Schweizer Fotoausstellung auf Welttournee
In einer Schweizer Wander-Ausstellung erzählen zehn internationale Fotografen "Geschichten von der Globalisierung".
Die von der Schweizer Entwicklungs-Agentur DEZA finanzierte Ausstellung ist noch bis Herbst 2007 auf Welttournee. Sie erntet viel Lob von Kulturkritikern.
Die Einweihung der Brüsseler Etappe der Wanderausstellung «Geschichten von der Globalisierung» am 1. Februar war eine Premiere: Zum ersten Mal durfte die Schweiz als Nichtmitglied der Europäischen Union (EU) im EU-Parlament ausstellen.
Möglich gemacht hatte dies die für die Beziehungen zur Schweiz zuständige britische EU-Parlamentarierin Diana Wallis. «Vieles, was wir im EU-Parlament diskutieren, findet sich auch in den Bildern ausgedrückt», erklärte Wallis in ihrer Eröffnungsrede.
Die Ausstellung zeigt den Zusammenprall der Kulturen im Alltag: Eine gigantische Samsung-Reklame auf einem vietnamesischen Reisfeld zum Beispiel oder die kitschigen Andenken von Emigrantenfamilien in Paris an eine ferne Heimat. In 241 Bildern präsentieren zehn internationale Fotografen und Fotografinnen ihre Sicht der Welt.
«Globalisierung vereint und zerstört zugleich – sie homogenisiert nationale Kulturen und fragmentiert lokale Lebensweisen», schrieb die Londoner Kritikerin Sophie Wright in einer Besprechung der Ausstellung. Und weiter: «Die Bilder zeigen die individuellen Geschichten hinter der abstrakten Terminologie.»
Nachdenken über interkulturelle Kommunikation
Für Walter Fust, Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), ist das «Nachdenken über interkulturelle Kommunikation ein wichtiger Teil der Entwicklungszusammenarbeit», wie er an der Vernissage in Brüssel erklärte. Die DEZA finanziert die Ausstellung, die der Schweizer Fotograf Daniel Schwartz realisiert hat.
Die Schau wurde zuerst in der Schweiz gezeigt, seit vergangenem Herbst ist sie auf Welttournee. Dabei macht sie nicht nur in Entscheidungs-Zentren der Welt wie dem EU-Parlament und dem UNO-Hauptquartier halt, sondern auch in den Slums von Bangladesch.
«Mit ihren Bildern und Essays werfen die Weltreporter Blicke in die Randzonen, die vergessenen Hinterhöfe der Globalisierung», schrieb das Magazin «Der Spiegel». So porträtiert der Schweizer Fotograf Andreas Seibert die chinesischen Wanderarbeiter, die aus den verarmten Agrarprovinzen in die Boomregionen Chinas ziehen und dort die neuen Mega-Grossstädte aufbauen.
Das erste Bild zeigt die Abreise auf einem Lastwagen. Am Schluss steht das Porträt eines Auswanderers, der als Vorarbeiter auf dem Bau ein bescheidenes Auskommen gefunden hat. Auch über das chinesische Neujahr fahre er nicht nach Hause, erklärte er dem Fotografen: «Ich muss arbeiten.»
Wo die Gegensätze beieinander liegen
Das Kapitel «Made in Italy» der spanischen Fotografin Cristina Nunez zeigt, wie nahe die glitzernde Welt der italienischen Modeindustrie und ihr billiger Abklatsch beieinander liegen: Nunez fotografierte die Topmodels auf dem Laufsteg und die Baracken im Niemandsland um Neapel, wo die Markenartikel gefälscht werden.
Chinesische Fabrikanten lassen hier die Piratenmode von billigen Arbeitskräften zusammennähen, oft von ihren ebenfalls eingewanderten armen Verwandten. Illegal eingereiste Afrikaner verkaufen die täuschend echt aussehende Mode dann in der Nacht auf den Strassen der italienischen Städte.
Afrika ist der von der Globalisierung vergessene Kontinent – abgesehen von gewissen Rohstoffen, die die Weltwirtschaft braucht und um die sich lokale Kriegsherren oft blutige Bürgerkriege liefern. Ausgerechnet in diesen Kriegszonen entdeckte der britische Fotograf Tim Hetherington auch Hoffnung: Kinder, die im Sport einen Lebenssinn finden – und vielleicht sogar eine Karriere, die aus dem Elend führt.
Verlassene Strassenkinder
Bereits am Start gescheitert sind dagegen die Kinder, die Shehzad Noorani aus Bangladesch in eindringlichen Schwarzweiss-Bildern zeigt: Verlassene Strassenkinder schlagen sich bettelnd und als Prostituierte in den asiatischen Grosstädten durch.
Offen bleibt, ob wirklich die Zerstörung traditioneller Gemeinschaften für das Elend verantwortlich ist, wie Noorani im Begleittext schreibt. Denn viele dieser Kinder stammen aus niederen Kasten, sind also gerade Opfer der Tradition.
Wie zerstörerisch traditioneller Hass explodieren kann, zeigen die Bilder des Bosniers Ziyo Gafic. Seine Fotografien klagen die Welt an, weil sie nicht oder zu spät intervenierte. So die 600 Särge in einer Fabrikhalle in Srebrenica: In dieser Fabrik, wo niederländische Schutztruppen stationiert waren, hatten 1995 bosnische Zivilisten vergeblich Schutz gesucht – acht Jahre später wurden ihre Leichen dort aufgebahrt.
swissinfo, Simon Thönen, Brüssel
Die Ausstellung «Geschichten von der Globalisierung» ist noch in den folgenden Städten zu sehen:
Brüssel: Vom 1. bis 10. Februar im EU-Parlament. Vom 17. Februar bis 24. April im Kulturzentrum Tour & Taxis.
Kairo: Vom 18. März bis 10. April im Hanager Cultural Center of the Opera House.
Strassburg: Vom 4. bis 31. Mai in der Salle de la Bourse.
Rom: Im Mai in der Stazione Termini – Ala Mazzoniana, Mezzanino Giallo.
New York: Vom 15. Juli bis 7. September in der Besucher-Lobby des UNO-Hauptquartiers.
Paris: Vom Oktober bis November 2007 Gare de l’Est.
Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ist neben der internationalen Zusammenarbeit und der humanitären Hilfe zuständig für die internationale Katastrophenhilfe der Schweiz. Sie ist Teil des Eidg. Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Die DEZA verfügt über ein Jahresbudget von 1,3 Mrd Franken (2005).
Die bilaterale Entwicklungs-Zusammenarbeit konzentriert sich auf 17 Schwerpunktländer und 7 Sonderprogramme in Afrika, Asien und Lateinamerika.
Mit einem Anteil von knapp 0,4% des Brutto-Inlandprodukts für die Entwicklungshilfe liegt die Schweiz weit unter den 0,7%, die von der UNO als Ziel festgeschrieben wurden.
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