arbeitet zur Zeit in Ihrer Gesellschaft? Haben Sie bereits Personal eingestellt?

P.G.: Zur Zeit bin ich allein. Für alles, von A bis Z. Aber mein Ziel ist es, Personal einzustellen, denn ich denke, die Aufgabe jedes Unternehmens ist es, Stellen zu schaffen.

Das ist meine Philosophie. Die Wirtschaft darf nicht Selbstzweck sein. Sie ist ein Instrument. Ein Instrument zur Verbesserung der Welt. Und eines Tages möchte ich diese schönen Theorien in meinem eigenen Unternehmen in die Tat umsetzen.

swissinfo-Interview: Alexandra Richard
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Paola Ghillani ist Apothekerin und begann ihre Karriere in der Pharmaindustrie bei Ciba (heute Novartis).

1999 wurde sie Direktorin von Max Havelaar, einer Labelorganisation für fairen Handel. In sechs Jahren verfünffachte sie den Umsatz der Stiftung von 42 auf 210 Millionen Franken. Im März 2005 wurde Ghillani aus unbekannten Gründen entlassen.

Sechs Monate später gründete sie ihre eigene Gesellschaft: Paola Ghillani & Friends.

Paola Ghillani ist auch Verwaltungsratsmitglied des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

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