Star-Auktionator Simon de Pury: «Der Kunstmarkt ist reif für Umbrüche»
Simon de Pury erlangte seinen Ruf als Rockstar der Auktionsszene durch den Verkauf von Meisterwerken an die wohlhabendsten Sammler:innen der Welt. Gegenüber Swissinfo erklärt er, das Geschäftsmodell, das ihn berühmt gemacht hat, sei an seine Grenzen gestossen: Die Zukunft des Kunstmarktes hänge von neuen Technologien und dem Einreissen elitärer Mauern ab.
In der Kunstwelt gilt Simon de Pury fast schon als Rockstar und wird häufig als der «Mick Jagger» unter den Auktionatoren bezeichnet.
Der Vergleich zwischen dem 75-jährigen Auktionator, Kunsthändler, Sammler, Fotografen und DJ und dem jugendlich wirkenden 83-jährigen Jagger beruht dabei weniger auf seinem Aussehen – obwohl beide Männer nach wie vor eine üppige und gepflegte Haarpracht zur Schau stellen – als vielmehr auf de Purys öffentlichen Auftritten.
Tadellos gekleidet in seinem charakteristischen marineblauen Caraceni-Anzug widersetzt sich de Pury dem typischen Bild des hochkarätigen Kunstauktionators mit seinem ganz eigenen Stil, den er im Laufe einer mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Karriere verfeinert hat.
Im Dokumentarfilm The Hammer, der im September auf dem Zurich Film Festival Premiere feierte, wirkt de Pury völlig entspannt, während er mit einem Publikum von Kunstsammler:innen scherzt und Witze reisst, die sechs- oder siebenstellige Gebote abgeben. Man gewinnt den Eindruck, dass dieser Mann das Rampenlicht und die Gesellschaft über alles liebt.
Doch de Pury gesteht, dass er auch heute noch nervös wird, wenn er die Bühne betritt. «Ich war als Teenager sehr schüchtern, und zu Beginn meiner Karriere beim Auktionshaus Sotheby’s war es eine Herausforderung, meine Schüchternheit beim Leiten von Auktionen zu überwinden», erzählt er Swissinfo in einem Interview im Luxushotel Baur au Lac nach der Festivalpremiere von The Hammer.
Der aus einer Genfer Patrizierfamilie stammende de Pury räumt ein, dass es auch eine andere, zurückhaltendere Seite seiner Persönlichkeit gibt. «Das ist wohl meine Schweizer Seite», sagt er.
Sein Zuhause ist für ihn jedoch Monaco, wo er seit 2000 lebt. In der Dokumentation deuten nur diskrete Familienfotos, die seine Frau und seiner vier Kinder zeigen, auf sein Privatleben hin.
Das Leben eines Kunst-Verkäufers
Der Film begleitet den Star-Auktionator auf seinen Reisen durch verschiedene Hauptstädte der Welt. Doch seine Karriere umfasst weit mehr als nur den Zuschlag bei Auktionen und Besuche bei Künstler:innen.
Er war 16 Jahre lang für Sotheby’s tätig, bevor er von Baron Heinrich Thyssen-Bornemisza eingeladen wurde, dessen Privatsammlung – damals eine der grössten der Welt – zu kuratieren und deren Umzug von seiner Villa in Lugano, Schweiz, an ihren heutigen Standort, das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid, zu leiten.
Im Jahr 2000 erwarb de Pury das Auktionshaus Phillips (gegründet 1796) und positionierte es mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Kunst neu. 2012 verkaufte er es an die Mercury Group, eine Holding im Besitz zweier russischer Oligarchen. Seitdem ist de Pury selbstständig: Sein Unternehmen besteht lediglich aus ihm und einem Assistenten.
«Als ich Phillips verkaufte, dachte ich, ich würde nie wieder eine Auktion leiten», sagt er. «Und jetzt, in meinem fortgeschrittenen Alter, leite ich mehr Auktionen denn je zuvor.»
In der Woche vor unserem Treffen in Zürich hatte er Auktionen in Dallas, Venedig, Basel und Monaco durchgeführt; am nächsten Tag würde er zu einer weiteren Woche mit einem vollem Programm aufbrechen.
