Heute in der Schweiz
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Netflix sollte sich Notizen machen. Das heutige Briefing enthält alle Ingredienzen für ein packendes Drama: Kontroversen im Bundesgericht, politische Grabenkämpfe und einen grossen Umbruch bei einem der bekanntesten Schweizer Detailhändler.
Doch hinter den Schlagzeilen stehen ernsthafte Fragen zur richterlichen Unabhängigkeit, zur wirtschaftlichen Unsicherheit und zu beunruhigenden Vorwürfen der sexuellen Ausbeutung im Zusammenhang mit einer humanitären Organisation.
Sonnige Grüsse aus Bern
Das Schweizer Bundesgericht sieht sich mit Fragen der Unabhängigkeit, der richterlichen Unparteilichkeit und der Rechenschaftspflicht konfrontiert, seitdem eine Beziehung zwischen einem Richter und einer Richterin bekanntgeworden ist. Neue Enthüllungen zeigen, dass sich das höchste Gericht der Schweiz in einer tiefen Krise befindet. «Die chaotische Seifenoper geht weiter», schreibt Le Temps in einem Überblick.
Anfang dieses Monats soll Yves Donzallaz das Büro seines Kollegen Grégory Bovey aufgesucht haben, um mit ihm laufende Verfahren zu besprechen. Nach einem Austausch interner Notizen über diesen Besuch beantragte Donzallaz den Ausstand von Bovey, warf ihm unangemessenes Verhalten vor und stellte infrage, ob er die Revisionsgesuche unparteiisch behandeln könne. Das Bundesgericht wies den Antrag ab.
In der jüngsten Entwicklung liessen die Kolleginnen und Kollegen Bundesgerichtspräsident François Chaix bei seinem Versuch auflaufen, als Präsident der Institution wiedergewählt zu werden. Stattdessen unterstützten die Richterinnen und Richter in einer geheimen Wahl überraschend Thomas Müller, der seine Kandidatur nicht öffentlich erklärt hatte.
Dem Drama im Bundesgericht folgen weitreichende Konsequenzen, die das Vertrauen in das höchste Gericht der Schweiz möglicherweise untergraben. Erstens könnten Fälle, die von Zusammensetzungen mit Donzallaz oder Beatrice van de Graaf entschieden wurden, überprüft werden, da Bedenken bestehen, dass das Gericht möglicherweise nicht ordnungsgemäss besetzt war. Zweitens wird das Schweizer Parlament Ende dieses Jahres in grösserem Rahmen die Bundesrichterinnen und Bundesrichter für die nächste sechsjährige Amtsperiode von 2027 bis 2032 wählen. Sowohl Donzallaz als auch van de Graaf bewerben sich um die Wiederwahl.
Eine weitere Wahl, die man genau verfolgen sollte, ist jene der neuen Vertretung der Schweizerischen Volkspartei (SVP) im Bundesrat. Die wählerstärkste Partei der Schweiz hatte zunächst Mühe, Personen zu finden, die bereit waren, sich zur Verfügung zu stellen. Bis Freitag waren jedoch acht Namen im Rennen. Nun folgt die genaue Prüfung – und vielleicht auch ein politischer Machtkampf?
Die Partei, die angibt, den Mittelstand, die Landwirtschaft und die Arbeitenden zu vertreten, hat Kandidierende mit starkem akademischem Hintergrund nominiert. Fünf der acht Kandidierenden, die sich um die Nachfolge von Guy Parmelin bewerben, haben laut einer Analyse des Blick Rechtswissenschaften studiert.
Über das Wochenende zog Céline Amaudruz besondere Aufmerksamkeit auf sich. Mehrere Medien, besonders in der Deutschschweiz, kritisierten ihre zahlreichen beruflichen Verpflichtungen. Am Sonntag hob die deutschsprachige Presse ihre vier bezahlten Posten und drei Verwaltungsratssitze hervor und stellte die Frage, ob sie zu viele nichtpolitische Mandate innehabe. Amaudruz entgegnete, die Kritik «stärkt meinen Entschluss». Gegenüber dem Westschweizer öffentlich-rechtlichen Sender RTS verteidigte Nationalrat Jean-Luc Addor seine Parteikollegin: «Es gibt, das dürfen wir nicht leugnen, eine gewisse Herablassung unserer Deutschschweizer Kolleginnen und Kollegen gegenüber den französisch- und lateinischsprachigen Schweizerinnen und Schweizern.»
Während die offiziell nominierten Kandidierenden das übliche Prüfungsverfahren durchlaufen, steht Thomas Aeschi, Nationalrat aus dem Kanton Zug, im Hintergrund bereit – für den Fall, dass sich keine einzelne Kandidatur als stark genug erweisen sollte. Laut dem Politologen Adrian Vatter ist Aeschi der Favorit der SVP, wie Nau berichtet. Der Tages-Anzeiger berichtet jedoch, als Hardliner wisse er, dass seine Chancen, von der Bundesversammlung gewählt zu werden, relativ gering sind.
