Die Erwärmung der Ozeane betrifft auch Binnenländer wie die Schweiz
Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen waren die Meere so warm wie heute. Steigende Meerestemperaturen haben auch Folgen für das Leben in Binnenländern.
Ein erfrischendes Bad im Meer gefällig? Wer im August auf Mallorca Ferien verbrachte, dürfte wahrscheinlich nur den Kopf schütteln. Eine Boje vor der Baleareninsel verzeichnete eine Rekordtemperatur von 33 °C – das sind nur ein paar Grad weniger als ein heisses Bad zu Hause.
«Für das Mittelmeer ist das wirklich ein aussergewöhnlicher Temperaturrekord», meint Thomas FrölicherExterner Link, Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern, gegenüber Swissinfo.
Doch das ungewöhnliche Phänomen beschränkt sich nicht auf das Mittelmeer, wo die Wassertemperaturen in einigen Gebieten bis zu 6 °C über dem saisonalen Durchschnitt lagen. Gemäss dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm «Copernicus»Externer Link erreichte die durchschnittliche Temperatur der Meeresoberfläche diesen Sommer weltweit 21,1 °C und übertraf damit den Rekord aus 2024, dem heissesten Jahr seit Messbeginn.
Die Erwärmung der Ozeane, die mittlerweile 1,1–1,2 °C über dem vorindustriellen Niveau liegt, bedeutet jedoch weit mehr als nur unangenehm warmes Badewasser. Die Folgen betreffen auch marine Ökosysteme und das Klima an Land. Dazu gehören auch von der Küste weit entfernte Länder wie der Schweiz.
«Am meisten Sorgen bereitet mir, dass die heute aussergewöhnlich hohen Meerestemperaturen in zehn oder zwanzig Jahren ganz normal sein werden», erklärt Frölicher. Es bestehe die Gefahr, dass sich die empfindlichsten Ökosysteme nicht mehr anpassen können, was sich in der Folge auf die Biodiversität, die Fischerei, die Ernährungssicherheit und die Küstengemeinden auswirken würde.
Die folgende Grafik zeigt, dass die durchschnittlichen Oberflächentemperaturen des Meeres inzwischen Rekordwerte erreicht haben.
Warum erwärmen sich Meere und Ozeane?
Hauptursache für die Erwärmung der Meere sind Treibhausgasemissionen. Kohlendioxid (CO₂), Methan und andere Gase halten Wärme in der Erdatmosphäre zurück. Diese zusätzliche Wärme, die durch menschliche Aktivitäten erzeugt wird, nehmen die Ozeane zu mehr als 90%Externer Link auf.
Wie an Land werden auch Hitzewellen im Meer (marine Hitzewellen) häufiger, intensiver und länger. Der Anteil europäischer Meeresregionen, die von diesem Phänomen betroffenen sind, ist von durchschnittlich 40% in den 1980er-Jahren auf 98% im Zeitraum 2023–2025Externer Link gestiegen. Frölicher weist darauf hin, dass es vor etwa zehn Jahren im nordöstlichen Pazifik zu einer Hitzewelle gekommen sei, die fast ein Jahr gedauert habe.
Die Erwärmung findet jedoch nicht nur an der Meeresoberfläche statt. Laut Frölicher staut sich die Wärme im gesamten Ozean an, insbesondere in den oberen 2000 Metern. Zudem deuten Messungen rund um die Antarktis und im Nordatlantik darauf hin, dass sich auch die Tiefengewässer allmählich erwärmen.
Laut einer neuen StudieExterner Link der World Weather Attribution (WWA) – einer internationalen Expertengruppe, die die Rolle des Klimawandels bei extremen Wetterereignissen untersucht – sind der Klimawandel und insbesondere die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl die Hauptursache für die steigenden Temperaturen in den europäischen Meeren.
«Jede zusätzliche Tonne CO2, die wir ausstossen, bringt die europäischen Küstengewässer und Ökosysteme in einen Zustand, den es bisher noch nie gegeben hat», sagt Frölicher, der einer der Mitautoren der Studie ist.
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Welche Auswirkungen hat El Niño auf die Meerestemperaturen?
El Niño ist ein natürliches, zyklisches Klimaphänomen, das eine aussergewöhnliche Erwärmung der Oberflächengewässer im tropischen Pazifik verursacht. Dieses Jahr ist das Phänomen besonders intensiv, möglicherweise so stark wie noch nie seit Messbeginn.
El Niño spielt eine wichtige Rolle, weil dadurch Wärme zwischen dem tropischen Pazifik und der Atmosphäre umverteilt wird, erklärt Frölicher. «So steigen die globalen Meeresoberflächentemperaturen vorübergehend noch stärker an, als dies allein durch die Auswirkungen der globalen Erwärmung der Fall wäre.» Laut einer aktuellen StudieExterner Link sind El-Niño-Ereignisse heute extremer als in den letzten 1000 Jahren.
Welchen Einfluss haben wärmere Ozeane auf Klima und Wetter in Europa?
Was im Ozean geschieht, bleibt nicht im Ozean – daran erinnertExterner Link das Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS).
Die Ozeane rund um Europa prägen das Klima und die Wetterverhältnisse des Kontinents massgeblich. Der Nordatlantik beeinflusst die Luftzirkulation in der Atmosphäre durch die vorherrschenden Westwinde und Schwankungen der Oberflächentemperaturen im Ozean wirken sich direkt auf die Niederschlagsmuster aus.