Obwohl er im Luxussegment des Kunstmarktes agiert, hält de Pury Ausschau nach neuen Trends und zeigt sich besorgt über den Elitismus, der diese exklusive Welt beherrscht. Um den Zugang zu Kunstwerken zu erleichtern, scheut er nicht davor zurück, neue Technologien einzusetzen.
Zum Thema Ego: «Es gibt diesen Künstler, den ich bewundere, John Giorno (1936–2019), der einmal einen grossen Siebdruck mit dem Titel ‹Big Ego› anfertigte. Also fragte ich ihn, ob er eine überdimensionale Version davon machen würde, und verkaufte sie dann bei einer Wohltätigkeitsauktion im Rahmen einer Gala in Cannes während der Filmfestspiele. Ich fand es einfach genial, dass alle so hoch auf das grosse Ego boten.»
Swissinfo: Der Kunstmarkt hat sich in Ihrer 50-jährigen Karriere stetig verändert. Es gibt neue Akteur:innen: grosse Galerien, globale Galerien, internationale Kunstmessen und neue grosse Märkte wie China. Vermissen Sie die alte Kunstwelt ein wenig?
Simon de Pury: Nein, das tue ich nicht. Ich denke, der Kunstmarkt befindet sich an einem faszinierenden Wendepunkt und braucht einen grundlegenden Wandel. Er ist einer der Bereiche, die sich bisher allen technologischen Innovationen am erfolgreichsten widersetzt haben, aber jetzt ist er an einem Punkt angelangt, an dem er sie annehmen muss.
Man kann sich Veränderungen zwar entgegenstellen, aber irgendwann setzen sie sich durch. Und ich glaube, genau das wird jetzt passieren.
Obwohl der Kunstmarkt heute deutlich grösser ist als zu Beginn meiner Karriere, ist er absolut gesehen immer noch klein und birgt immer noch ein enormes Wachstumspotenzial. Kunst ist universell, genau wie Musik.
Ich habe den Eindruck, dass die Kunstwelt sich abgeschottet und die Menschen eingeschüchtert hat und dass neue Technologien den Markt und das damit verbundene Wissen für alle zugänglich machen werden.
Sie nehmen in diesem Markt einer zentrale Position ein. Und wie wir im Film sehen können, arbeiten Sie auch daran, die Zwischenhändler:innen auszuschalten, indem Sie die Künstler direkter mit ihren Käufer:innen in Kontakt bringen. Das ist doch auch eine Art von Disruption.
Auktionshäuser werden an Bedeutung verlieren, weil sie Zwischenhändler sind. Ich bin gespannt, wie sich Live-Auktionen erfolgreich verändern werden, indem die Kunstwelt sie spielerisch gestaltet und so zugänglich macht, dass jeder daran teilnehmen kann.
Wenn ein bedeutender Sammler Sotheby’s oder Christie’s betritt, wird ihm der Experte alles über ein bestimmtes Objekt erzählen und sein Fachwissen weitergeben. Doch dieses Wissen kann mit jedem geteilt werden.
Und mit Wissen wächst die Wissbegierde. Der Schlüssel liegt in der Bildung: Je mehr man über ein Thema weiss, desto mehr möchte man wissen und desto tiefer möchte man in es eintauchen. Die Verbreitung von Wissens ist absolut unerlässlich.
Ich glaube, die Umwälzungen werden wahrscheinlich nicht von den etablierten Akteuren ausgehen, sondern von Personen mit technischem Know-how und Gaming-Erfahrung. Und natürlich braucht man auch das Fachwissen des Kunstmarktes.
Wenn man die die besten Elemente dieser Faktoren vereint, kann man den Kunstmarkt grundlegend revolutionieren. Das aktuelle Modell ist das Ergebnis der Vision von Peter Wilson, der 1958 Vorsitzender von Sotheby’s wurde, und alles, was er damals voraussah, ist eingetroffen.
Doch ich glaube, wir haben nun die Grenzen dessen erreicht, was dieses Geschäftsmodell leisten kann. Es bedarf nun einer echten Disruption.
Es wächst eine neue Generation von Sammlerinnen und Sammlern heran. Viele erben die Sammlungen ihrer Eltern und verkaufen sie nicht. Hinzu kommen neue Akteure wie Tech-Milliardäre und der aufstrebende asiatische Markt. Glauben Sie, dass diese eine Rolle bei diesem Umbruch spielen können?
Es ist für den Kunstmarkt sehr wichtig, sich ständig zu erneuern und seinen Pool an Käufern und Sammlern zu verjüngen. Jedes Jahr verstirbt eine ganze Reihe sehr bedeutender Sammler.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel.
Nehmen wir Hip-Hop. Ich war fasziniert von dem ganzen Schmuck in der Szene, dem auffälligen Schmuck, den sie trugen. Das war kulturell gesehen eine sehr innovative Sache in einem Bereich, in dem es sonst nicht so viel Innovation gibt.
Damals kauften die grossen Hip-Hop-Mogule protzige Autos, teure Uhren und Schmuck, aber überhaupt keine Kunst. Und dann änderte sich das. Wer hat diesen Wandel bewirkt? Der Erste war Kanye West. Ich weiss, sein Name ist heute umstritten, und er ist in der Tat nicht zu verteidigen.
Dennoch war er der Erste, der zeitgenössische Künstler wie Takashi Murakami [für sein drittes Studioalbum Graduation aus dem Jahr 2007] oder George Condo [für My Beautiful Dark Twisted Fantasy aus dem Jahr 2010] mit der Gestaltung seiner Albumcover beauftragte und der Erste, der Kunst sammelte.
Und dann folgten zahlreiche wichtige Hip-Hopper wie Jay-Z, Pharrell Williams, Puff Daddy und viele andere seinem Beispiel und konzentrierten sich auf afroamerikanische Kunst.
Lange Zeit war Jean-Michel Basquiat der einzige afroamerikanische Künstler mit hohem Bekanntheitsgrad auf dem Markt, als wäre er der einzige ‹Artist of Color›. Und dann gab es diese ganze Welle fantastischer Künstler wie Mark Bradford, Kerry James Marshall… es ist eine lange Liste von Künstlern, deren Marktwert exponentiell gestiegen ist.
Die Tech-Community ist, abgesehen von ein, zwei Ausnahmen, noch nicht wirklich in den Markt eingestiegen nach dem Vorbild der Hedgefonds-Manager, die zu grossen Sammler:innen wurden, als sie anfingen, viel Geld zu verdienen. Viele von ihnen betrachteten Kunst jedoch eher als Investition und handelten nicht aus Liebe zu ihr.
Möglich, ja. Aber ich halte es für sehr wichtig, dass die Tech-Community aktiver in den Kunstmarkt einsteigt. Das wird sie auch tun, sobald sie versteht, dass Kunst und Kultur der einzige Weg sind, ein nachhaltiges Vermächtnis zu hinterlassen. Man kann noch so innovativ sein, aber Innovationen werden niemals so grosse und dauerhafte Spuren hinterlassen wie Kunst und Kultur.
Ein weitere sehr wichtige Welt, die mir am Herzen liegt und die noch nicht auf dem Markt vertreten ist, ist die des Fussballs. Man braucht nur jemanden wie [den norwegischen Fussballer] Erling Haaland, der mit dem Sammeln beginnt, um eine Bewegung auszulösen.
So wie Hip-Hopper zu Trendsettern wurden, werden auch Fussballspieler zu Trendsettern, denn wer am meisten ausgibt, wird zum Trendsetter. Dasselbe könnte für die Tech-Community gelten. Deshalb wird sich der Geschmack ständig verändern und weiterentwickeln.
Was neue Märkte angeht, ist China mittlerweile der zweitgrösste Kunstmarkt der Welt. Spielt China heute aber eine bedeutende Rolle, da chinesische Sammler:innen im Allgemeinen hauptsächlich chinesische Kunst kaufen?
Anfänglich ja. Der chinesische Fall ist sehr interessant, denn ganz am Anfang wurden einige der grössten Sammlungen chinesischer Kunst von Nicht-Chinesen aufgebaut. [Der Schweizer Geschäftsmann] Uli Sigg war die Schlüsselfigur der chinesischen Kunstszene.