Der humanitären Organisation Médecins Sans Frontières (MSF) wird vorgeworfen, die Schweizer Behörden nicht angemessen über das Ausmass der Meldungen über sexuelles Fehlverhalten ihrer Mitarbeitenden im Tschad informiert zu haben. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) hat daraufhin die Finanzierung der Organisation ausgesetzt.
Laut der NZZ am Sonntag ergab eine interne Untersuchung von MSF 59 Meldungen über sexuelle Gewalt und Ausbeutung, besonders von Frauen und jungen Mädchen, die aus dem benachbarten Sudan geflohen waren. 18 Mitarbeitende wurden entlassen, darunter sechs Angestellte des Schweizer Ablegers der NGO. Die Zeitung bezeichnet die Vorwürfe als «weitverbreitete sexuelle Ausbeutung» und fügt hinzu: «Geld, Jobs oder humanitäre Hilfe im Austausch für Sex: Mitarbeitende sollen die Not von geflüchteten Frauen und Mädchen ausgenutzt haben.»
Der Bund und das Aussendepartement sehen sich ebenfalls Kritik ausgesetzt, da sie nicht rasch auf die erstmals im November 2024 erhobenen Vorwürfe reagiert haben. Erst im Februar 2026 trafen sich Vertretende von Deza und MSF, um über den Schutz vor sexueller Ausbeutung zu sprechen.
Laut dem Aussendepartement hat MSF gegen seine vertraglichen Meldepflichten verstossen. Das Misstrauen gegenüber der NGO sei «innerhalb der Eidgenossenschaft inzwischen immens», schreibt die Neue Zürcher Zeitung. MSF hat inzwischen Fehler eingeräumt. Der Bund prüft weitere Sanktionen und eine externe Untersuchung.
Eine Einladung des Unternehmens am frühen Morgen rief Journalistinnen und Journalisten nur wenige Stunden später zu einer Medienkonferenz zusammen. An dieser kündigte die Detailhändlerin Migros eine grosse Umstrukturierung an sowie den Rücktritt von Konzernchef Mario Irminger und Supermarkt-Chef Peter Diethelm.
Beide Führungskräfte planen ihren Rücktritt für Mitte 2027, etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem die Genossenschafterinnen und Genossenschafter über eine Fusion abstimmen sollen, durch welche die zehn regionalen Genossenschaften zu einer einzigen Konzerngenossenschaft zusammengeführt würden. Die neue Konzerngenossenschaft würde als Dachorganisation für die sieben Geschäftsbereiche dienen, die weiterhin eigenständig tätig bleiben würden. Mitte 2027 sollen die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter des Konzerns den endgültigen Entscheid fällen.
Alle Führungsgremien haben ihre einstimmige Unterstützung für den Umstrukturierungsplan bekundet. «Heute ist ein historischer Tag», sagte Migros-Präsidentin Ursula Nold. «Die Migros macht den Schritt zur Migros-Gruppe-Genossenschaft. Aus zehn Genossenschaften wird eine.»
Während die Medien zuvor spekuliert hatten, die Umstrukturierung könnte zum Abbau von rund 3000 Stellen führen, wies die Migros diese Berichte zurück. An der Medienkonferenz erklärte Konzernchef Irminger, dass bis zur voraussichtlichen Umsetzung der neuen Struktur im Jahr 2028 keine Entlassungen geplant seien.
Im neusten Medienqualitätsrating des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich wurde Swissinfo zur besten Online-Nachrichtenplattform der Schweiz gekürt.
Mit einer Punktzahl von 7,7 von 10 belegten wir mit 0,2 Punkten mehr als im Vorjahr den ersten Platz im Ranking der Schweizer Online-Nachrichtenplattformen. Die Bewertung basierte auf einer Stichprobe der Nachrichtenberichterstattung in den Landessprachen der Schweiz und auf Englisch. Besonders gut schnitt Swissinfo in zwei zentralen Bereichen ab: Professionalität und Einordnung.
Die Auszeichnung kommt zu einer Zeit, in der die Sorgen über Desinformation in der Schweiz zunehmen. Laut dem «Jahrbuch Qualität der Medien 2026» des Fög betrachten inzwischen 56,5% der Schweizer Bevölkerung Fake News als grosses gesellschaftliches Problem. Gleichzeitig gelten 42% der Bevölkerung als «News-Deprivierte», das heisst, sie verfolgen das aktuelle Geschehen kaum und stützen sich auf bruchstückhafte Informationen aus den sozialen Medien.
Die Forschenden betonen, dass der Konsum von Qualitätsjournalismus nach wie vor der wirksamste Schutz vor Desinformation sei, während die ausschliessliche Nutzung sozialer Medien keinen solchen Schutz biete.
Die Studie ergab zudem eine starke Unterstützung für den öffentlichen Rundfunk: 57,7% der Befragten erachten die Angebote der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), zu der auch Swissinfo gehört, als wichtig oder sehr wichtig.
Mehr Swissinfo-Artikel in Ihren Google-Ergebnissen sehen. Weitere Informationen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards