Schweizer:innen in Paris: Wie kann man sich organisieren, ohne seine Seele zu verlieren?
Im Grossraum Paris, wo zwischen 15'000 und 20'000 Schweizer:innen leben, altern die traditionsreichen Schweizer Vereine. Einige sind bereits verschwunden. Die Gründung des "Cercle des Suisses d’Île-de-France" ist eine Reaktion auf diesen Rückgang. Doch bereits jetzt sorgt die Gründung für Diskussionen.
Der «Cercle des Suisses d’Île-de-France» wird am 24. September offiziell ins Leben gerufen. «Es wird ein Freundeskreis von Landsleuten sein, ein Ort der Begegnung und des beruflichen Austauschs, aber auch ein Ausgangspunkt für kulturelle oder gastronomische Ausflüge», fasst es Präsident Luc Jeannin-Naltet zusammen. «Die Schweizer im Grossraum Paris müssen sich untereinander und mit ihrem Heimatland vernetzen.»
Nach wenigen Wochen der Werbung zählt der Cercle bereits 150 Mitglieder. «Dieser Verein entspricht einem echten Bedürfnis. Es gab keinen Ort des Austauschs mehr, der als Verein organisiert war, für die Schweizer in der Île-de-France», sagt Luc Jeannin-Naltet, stellvertretender Delegierter im Auslandschweizerrat. Die Mitgliedschaft kostet 27 Euro. «26 wie die 26 Kantone, plus 1 Euro für die Auslandschweizer», sagt der Präsident lächelnd. Ein Grundsatz ist auch: Die Teilnahme an jeder Veranstaltung, sei es ein Bankett oder Ähnliches, soll 25 Euro betragen.
Bezahlen, um sich zu treffen? «Das widerspricht dem helvetischen Geist», sagt dazu François Kneuss. Seit fünf Jahren organisiert der Reiseleiter, der Paris wie seine Westentasche kennt, einmal im Monat Treffen unter Schweizer:innen in einem Pariser Bistro. Der Empfang ist herzlich und freundlich. Man zahlt nur für sein Getränk und um den Couscous der Wirtin oder gelegentlich das Fondue von François Kneuss zu geniessen.
Jeden 1. August lässt François Kneuss seine Schweizer Landsleute ein Pariser Stadtviertel entdecken. Als leidenschaftlicher Stadtführer gehen dem Jurassier die Anekdoten über die französische Hauptstadt nie aus. Er bedauert jedoch die zunehmende Zahl konkurrierender Initiativen innerhalb der Schweizer Gemeinschaft. «Jeder will sein eigenes Ding in seiner Ecke machen, und das ist wirklich schade», meint er. Seiner Ansicht nach gleicht der neue «Cercle des Suisses d’Île-de-France», der von Luc Jeannin-Naltet ins Leben gerufen wurde, der an mehreren seiner eigenen Treffen teilgenommen habe, einem wenig herzlichen «Copy and Paste».
Alterungserscheinungen
Ungeachtet ihrer Meinungsverschiedenheiten sind sich beide Männer aber einig: Die Schweizer Vereine im Grossraum Paris haben Mühe, eine neue Generation anzuziehen. Einige sind bereits verschwunden, wie beispielsweise der «Cercle d’études helvétiques». «Es ist nicht einfach, das Ganze zu verjüngen», räumt François Kneuss ein.
Serge Lemeslif weiss davon ein Lied zu singen. 25 Jahre lang organisierte der ehemalige Präsident der «Union des associations suisses de France» (UASF) gemeinsam mit anderen das 1.-August-Fest im Schweizer Pavillon der «Cité internationale universitaire», einem Werk von Le Corbusier. In guten Jahren versammelten sich bei dieser Veranstaltung bis zu 800 Menschen. Doch dann verschwand die Credit Suisse – und mit ihr die finanzielle Zuwendung, mit der das Defizit ausgeglichen wurde, wie der Achtzigjährige betont.