Und als [der Schweizer Kurator] Harald Szeeman 1982 als Leiter der Biennale von Venedig erstmals einen Schwerpunkt auf chinesische Kunst legte, handelte es sich ausschliesslich um Künstler, die von Uli Sigg entdeckt worden waren. Erst danach begannen die Chinesen wirklich aktiv zu sammeln und erwarben schliesslich auch Werke bedeutender westlicher Künstler.
Aber hauptsächlich Alte Meister, richtig?
Ja, klassische und moderne Meister wie Modigliani, aber auch avantgardistische zeitgenössische Kunst. Während der Covid-Pandemie, als wir Kunst nur auf dem iPad und iPhone betrachten konnten, spielten die Chinesen eine grosse Rolle beim Online-Kauf.
Das hat sich momentan etwas beruhigt, aber ich würde sagen, dass asiatische Käufer für die Zukunft des Kunstmarktes absolut entscheidend sind. Man muss immer im Blick behalten, welche Regionen der Welt wirtschaftlich am stärksten sind.
Kreativität gedeiht in der Regel in wirtschaftlich starken Gebieten. Mich fasziniert es immer wieder zu beobachten, wie ein wirtschaftlicher Aufschwung einen kulturellen Aufschwung mit sich bringt.
Wo glauben Sie, findet das jetzt statt?
In Amerika ist eine neue Kategorie von Oligarchen entstanden. Dies wird sich sowohl auf den Markt als auch auf zukünftige Vorlieben auswirken.
Der Markt ist deutlich globaler geworden. Einige der besten zeitgenössischen Kunstwerke der letzten Jahre stammen aus Afrika.
Es gibt die fantastische Kunstmesse 1-54 [London, New York und Marrakesch],Externer Link die die Karrieren zahlreicher afrikanischer Künstler beflügelt hat… der Standort ist also nicht mehr entscheidend für Künstler.
Dennoch wird der Grossteil afrikanischer Kunst weiterhin in Amerika und Europa gehandelt. Es gibt keine grossen Händler oder bedeutende Akteure aus Afrika.
Es gibt mittlerweile aber eine ganze Reihe afrikanischer Sammler. Vor zwei Wochen war ich in Ruanda und habe das neu eröffnete Gihanga Institute of Contemporary Art besucht.
Die Initiatorin, Kami Gahiga, arbeitet unter anderem für die Art Basel und ist dort für alle afrikanischen Sammler zuständig. Alles ist global vernetzt.
Wir beobachten eine Konsolidierung des Marktes, in dem die grösseren Akteur:innen überleben und florieren, während die mittelgrossen Galerien, darunter auch jene, die sich auf lateinamerikanische und afrikanische Kunst spezialisiert haben, zunehmend unter Druck geraten. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage für mittelgrosse und kleinere Galerien ein? Gerade dort findet man ja häufig neue und originelle Talente.
Deshalb glaube ich, dass der Markt reif für Umbrüche ist. Ja, es herrscht ein gewisser Druck; für die überwiegende Mehrheit der Galerien ist es finanziell sehr schwer zu überleben.
Das bedeutet, dass es sich die meisten von ihnen nicht mehr leisten können, von einer Kunstmesse zur nächsten zu reisen – und um auf einer Kunstmesse zugelassen zu werden, benötigt man auch einen festen Standort.
Dieses Modell ist problematisch, da nur die Top-Akteure weiterhin daran teilnehmen können; eine grosse Anzahl von Galerien wird ausgeschlossen bleiben. Bei Auktionshäusern ist es so: Sobald sie etwas weniger profitabel werden, erhöhen sie ihre Provision, was kein nachhaltiges Geschäftsmodell ist.
Wenn ich ein Objekt im Wert von null bis drei Milliarden Dollar verkaufen muss, muss ich davon mindestens 28% auf den Tisch liegen lassen – das sind absurde Margen.
Der Markt muss Wege finden, diese Margen zu senken. Das wird den Markt vergrössern. Und eine höhere Vertriebseffizienz wird nur durch Technologie erreicht werden können.
Und Sie freuen sich, Teil dieser Umwälzung zu sein, richtig?
Solange ich gesund und munter bin, würde ich sehr gerne dabei sein, ja.
Editiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen: Petra Krimphove/ml
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