Wärmere Meere liefern Stürmen mehr Energie und Wasserdampf, beschleunigen die Verdunstung und können zu stärkeren und intensiveren Niederschlägen über Land führen. Sie können auch Monsune beeinflussen und das Zerstörungspotenzial tropischer Wirbelstürme erhöhen.
In Europa werden extreme Niederschlagsereignisse teilweise den ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen im Mittelmeer zugeschrieben. Ein Beispiel dafür sind die Überschwemmungen im spanischen Valencia 2024Externer Link.
Die Erwärmung der Ozeane trägt zudem zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Wasser dehnt sich bei Erwärmung aus und nimmt an Volumen zu, und höhere Temperaturen beschleunigen das Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und der Antarktis.
Warum sind steigende Meerestemperaturen für ein Binnenland wie die Schweiz von Bedeutung?
Hohe Temperaturen im Mittelmeer verstärken die Verdunstung und reichern die Atmosphäre mit Wärme und Feuchtigkeit an. Erreichen diese Luftmassen die Südschweiz, können sie zu einer Phase intensiver Niederschläge führen, hält Frölicher fest.
Wenn besonders warme, feuchte Luft in Richtung Schweiz transportiert wird und auf die Alpen trifft, kann es zu starken Niederschlägen kommen. «Das heisst nicht, dass jeder Sturm und jede Starkniederschlagsphase in der Schweiz durch hohe Meeresoberflächentemperaturen verursacht wird», betont Frölicher. Allerdings erhöhen wärmere Meere auch in der Schweiz das Risiko extremer Niederschlagsereignisse.
Der Zusammenhang zwischen Meeresoberflächentemperaturen und extremen Niederschlagsereignissen in der Schweiz wird aktuell erforscht.
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Welche Auswirkungen haben steigende Meerestemperaturen auf marine Ökosysteme?
Aussergewöhnlich hohe Oberflächentemperaturen der Weltmeere und marine Hitzewellen haben «verheerende Folgen für marine Ökosysteme», warnt die WWA. Sie verursachen ein Massensterben bei Schlüsselarten wie Korallen, Schwämmen und Makroalgen.
Zahlreiche Arten wie Sardinen und Makrelen ziehen auf der Suche nach kühleren Gewässern nordwärtsExterner Link. Andere Tiere wie Oktopusse und Kalmare profitieren von Hitzewellen, weil sie wärmere Temperaturen bevorzugen oder ihre natürlichen Feinde verschwinden, wie Meeresökologe John Bruno von der University of North Carolina gegenüber Euronews erklärtExterner Link. Diese Veränderungen können sich auf die Verfügbarkeit von Fischen und Schalentieren für die Fischerei und Aquakultur auswirken.
Im Mittelmeer breiten sich auch exotische und teilweise invasive Arten wie der Feuerfisch aus. Sie könnten das ökologische Gleichgewicht stören, erklärt Guido Gnone, wissenschaftlicher Koordinator des Aquariums von Genua, gegenüber Radiotelevisione Svizzera (RSI)Externer Link. Einigen Arten bietet die Entwicklung zwar neuen Lebensraum, wie beispielsweise der im Mittelmeer am häufigsten vorkommenden Meeresschildkröte (Caretta caretta). Insgesamt aber birgt der Klimawandel laut Gnone die Gefahr eines erheblichen Biodiversitätsverlusts.
Das sieht auch Thomas Frölicher so: «Einige Fischereisektoren in nördlichen Regionen könnten von der Migration der Arten profitieren. Betrachtet man die Situation jedoch auf globaler Ebene, ist die Bilanz negativ.» Den höchsten Preis werden die Länder des Globalen Südens zahlen, die sowohl als Einkommensquelle als auch als lebenswichtige Nahrungsressource stark von der Fischerei abhängig sind.
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Welche Auswirkungen hat die Erwärmung der Ozeane auf die menschliche Gesundheit?
Laut WWA begünstigen steigende Meerestemperaturen die Ausbreitung von Krankheiten, die durch Wasser übertragen werden, beispielsweise die Vibriose. Zudem können Quallenblüten, die durch die neuen Umweltbedingungen begünstigt werden, den Badetourismus beeinträchtigen.
Wie können wir uns an die immer wärmer werdenden Meere anpassen?
Der wirksamste Weg, um die Erwärmung der Ozeane zu begrenzen und künftige Auswirkungen zu verringern, ist der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und die Senkung der Treibhausgasemissionen.
Gleichzeitig sind auch Anpassungsmassnahmen erforderlich. Laut UNU-EHS wären die Einrichtung von Meeresschutzgebieten, nachhaltige Fischereimethoden und die Wiederherstellung von Küstenökosystemen wie Mangroven Methoden, um die Widerstandsfähigkeit der Ozeane zu stärken.
«Oft wird unterschätzt, dass die Erwärmung der Ozeane nicht einfach ein kurzfristiges Phänomen ist oder sich auf die Oberfläche beschränkt», sagt Frölicher. «Die Wärme, die sich in den Ozeanen ansammelt, wird dort über Jahrhunderte hinweg gespeichert bleiben.»
Für die Regulierung des Erdklimas und die Eindämmung der globalen Erwärmung bleiben die Ozeane einer unserer wichtigsten Verbündeten. Wie effektiv sie diese Rolle weiterhin spielen können, hängt auch von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen.
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Editiert von Gabe Bullard/VdV. Übertragung aus dem Italienischen: Lorenz Mohler
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