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Ein in der Schweiz entwickeltes zweidimensionales System für Computer-Modellierung soll Naturgefahren in den Bergen etwas berechenbarer machen.
Das «Rapid Mass Movements» oder Ramms Projekt am Institut für Schnee- und Lawinenforschung vereinigt Lawinen, Murgänge und Steinschlag in einem einzigen Simulationswerkzeug.
Seit 70 Jahren widmet sich das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos der Erforschung von Lawinen. Doch über Ort, Zeit und Ausmass einer Lawine konnten die Wissenschafter vom Weissfluhjoch bisher keine genauen Voraussagen machen.
Das soll sich nun ändern: sobald das Ramms-Modellierungssystem komplett ist, werden die Prognosen viel genauer ausfallen.
«Mit diesem System können wir komplexere Probleme simulieren», erläutert der Wissenschafter Marc Christen im Gespräch mit swissinfo den zweidimensionalen Aspekt des Modells. Einer der wichtigsten Vorteile gegenüber den eindimensionalen Instrumenten, die
dem Institut bisher zur Verfügung standen, ist, dass in Zukunft viel von dem Rätselraten wegfällt, das bisher unumgänglich war.
«Beim Blick auf eine Lawinenanrisszone werden wir bald einmal viel besser abschätzen können, wo der Schnee ins Tal fährt und wie viel davon links oder rechts niedergehen wird‘, sagt Christen.
Forschung und Prognosen
Das SLF ist das einzige Institut auf der ganzen Welt, das Forschung und Prognose unter einem Dach verbindet, betont Brigit Ottmer, Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit.
«Die Prognostiker erhalten von den Forschern die neuesten Informationen und Daten,
während die Forscher umgekehrt die Fragen der Prognostiker beantworten müssen – Fragen, die nicht nur theoretisch interessant sind, sondern wichtige praktische Implikationen haben», fährt Ottmer weiter.
Die Herausgabe von Lawinenbulletins und die landesweite Versorgung der regionalen Behörden mit zusätzlichen Daten zur Herstellung von Gefahrenkarten – wichtig für die Zonenplanung – gehören zu den herausragenden Dienstleistungen des Instituts.
Das Ramms-Projekt wird die Planung erleichtern. «Fachleute und Bauingenieure wollen über Geschwindigkeiten, Druckkräfte, Schnee- und Schlammtiefen
informiert sein», sagt Marc Christen. «Diese Informationen werden wir ihnen nun geben können.»
Murgänge
Laut Christen ist das Institut beim Modellieren von Lawinen bereits ziemlich weit fortgeschritten, während bei den Erdrutschen, von den Fachleuten Murgänge genannt, noch viel zu tun bleibt.
Gewöhnlich ausgelöst von plötzlichen Schneeschmelzen und intensiven Gewittern, ereignen sich Murgänge meist im Frühjahr oder Sommer.
Im letzten August kamen in der Schweiz bei Erdrutschen und Überschwemmungen nach sintflutartigen Regenfällen sechs
Menschen ums Leben. Das Institut schätzt, dass sich im ganzen Land in den letzten 30 Jahren rund 500 solcher Murgänge ereignet haben, die insgesamt 20 Todesopfer forderten und Infrastrukturschäden in der Höhe von etwa 360 Mio. Franken verursachten.
Ein spannender Aspekt des Ramms-Modellierungssystems ist die Tatsache, dass neben Schneedecke und Terrain auch abschwächende Faktoren wie Wälder und Lawinenverbauungen, welche gefährliche Fliessbewegungen verhindern oder verlangsamen, mit einberechnet werden können.
«Das Ziel besteht darin, die verschiedenen Prozessmodule für eine Gegend zu berechnen und daraus eine umfassende
Gefahrenkarte – nicht bloss für Lawinen – herzustellen», sagt Christen.
Wechselwirkungen berechnen
So kann das Schneedecken-Modul zum Beispiel die Wechselwirkungen zwischen Schneeakkumulation und Lawinenbildung berechnen. Das Steinschlag-Modul ermittelt die notwendigen Flugbahninformationen und beschreibt die typischen Bewegungen der Steine.
Das Debrisflow- oder Murgang-Modul berechnet Wechselwirkungen zwischen Feststoffen (Steinbrocken) und Flüssigkeiten (Wasser).
Wer sich zur Arbeit oder zum Vergnügen in den Bergen aufhält,
sollte deren Gefahren nach wie vor nicht unterschätzen. Doch die Schweiz hat es beim Risikomanagement schon recht weit gebracht.
Ottmer ist überzeugt, dass die Arbeit des Instituts beim Retten von Menschenleben eine wichtige Rolle gespielt hat.
«Der Winter 1999 war ein so genannter Lawinenwinter mit riesigen Schneemengen», erzählt sie.
«Die allgemeinen Umstände waren durchaus vergleichbar dem Katastrophenwinter von 1951, als fast 100 Menschen in Lawinen ums Leben kamen. 1999 betrug die Zahl der Todesopfer jedoch weniger als 20, obschon in diesem Jahr viel
mehr Leute in den Alpen lebten, arbeiteten oder Ferien verbrachten.»
swissinfo, Dale Bechtel, Davos (Übertragen aus dem Englischen: Dieter Kuhn)
Das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) wurde 1931 in Bern gegründet.
Das erste «Schneelaboratorium» wurde fünf Jahre später in 2662 Metern Höhe auf dem Weissfluhjoch oberhalb von Davos gebaut.
Das Institut betreibt Forschung und veröffentlicht tägliche Lawinenbulletins für die ganze Schweiz.
Es wurde 1989 der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) angegliedert.
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