Kaum besser sieht es bei Visarte-France aus, dem Künstlerverband, dessen Vorsitzender Serge Lemeslif ist. «Es ist nur noch eine Gruppe weisshaariger Überlebender übrig. Junge Schweizer Künstler ziehen Berlin Paris vor», stellt der Architekt und Bildhauer bitter fest, der einen Teil seiner Zeit im ehemaligen Atelier von Man Ray im 6. Arrondissement von Paris verbringt, um von Giacometti inspirierte «gehende Männer» zu schaffen.
Lesen Sie hier unseren Artikel über die Zukunft der Schweizer Vereine in Frankreich:
Mehr
Die Schweizer Vereine in Frankreich: Überalterung – und bald ein neuer Club?
Die glorreiche Zeit der 1920er- und 1930er-Jahre
«Der Verband der Schweizer Vereine in Paris hat vor etwa zehn Jahren seine Pforten geschlossen. Es gab niemanden mehr, der sich darum gekümmert hätte», bedauert Serge Lemeslif.
Wie weit zurückliegt doch die glorreiche Zeit der Pariser Schweiz. Die Zeit in den 1920er- und 1930er-Jahren, als die «Union sportive suisse» den Pariser Fussball dominierte und im «Stade suisse de la Porte dorée» spielte. Oder auch in der Nachkriegszeit, als sich die Ausgewanderte in der «Taverne de Genève» oder im «Chalet» von J. Steiger am Boulevard Bonne-Nouvelle trafen. Das letzte Schweizer Restaurant am Boulevard Raspail hat vor einigen Jahren geschlossen. Die «Union sportive suisse de Paris» existiert zwar noch, hat aber längst die Elite des französischen Fussballs verlassen und versammelt heute hauptsächlich … französische Spieler.
Die Schweizer Schützenvereinigung von Paris (SSTP) ist die älteste der sportlichen Einrichtungen. Als Ableger der ehrwürdigen, heute jedoch nicht mehr existierenden Turnvereinigung wurde sie 1865 gegründet. Im Jahr 1914 wurde sie dann zu einer eigenständigen Vereinigung. Hier, auf dem Schiessstand von Versailles, nur einen Steinwurf vom berühmten «Pièce d’eau des Suisses» des Schlosses entfernt – einem grossen, von den ehemaligen Schweizer Gardisten des Königs ausgehobenen Wasserbecken –, wird das Schiessen wie in der Eidgenossenschaft praktiziert: auf 300 Meter mit dem militärischen Sturmgewehr oder auf 25 Meter mit der Pistole.
Ein zerfallendes Vereinsgefüge
Allerdings schränken die sehr strengen Regeln für das Schweizer Schützenwesen die Zahl der Kandidaten ein. «Und die 2020 vom VBS unter der Leitung von Viola Amherd getroffene Entscheidung, die Munitionslieferungen an im Ausland anerkannte Schützenvereine einzustellen, hat die Lage nicht verbessert, ganz im Gegenteil», bedauert Didier Ferré, Ehrenpräsident der SSTP. «Die Verbindung zur Schweiz ist abgebrochen. Unser Überleben steht auf dem Spiel.»
Der Schweizer Wohltätigkeitsverein steht nicht viel besser da. Vor einigen Jahren zählte er noch 500 Spender, heute sind es nur noch 150. «Dabei gibt es nach wie vor genauso viele Schweizer in Not, denen wir in ganz Frankreich helfen», bemerkt ihre langjährige Präsidentin Madeleine Boulanger-Zermatten. «Wenn jemand die Absicht bekundet, mich abzulösen, werde ich ihm gerne den Platz überlassen.»
Trotz einer starken Gemeinschaft von 15’000 bis 20’000 Schweizer Staatsangehörigen in der Île-de-France tut sich das Schweizer Vereinswesen schwer, sich zu erneuern, und verliert nach und nach an Substanz. «Dieser neue Cercle kann eine gute Sache sein», meint Serge Lemeslif. Allerdings unter einer Bedingung: «Dass er nicht nur einigen persönlichen Ambitionen dient.»
Warum Frankreich das beliebteste Auswanderungsziel der Schweizer:innen ist:
Mehr
Warum Frankreich bei Schweizer Ausgewanderten die Nummer 1 ist
Editiert von Samuel Jaberg. Übertragung aus dem Französischen: Giannis Mavris
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch