Trump will Magnete – das bringt die Schweizer Hightech-Industrie in Bedrängnis
Während China und die USA um die Kontrolle über seltene Erden ringen, wächst für die Schweiz das Risiko von Lieferengpässen bei Rohstoffen, auf die ihre Hightech-Industrie angewiesen ist.
Es war im Juli, als US-Präsident Donald Trump bei einem Auftritt vor Rüstungsinvestor:innen in Pennsylvania auf seine unverkennbare Art die Bedeutung von Magneten beschwor.
«Ich hoffe, Sie werden Magnete machen. Irgendjemand da draussen, hoffe ich – Sie sind alle brillante Leute –, Magnete. Machen Sie Magnete, okay? Ich sage Ihnen, wie man Geld verdient. Machen Sie Magnete. Sie machen viele grossartige Sachen. Machen Sie Magnete. Denn eines haben wir nicht, aber wir sind nah dran – aber machen Sie Magnete.»
Während einige Medien spekulierten, es handle sich um einen «Altersaussetzer» des 80-jährigen Präsidenten, verwiesen andere auf die geschäftlichen Interessen seines Sohns in diesem Bereich.
Doch Trumps verbaler Exkurs verdeutlichte auch, dass die USA die wenig bekannte Welt der Hightech-Magnete – und der seltenen Erden, die für deren Herstellung benötigt werden – als entscheidend für ihren Machtkampf mit China um die globale Vorherrschaft betrachten.
Es ist ein Konflikt um internationale Lieferketten, der Folgen hat für Unternehmen, die beispielsweise Waffen, Windturbinen oder Uhren herstellen. Besonders betroffen sind kleinere Länder wie die Schweiz, deren Hightech-Industrie auf einen gesicherten Zugang zu kritischen Rohstoffen angewiesen ist.
Rund 12’500 Kilometer östlich des Orts, an dem Trump seine Rede hielt, liegt die Region Ganzhou im Süden Chinas, ein Zentrum für den Abbau seltener Erden.
Eines der Elemente, die in den Minen der Region abgebaut, zu Legierungen verarbeitet und in die ganze Welt verschifft werden, ist Samarium. Der Rohstoff wird im aargauischen Lupfig von der Firma Arnold Magnetic Technologies zu Samarium-Kobalt-Magneten verarbeitet, die in der Luft- und Raumfahrt, in Industriemotoren und anderen Präzisionstechnologien zum Einsatz kommen.
China dominiert die Produktion seltener Erden
Das Unternehmen bezeichnet seinen Handel mit chinesischen Rohstoffproduzenten als Lieferkette «von der Mine bis zum Magneten»Externer Link. Mit den wachsenden Spannungen zwischen China und den USA, besonders bei kritischen Mineralien, ist jedoch die Gefahr von Zöllen und Exportkontrollen gestiegen.
Ende 2025 kündigte Arnold Magnetic neue Partnerschaften mit Unternehmen aus Grossbritannien und Belgien anExterner Link, um sich zuverlässige Materialien aus seltenen Erden westlicher Herkunft zu sichern.
«Die Frage der Versorgungssicherheit bei seltenen Erden wird so schnell nicht verschwinden», sagte Matt Blake, Geschäftsführer von Arnold Magnetic, gegenüber dem Manufacturing Today Magazine.
«China wird auf absehbare Zeit ein wichtiger Teil der globalen Lieferkette für seltene Erden bleiben […]. Deshalb haben wir einen vielschichtigen Ansatz gewählt, um die Risiken entlang dieser Lieferkette zu mindern – unter anderem, indem wir unsere Beschaffungsstrategien diversifizieren.»
Anders als ihr Name vermuten lässt, sind seltene Erden nicht selten. Doch China dominiert ihre Produktion. Das Land hat über Jahrzehnte hinweg enorme Kapazitäten für den Abbau, die Raffination und die Verarbeitung aufgebaut.
Im Jahr 2024 entfielen rund 60 Prozent der weltweiten Förderung seltener ErdenExterner Link und 90 Prozent der Kapazitäten für deren Trennung und Raffination auf China. Die dadurch erzielten Skaleneffekte erschweren anderen Ländern und Unternehmen den Markteintritt.
Solange die Handelsspannungen gering waren, stellte dies kein Problem dar. Doch in den vergangenen Jahren wuchs in den USA, Europa und Japan die Sorge, dass China Waren unter den Herstellungskosten exportiert, damit die industrielle Basis seiner Konkurrenten schwächt und sich eine beherrschende Stellung bei der Versorgung mit Rohstoffen verschafft, die für Bereiche wie die Verteidigung und strategische Infrastrukturen unverzichtbar sind. Dass sich China im Ukrainekrieg auf die Seite Russlands gestellt hat, hat diese Befürchtungen weiter verstärkt.
«Seltene Erden und andere kritische Rohstoffe, die früher bloss als Handelsgüter galten, welche die moderne Industrie antreiben, werden zunehmend als strategische Güter und geopolitische Instrumente eingesetzt, statt einfach gehandelt zu werden», sagt Alessandra Hool, Geschäftsführerin der Stiftung Entwicklungsfonds Seltene Metalle (ESM).
Die Stiftung wurde 1951 gegründet, um seltene Metalle zu erforschen und so die Versorgung der rohstoffarmen Schweiz mit wichtigen Materialien zu sichern.
«Während sich die Förderkapazitäten für einige kritische Rohstoffe in den letzten Jahren etwas diversifiziert haben, bleiben die Verarbeitungskapazitäten für viele dieser Materialien stark in China konzentriert», sagt Hool.
China schränkte 2023 die Ausfuhr bestimmter Mineralien ein, auch in europäische Länder – nachdem die USA den Verkauf von Hightech-Mikrochips an das kommunistische Land begrenzt hatten. In den folgenden Jahren verhängte China weitere Kontrollen, um Druck auf Rivalen wie Japan auszuüben.
Diese Massnahmen «könnten dramatische Auswirkungen auf globale Lieferketten haben, da viele strategische Sektoren auf Produkte und Komponenten angewiesen sind, die seltene Erden enthalten, die den chinesischen Exportkontrollen unterliegen. Zu diesen Sektoren gehören Energie, Automobilindustrie, Verteidigung, Halbleiter, Luft- und Raumfahrt, Industriemotoren und KI-Rechenzentren», schrieb die Internationale Energieagentur (IEA) zu den Beschränkungen.
Die grössten Volkswirtschaften haben unterschiedliche Massnahmen ergriffen.
Die USA bauen ein Netzwerk von Partnerschaften für kritische Mineralien aufExterner Link, das durch Investitionen und sicherheitspolitische Massnahmen gestützt wird.
Japan hat Rohstoffreserven angelegt, in Bergbauprojekte im Ausland investiert und Partnerschaften mit Produzenten wie dem australischen Unternehmen Lynas Rare Earths geschlossen.
Mit der EU-Verordnung über kritische RohstoffeExterner Link (Critical Raw Materials Act) will die Europäische Union erreichen, dass künftig 10 Prozent ihres Rohstoffbedarfs durch den Abbau innerhalb der EU gedeckt werden. Bei der Verarbeitung sollen es 40 Prozent und beim Recycling 25 Prozent sein.
Andere Länder haben eigene Handelsbeschränkungen eingeführt. Laut Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und EntwicklungExterner Link (OECD) haben sich die Beschränkungen für kritische Rohstoffe zwischen 2009 und 2024 verfünffacht, sodass rund 45 Prozent der Exporte seltener Erden solchen Einschränkungen unterliegen. «Importierende Industrieländer nehmen zunehmend Risiken für ihre wirtschaftliche Sicherheit wahr», hält die OECD fest.
Für kleine Länder wie die Schweiz sind einige dieser Optionen jedoch kaum realisierbar. Ihr Binnenmarkt ist klein, und ihre Wirtschaft hat über Jahre vom offenen Welthandel profitiert.
Zwar importiert die Schweiz jährlich weniger als 30 Tonnen SeltenerdmetalleExterner Link und entsprechende Verbindungen direkt. Zahlreiche Schweizer Industrieunternehmen sind jedoch auf Bauteile angewiesen, die solche Stoffe enthalten.
«Die Abhängigkeit der Schweizer Tech-Industrie von seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen aus China ist erheblich», sagt Martin Hirzel, Präsident von Swissmem, dem wichtigsten Branchenverband der Tech-Industrie in der Schweiz. «Bei einer Störung der Lieferkette ist es praktisch unmöglich, kurzfristig einen alternativen Lieferkanal zu finden.»
«Die Schweiz läuft Gefahr, im globalen Wettstreit zwischen den USA und China zum ‹Kollateralschaden› zu werden», fügt er hinzu. Chinesische Exportkontrollen treffen auch Schweizer Industriefirmen, obwohl die Schweiz in den internationalen Handelskonflikten keine Rolle gespielt hat.
Eine Umfrage unter Swissmem-Mitgliedern vom April 2026 ergab, dass rund ein Drittel der von den Unternehmen importierten Waren chinesischen Exportkontrollen unterliegt. «Von den betroffenen Unternehmen hat mehr als die Hälfte Lieferverzögerungen und -unterbrüche erlebt», sagt Hirzel.
Hoffnung auf Allianzen, Recycling und Ersatzstoffe
Laut ESM-Geschäftsführerin Hool sind Schweizer Unternehmen auch indirekt von den Auswirkungen betroffen, etwa durch steigende Kosten und eine zunehmende regulatorische Komplexität.
Der Schweiz fehlten die Marktgrösse, der internationale Einfluss und die Bodenschätze, um eine grössere Selbstversorgung anzustreben, sagt sie. Ebenso wenig könne das Land einfach Japans Strategie übernehmen und sich mit staatlich gestützten Investitionen in grossem Stil Ressourcen im Ausland sichern.
Stattdessen könnte die beste Option darin bestehen, die Beschaffung so weit wie möglich zu diversifizieren, wie dies Arnold Magnetic macht.
Die Schweiz hat bereits Beziehungen zu rohstoffreichen Ländern wie Indonesien aufgebaut. Der südostasiatische Staat gehört zu den grössten Produzenten von Mineralien, die für Batterien und saubere Energietechnologien benötigt werden.
Bei einem Besuch in Indonesien im Jahr 2025 unterzeichnete Wirtschaftsminister Guy Parmelin eine vorläufige Absichtserklärung zur verstärkten Zusammenarbeit bei Rohstoffen und Lieferketten.
Laut Hirzel wird auf Grundlage des bestehenden Freihandelsabkommens zwischen der Schweiz und China ein diplomatischer Kanal eingerichtet, der Schweizer Unternehmen bei Problemen mit der Rohstoffbeschaffung helfen soll.
Auch das industrielle Recycling von Mineralien aus ausgedienten Produkten wie Elektroautobatterien könnte «eine der vielversprechendsten langfristigen Chancen für die Schweiz sein, ihre Abhängigkeit von importierten kritischen Rohstoffen zu verringern», sagt Hool.
Forschende der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) haben Technologien entwickelt, mit denen sich seltene Erden aus Elektroschrott zurückgewinnen lassen. Zur kommerziellen Nutzung des Verfahrens haben sie das Spinoff «REEcover» gegründet.
Forschende arbeiten zudem daran, den Materialverbrauch zu reduzieren, knappe Elemente durch Alternativen zu ersetzen oder völlig neue Produkte zu entwickeln, die ohne diese Rohstoffe auskommen.
Allerdings stehen solche Bemühungen entweder noch in einem frühen Stadium oder gehen das Problem nur punktuell an.
«Partnerschaften können globale Marktrisiken, Versorgungsunterbrüche oder geopolitische Spannungen in der Regel nicht beseitigen», sagt Hool. «Die Antwort der Schweiz sollte ihrer besonderen Position als kleine und stark globalisierte Volkswirtschaft Rechnung tragen.»
Solange die USA, China und die EU im Konflikt stehen – und Trump an seiner Fixierung auf Magnete festhält –, ist dies womöglich das Beste, was die kleinen Länder der Welt erreichen können.
Editiert von Tony Barrett/vm/gw, Übertragung aus dem Englischen: Michael Heger/raf
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